Die Wahrheit: Ein echtes Pfund, der Robby Schlund

Ein AfD-Politiker startet durch: Bühne frei für einen hierzulande immer noch sträflich unterschätzten Hinterbänkler im Bundestag.

Portrait eines Mannes mit offenem Mund

Der kommende Mann: Robby Schlund Foto: Wolfgang Kumm/picture alliance

Die Covid-19-Pandemie sei eine Krise, „die es gar nicht gibt“, erklärte der AfD-Abgeordnete Dr. Robby Schlund Mitte Mai 2020 im Deutschen Bundestag und kritisierte in aller Schärfe die regierungsamtlichen Schutzmaßnahmen. Um die Kühnheit seiner These zu unterstreichen, ruckte er dabei mehrmals mit seinem imposanten Kahlkopf und führte sich auch sonst wie Rumpelstilzchen auf. Er schrie so laut und gestikulierte so wild, als ob es gegolten hätte, einen Mongolensturm abzuwehren: „Sie erzeugen Angst, Hysterie und Depression, die in einer eskalierenden Lebensmüdischkeit enden werden!“

Ein bärenstarker Auftritt. „Ja, da ist der Herr Schlund sehr gut rübergekommen“, sagt Dr. Hans-Johann Strecker vom Treuenbrietzener Institut für angewandte Persönlichkeitsentfaltung. „Man hat sofort gemerkt: Dieser Mann ist kompetent, charakterfest, dynamisch, meinungsfreudig, furchtlos, couragiert, entschlossen, drahtig und viril. Wie die Umfragewerte zeigen, hat er inzwischen sogar Björn Höcke überrundet und ist in der Liste der vertrauenswürdigsten deutschen Politiker auf Platz 938 vorgerückt. Tendenz steigend. Da ist noch viel Luft nach oben …“

Als weiteren Zwischenerfolg auf dem Weg ins Kanzleramt kann Schlund die Tatsache verbuchen, dass in seiner Heimatstadt Gera vorige Woche der erste deutsche Robby-Schlund-Fanclub gegründet worden ist. Eine mit Autogrammkarten von Robby Schlund geschmückte Doppelgarage im Ortsteil Söllmnitz/Cretzschwitz dient den Mitgliedern als Vereinsheim. Dort können sie bei einem Glas Geraer Schwarzbier ganz entspannt die Seele baumeln lassen und einander Quizfragen zu Robby Schlunds menschlichem Werdegang stellen.

Immer wieder blitzen hier Spezialkenntnisse auf. Welcher Außenstehende hätte schon gewusst, dass Robby Schlund als Offizier der NVA mit Raketentechnik befasst war? Oder dass er in Gera einen Verein zur Pflege des Brauchtums der Kosaken ins Leben gerufen hat? Anita Dröse, die 89-jährige Vorsitzende des Fanclubs, dem insgesamt zwei Einheimische angehören, ist Robby Schlund sogar einmal persönlich begegnet, und zwar in der Schlange vor einer Wurstbude im Stadion der Ballsportgemeinschaft Wismut Gera. „Was mich in dem Moment am meisten beeindruckt hat“, berichtet sie, „das ist seine männliche Ausstrahlung gewesen. Dieses gewisse Etwas, das ich sonst nur von Heinz ­Rühmann gekannt habe. Mir ist fast die Luft weggeblieben!“

Hecht im Karpfenteich der Politik

Das sehe sie ähnlich, gesteht Anita Dröses ältere Schwester Hedwig, die dem Fanclub nach dessen Gründung spontan beigetreten ist und die Öffentlichkeitsarbeit übernommen hat. „In meinen Augen ist der Robby Schlund ein echtes Alphatier, ein Hecht im Karpfenteich der deutschen Politik und eine Ausnahmeerscheinung mit Ecken und Kanten, ein Siegertyp, ein Senkrechtstarter und ein fesches Mannsbild obendrein …“

Für den richtigen „Pep“ im Vereinsheim sorgen eine schwarz-rot-goldene Lichterkette und eine Jukebox mit den aufwühlendsten Reden von Robby Schlund. Hat man das Pech, nicht aus Thüringen zu stammen, versteht man leider nur die Hälfte, denn wenn Schlund „besorgte Bürger“ sagen möchte, sagt er „besockte Böga“, das Wort „Verantwortung“ heißt in Schlunds Dialekt „Va-­and­woddung“, und eine „Kontrollpflicht“ ist für ihn eine „Gonn­droll­bflischd“. Um auch außerhalb Thüringens neue Schlund-Fans anwerben zu können, hat Hedwig Dröse einige Zentralbegriffe seiner Rhetorik ins Hochdeutsche übersetzt:

ähschbahn: ersparen

ähleudann: erläutern

foddan: fordern

gefoddadd: gefordert

Monnidorring: Monitoring

neunsisch: neunzig

vanümmbfdisch: vernünftig

vo Odd: vor Ort

waddn: warten

wuddn: wurden

zwannsisch: zwanzig

Anfang Juni will der Fanclub im Kultur- und Kongresszentrum Gera einen „Robby-Schlund-Lookalike-Contest“ veranstalten, für den sich bereits mehr als drei Bewerber angemeldet haben. Eine hochkarätig besetzte Jury, die aus Anita und Hedwig Dröse besteht, wird den Sieger küren. Als Prämien winken ihm ein von Robby Schlund signiertes Robby-Schlund-Quartett, ein gleichfalls von Robby Schlund signiertes 18.000-Teile-Fotopuzzle, auf dem Robby Schlund beim AfD-Stammtisch in seinem Wahlkreis Greiz in Thüringen zu sehen ist, und eine ungefähr fünfzig Kilometer lange Tretbootfahrt mit Anita und Hedwig Dröse auf der Weißen Elster von Greiz nach Gera. Unter den Verlierern soll Robby Schlunds abgelaufener Impfpass als Trostpreis ausgelost werden.

Starschnitt für alle jungen Mädchen

Und da nichts erfolgreicher ist als der Erfolg, wird in der Jugendzeitschrift Bravo ab Mitte Juni ein 24-teiliger Robby-Schlund-Starschnitt erscheinen. Denn Schlund kommt auch beim jungen Gemüse gut an. Laut Emnid wünschen sich 78,2 Prozent aller deutschen Mädchen zwischen elf und dreizehn Jahren einen Partner, der so gut aussieht und so durchsetzungsfähig ist wie Robby Schlund. Viele finden ihn „fresh“ und „voll jiggy“ oder sogar „cheffig“.

Das nimmt man mittlerweile auch im Ausland wahr. „East German politician’s popularity is going through the roof“, titelte die New York Times am vergangenen Dienstag. „Will Robby Schlund become the next chancellor?“ In die gleiche Kerbe hauen der Corriere della Sera („Robby Schlund è la nuova superstar tedesca“), Le Figaro („Tout le monde aime Robby Schlund!“) und Dagens Nyheter („Robby Schlund är den kommande tyska mannen“). Und schon munkelt man in Washington und Berlin, dass Robby Schlund eine Einladung ins Weiße Haus erhalten habe, um sein medizinisches Hintergrundwissen mit dem amerikanischen Präsidenten zu teilen. Ehre, wem Ehre gebührt!

Was unterdessen weitergeht, ist „die vamaindlische Goronagrise“ (Robby Schlund). Doch nun glimmt ein Hoffnungsfunke: Robby Schlund, der Rächer der Enterbten, tritt aus dem Unterholz seiner Heimatregion ins internationale Rampenlicht und wird der eskalierenden Lebensmüdigkeit ein Ende bereiten, das sich gewaschen haben dürfte. Vorhang auf!

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