piwik no script img

Die WahrheitWir basteln uns eine Buchmesse

Susanne Fischer
Kolumne
von Susanne Fischer

Warum sentimental werden, wenn in Frankfurt die wichtigste Veranstaltung der Buchbranche ausfällt? Es gibt doch einen Ersatz.

S o, ich dachte nämlich, ich wäre froh, zu Hause auf dem Klo statt auf der Buchmesse in Frankfurt oder wo. Leider merke ich jetzt schon Ausfallerscheinungen wegen des Buchmessen-Ausfalls. Zum Beispiel fange ich plötzlich an zu reimen, obwohl ich das nicht kann, mein lieber Mann. Damit es nicht noch schlimmer wird, basteln wir uns in diesem Jahr eine Buchmesse für daheim.

Wir brauchen – was, Bücher? Keineswegs, eine Buchtapete als Hintergrund genügt völlig. Davor sind unbequeme Stühle zu drapieren oder besser noch Stehpulte ohne jede Sitz- und Anlehngelegenheit. Unbedingt grelles Licht von allen Seiten. Die Heizung lassen wir auf Hochtouren laufen, aber veranstalten gleichzeitig einen garstigen Durchzug.

Dann bestellen wir ein paar Freunde ins Haus und rennen mit ihnen auf dem Flur durcheinander, wobei wir Prospektstapel fallen lassen und beim Einsammeln die Köpfe aneinanderschlagen. Dazu rufen wir: „Wenn große Geister sich treffen“ und „Mensch, toll, dich zu sehen, habe dich echt vermisst!“, winken kurz und rennen weiter. Falls die Freunde schlecht instruiert sind und uns ein Gespräch aufzwingen wollen, gucken wir starr über ihre Schulter hinweg, hören nicht zu und brüllen irgendwann: „Entschuldigung! Ich habe gleich einen Termin!“

Von der Arztpraxis bestellen wir ein Sortiment Erkältungs­viren mit einer Prise Corona, die wir mit Hilfe eines Ventilators gleichmäßig im Raum verteilen. Dazu servieren wir uns warmen, sauren Wein, den wir nur trinken, weil wir ihn nicht bezahlen müssen. Auf die naheliegende Idee, uns stattdessen guten, kühlen Wein zu kaufen, den wir uns sehr wohl leisten könnten, kommen wir nicht, weil auf unseren selbstgedruckten Messeausweisen ein „Schnorrer!“-Stempel pappt, und den muss man sich schließlich jedes Jahr neu sauer verdienen.

Deshalb sind wir sehr froh, dass wir die Restbestände der staubigen Buchmesse-Trockenkeks-Edition vom vergangenen Jahr für beinahe umsonst nach Hause geliefert bekamen. Das Backwerk wurde mit dem Edelstaub geschredderter Werkausgaben verfeinert, was uns freut, weil uns auf der Buchmesse jeder Quatsch freut und um­gehend zum kulturellen Erbe erklärt wird.

Für den Abend verabreden wir uns in überfüllten Restaurants, die es in meiner Provinz allerdings gar nicht gibt, was aber egal ist, weil Verabredungen auf der Buchmesse sowieso nie zustande kommen. Deshalb können wir einander stattdessen stundenlang mit wunderbar kryptischen Kurznachrichten bombardieren, die hauptsächlich von der Autokorrektur erschaffen wurden: „Der tschechische Übersetzer ist total Yogatennis! Herzlich, Ihre Susanne Fischereihafenrestaurant.“

Am Ende verlassen wir das Haus, schütten eimerweise Kunstregen über uns aus, feiern den Buchvertrag, den mein Smartphone bekommen hat, und stolpern betrunken durch – was, Frankfurt? Keineswegs, eine Skyline-Tapete genügt.

Die Wahrheit auf taz.de

Die Wahrheit

ist die einzige Satire- und Humorseite einer Tageszeitung weltweit.


Die Wahrheit

hat den einzigartigen täglichen Cartoonstreifen: ©Tom Touché.


Die Wahrheit

hat drei Grundsätze:

Warum sachlich, wenn es persönlich geht.

Warum recherchieren, wenn man schreiben kann.

Warum beweisen, wenn man behaupten kann.

Deshalb weiß Die Wahrheit immer, wie weit man zu weit gehen kann.



Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Susanne Fischer

Susanne Fischer Autorin

Susanne Fischer schreibt Romane und Kinderbücher und arbeitet als Geschäftsführender Vorstand der Arno Schmidt Stiftung. Sie ist Herausgeberin zahlreicher Werke Arno Schmidts und der Tagebücher Alice Schmidts sowie der Oevelgönner Ausgabe der Werke Peter Rühmkorfs. (FOTO: THOMAS MÜLLER)
Mehr zum Thema

0 Kommentare