Die Wahrheit: Wahrheit lügt!

Verwirrung? Wahnsinnismus? Oder ein Täuschungsversuch? Wahres Alter enthüllt! Heute wird die Wahrheit-Seite überraschend 30 Jahre alt.

Die erste Wahrheit-Seite vom 3. September 1991 Foto: taz-Archiv

Am 3. September 1991 erschien die erste Wahrheit-Seite in der taz. Also feiert die Wahrheit heute ihren 30. Geburtstag! Und ist sechs Tage älter, als überall verkündet wird! Wie kann das sein? Denn immer wieder behauptet die Redaktion, der Ersterscheinungstag wäre der 9. September 1991. So zuletzt in einer Pressemitteilung, die in alle Lande versandt wurde. Dabei zeigt das Beweisfoto doch genau: Die erste Seite mit fast allem Drum und Dran, mit dem berühmten Françoise-Cactus-Design, mit Gurke und Wetter, wenn auch noch ohne touché, kam exakt am 3. September 1991 heraus.

Ein Fehler? Oder lügt die Wahrheit? Und verschleiert bewusst ihr wahres Alter? Was ist der Grund? Verwirrung? Oder will sie alle Welt täuschen? Oder ist es eine Art von Wahnsinnismus, weil sich die Wahrheit mit allerlei Formen des Irrsinns unserer Zeit beschäftigt und dabei angesteckt hat?

Fragen wir nach – bei den besten Kennern der Wahrheit, den Betroffenen, die tagein, tagaus ertragen müssen, dass sich Kübel von Hohn und Spott über sie ergießen. Jetzt sprechen die wahren Opfer.

Wie Mohammed Parafarani. Der Gesandte von Gesichtsmatratzen United (GU), dem weltweiten Zusammenschluss islamistischer Hordenbärte, weiß, wovon er redet: „Wir Verkünder der Wahrheit lassen keine andere Wahrheit neben uns zu. Wenn es um Humor und Satire geht, verstehen wir keinen Spaß, sondern immer nur Talibanhof. Das ist, beim Barte des Propheten, ein richtig gutes islamistisches Wortspiel. Da lacht der Taliban, und der Kalif klopft sich auf die feuchten Schenkel. Aber solch komische Kalauer gibt es nie auf der Wahrheit-Seite. Wen kümmert bei Allah da schon das Alter irgendeiner heidnischen Wahrheit?“

Von Pontius zu Pilatus

„Wir Christen sind nicht länger bereit, die andere Wange hinzuhalten, nur weil die Wahrheit seit 2.000 Jahren nicht weiß, wen sie abwatscht“, sieht Enno von Babenheimer die Sache ähnlich. Der Sprecher des Christlichen Vereins Junger Gekränkter (CVJG) ist ein Anhänger der Kanzelkultur und verweigert sich lieber von oben herab: „Schon Pontius Pilatus fragte Jesus Christus: ‚Was ist Wahrheit?‘, und bekam keine Antwort. Deshalb werden auch wir nicht von Pontius zu Pilatus latschen und eine Antwort auf diese unchristliche Frage nach dem Alter der Wahrheit suchen.“

Auch Latoma Dushambe von der Schutzgemeinschaft deutscher Satireopfer (SGDSO) gibt sich tief verletzt: „Satiren über Minderheiten darf es gar nicht geben, da Angehörige von Minderheiten immer Opfer struktureller Gewalt sind. Humor aber ist strukturelle Gewalt der Mehrheit gegenüber Minderheiten, und weil strukturelle Gewalt immer strukturell ist, ist es nur logisch, dass die Wahrheit bei ihrem Alter wieder einmal die Minderheiten belügt und strukturelle Gewalt ausübt.“

„Abschieben, sofort abschieben!“, fordert kreischend Bea­trix von Sack, die stets aufgeregte Spitzenkraft der Partei Abschaum für Deutschland (AfD). „Und wenn dieses Kopftuchmädchen nicht abgeschoben wird, dann holen wir unsere Messerjungs und schaffen sie nach Guantanamo. Ins deutsche Guantanamo! Auf Helgoland. Das ist die einzige Wahrheit, die normal ist wie wir.“

Krieg im Hotelzimmer

„Wir sind im Krieg“, gibt sich Paulian Ronzelt gleichermaßen erregt. Der Journalistendarsteller glaubt, er wäre Kriegsreporter, dabei sitzt er gemütlich mit einem weißen Helm auf dem Kopf in einem Berliner Hotelzimmer vor der Kamera von Bild TV. „Wir leisten Widerstand gegen die da oben“, meint Ronzelt. „Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges. Mut zur Wahrheit ist unser Krieg. Und die Wahrheit lügt, weil die Wahrheit … der Widerstand … die Wahrheit … Was war noch mal ihre Frage?“

Davon ist auch Clemens Tünnes überzeugt. Das jüngste Opfer der Wahrheit ist Vorsitzender des Fleischerverbands Schweine im Weltraum (SIW) und hat sich immer noch nicht erholt davon, dass ihn die Wahrheit in einen Albtraum versetzte und als armes Schwein den traumhaft schönen Schlachtprozess erleben ließ. „Als ich vor Gericht klagte, ließ die Wahrheit die Richter wissen, warum sie mich als Opfer ausgesucht hatte: ‚Das Schwein wird humanisiert‘, haben die vor Gericht ausgesagt. Ich und mein beliebter Anwalt Dr. Schertz wurden abgeschmettert wie eine Wildschweinkeule von einem Veganer. Das ist nicht fair.“

So weit die Stimmen der Experten. Doch selbst die Fachleute bringen kein Licht ins Dunkel um das große Geheimnis der Wahrheit. Fest steht: Die Wahrheit feiert heute ihren runden 30. Geburtstag. Mit einem orgiastischen Schluck aus der „großen Ente“, ihrem Hausgetränk, dem Gran Duque d’Alba. Es sei ihr abgrundtief gegönnt.

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kari

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