Die Wahrheit

Abgelaufen

Kurz vor dem Abflug kommt die Panik: Das Kind braucht ja einen gültigen Pass! Oder auch nicht, wie Staatsvertreter uns versichern.

Tja, wir hätten vorher daran denken können, dass das Kind einen gültigen Ausweis braucht. Uns fällt erst in der Nacht vor dem Abflug nach Martinique auf, dass der Pass vor einigen Monaten abgelaufen ist. Panik!

22.30 Uhr, Anruf bei der Bundespolizei. Erste Überraschung: Da geht wirklich jemand dran um die Uhrzeit. Und sagt: „Sie brauchen gar keinen gültigen Pass. Martinique ist Frankreich, da gilt doch das Europäische Übereinkommen über die Regelung des Personenverkehrs zwischen den Mitgliedstaaten des Europarates vom 13. 12. 1957!“ „Aha?“ „Na, da reicht ein Dokument, das nicht länger als ein Jahr abgelaufen ist.“

„Wie bitte?“, frage ich entgeistert, denn sowohl die Regelung an sich – wenn ein Dokument ein Jahr nach Ablauf seiner Gültigkeit noch gültig ist, dann ist doch seine Gültigkeit gar nicht abgelaufen, oder? – als auch die dahinterstehende offenkundige Menschenfreundlichkeit erscheinen mir hochgradig unglaubwürdig. Aber der Mann beharrt auf seiner Vision des kumpelhaften Staates, der bei seinen verschusselten Bürgern schon mal ein Auge zudrückt, wenn sie mal wieder ihre Termine verpennt haben.

Einzige Unsicherheit: Gilt das denn auch für die Übersee-Départements von Frankreich? „Das weiß hier niemand so genau“, sagt der Beamte, „fragen Sie mal die Hotline für Visa-Angelegenheiten.“ Auch dort geht noch jemand ans Telefon, mein Behördenbild gerät ins Wanken. Aber auch dort weiß man nicht, „wie das mit diesen komischen Übersee-Départements ist. Holen Sie sich am Flughafen sicherheitshalber ein Pass-Ersatzdokument. Das geht ganz fix.“ Fix? Am Flughafen? Das klappt nie, denke ich.

Klappt doch: Der Beamte am „Servicepoint der Bundespolizei“ stellt das Ding in wenigen Minuten einfach so aus. Er sagt: „Das ist ein offizielles Dokument, das müssen Sie hinterher bei der Meldebehörde abgeben, aber . . .“ – er kichert – „schmeißen Sie’s einfach weg, das interessiert keine Sau.“ Er empfiehlt uns aber, das Pass-Ersatzdokument nur zu zeigen, falls irgendwer Zicken macht: „Ob das anerkannt wird, weiß man nämlich nie.“ Was es nicht alles gibt.

Also legen wir am Air-France-Schalter nur die Pässe vor, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, dass einer davon seit Monaten abgelaufen ist. Nach genauer Gesichtsprüfung werden wir kommentarlos eingecheckt. Sicherheitsschleuse: dasselbe. Einreise in Paris: wieder. Pass- und Sicherheitskon­trolle beim Abflug gen Karibik: einmal mehr. Einreise in Martinique: freundliches Nicken. Und alles noch mal bei der Rückreise. Am Ende sind die Pässe zwölf Mal überprüft worden, und niemand hat etwas dazu gesagt. Nur bei der Wiedereinreise in Berlin schaut der Beamte uns groß an: „Der Pass hier ist ungültig! Damit können Sie doch nicht einfach so reisen!“ Dann winkt er uns kopfschüttelnd durch.

Geht doch! Und der Gedanke, wie die Volltrottel von AfD, Front National & Co. angesichts dieser Grenzsicherung einen Herzkasper bekämen, bereitet mir allerbeste Laune.

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Heiko Werning ist Reptilienforscher aus Berufung, Froschbeschützer aus Notwendigkeit, Schriftsteller aus Gründen und Liedermacher aus Leidenschaft. Er studierte Technischen Umweltschutz und Geographie an der TU Berlin. Er tritt sonntags bei der Berliner „Reformbühne Heim & Welt“ und donnerstags bei den Weddinger „Brauseboys“ auf und schreibt regelmäßig für Taz und Titanic. Letzte Buchveröffentlichung: „Vom Wedding verweht“ (Edition Tiamat).

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