Die Wahrheit: Anmerkungen zum Tränenblech

Wenn der Blick ins Ungefähre schweift, stößt er mitunter auf stahlharte Tatsachen – wie das Gelände gegenüber, auf dem Stahl produziert wird.

Tag für Tag sehe ich es, sobald ich nicht mehr auf den Monitor starre, sondern nach draußen in die Weite: Gegenüber meinem Kontor liegt ein Unternehmen, das seit 1876 Stahl lagert und verkauft. Und es kann durchaus sein, dass es genau an dieser Stelle damals gegründet worden ist, denn ein paar Meter weiter befand sich der Südbahnhof der Stadt. Der ist längst brachgelegt, stattdessen gibt es in der Nähe einen riesigen Supermarkt, einen riesigen Baumarkt, einen riesigen Drogeriemarkt, einen riesigen Biomarkt und so weiter und so fort.

Zurück zu dem Stahl, dem wir uns jetzt nähern. Das Gelände ist im Laufe der über einhundert Jahre auf sehr sympathische Weise zusammengestoppelt und vorwiegend mit flachen Satteldächern bebaut. Doch zugleich taucht eine Welt auf, nein, mindestens eine Galaxie, an die ich nie große Gedanken verschwendet habe. Und der prosaische Oberbegriff lautet Lagerprogramm, das auf Vorrat tatsächlich über „2.500 Werkstoffgüter und Abmessungen“ bietet.

Nehmen wir an, wir möchten etwas aus Blankstahl basteln, nur eine der neun Untergruppen des Programms. Wenn das so einfach wäre! Ja klar, wir benötigen ein Stück aus Blankstahl. Aber müsste es aus der Kategorie Rundstahl sein oder Flachstahl, Vierkantstahl oder Sechskantstahl, geschliffener Rundstahl oder Keilstahl, Winkelstahl, T-Stahl oder Dreikantstahl?

Oder habe ich eine falsche Frage gestellt? Kann gut sein. Probieren wir’s mit dem rostfreien Stabstahl, die weite Gruppe. Brauchen wir etwas aus gewalztem Rundstahl oder aus härtbarem gewalztem Rundstahl? Sollten wir gewalzten Flachstahl bestellen oder gewalzten Breitflachstahl? Wie sieht es aus mit einem gewalzten Vierkantstahl, mit einem gewalzten Winkelstahl oder mit einem blanken Rundstahl? Nicht zu vergessen wäre auch ein härtbarer blanker Rundstahl oder ein Rundstahl 240 Korn. Und zwei haben wir noch in petto: einen blanken Flachstahl und einen blanken Vierkantstahl.

Ich gebe auf, bin ganz verwirrt. Unsere hochdifferenzierte Gesellschaft verzeiht einem, keine Ahnung zu haben von fast allem. Ob man mit dem Unbekannten neugierig umgeht, achselzuckend oder überfordert und verzweifelnd oder irgendwie dazwischen, wäre vielleicht eine Frage. Oder es ist eine Möglichkeit, sogar Chance, in solchen Dingen gewissermaßen einen realistischen Zauber zu betrachten oder einen verzauberten Realismus, wie immer man es nennen möchte.

Beispielsweise entdeckte ich bei der Stahlhandelsgesellschaft, von der die Rede war und deren bemerkenswerter Name übrigens Nettlenbusch & Syrowy heißt, einen Werkstoff, der diese Qualität besitzt. Ich werde also ein warmgewalztes Tränenblech kaufen (DIN 59220). Das Produkt kannte ich natürlich, aber den Begriff nicht. Tränenblech! Warm! Gewalzt! An Assoziationen wird es nicht mangeln. Dass es rost- und säurebeständig ist – um so besser.

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