Die Wahrheit: Der Griechischtest

Wie ein Emsländer einmal in Hellas brillierte und mit einer kleinen Summe allgemeine Landschaftspflege betrieb.

Der Wachwechsel am rechtsdrehenden Gyros-Spieß in Athen zieht scharenweise Bildungstouristen an Foto: ap

Heinz Düter unterrichtet Physik und Chemie an einem Gymnasium im Emsland. Seitdem den 54-Jährigen seine Frau verlassen hat, fährt er allein in den Urlaub. Immer nach Griechenland, immer nach Korfu, immer in den gleichen Ort: Acharavi.

Als er neuerlich Quartier bezog im einfachen Hotel Galaxia – er wohnte nie woanders –, fand er einen Fakelaki, einen Umschlag auf dem Tisch. Absender des Schreibens: die griechische Tourismusbehörde. In bestem Deutsch wurde ihm da mitgeteilt, dass er im Verlaufe seines Urlaubs mit einer kleinen Medaille ausgezeichnet werden solle. Der Behörde lägen Informationen vor, dass er bei seinen zahlreichen Aufenthalten auf der Insel schon mehr als 500 Portionen Gyros Pita verzehrt hätte.

Kleine Hürde Griechischtest

Damit, so hieß es, hätte er sich mit hohem persönlichen Einsatz um dieses griechische Nationalgericht verdient gemacht und zum Erhalt zahlreicher Grillrestaurants beigetragen. Allerdings sei vor dieser Verleihung noch eine kleine Hürde zu nehmen: ein Griechischtest. Er werde gebeten nachzuweisen, dass er neben den vier griechischen Standardvokabeln Gyros, Tsatsiki, Pommes und Ouzo noch vier weitere beherrsche.

Hm, dachte sich Heinz, was hab ich da noch in petto? Und da er hier und da ein paar Floskeln aufgeschnappt hatte, paukte er intensiv die Begriffe Nescafé (Nescafé), mia birra (ein Bier), ali mea (noch eins) und – hier begab er sich kühn in die tiefsten Untiefen der griechischen Sprache – ne (ja)!

Schon am Tag drauf traf sich die Jury für den Sprachtest in einer kleinen Bar. Anwesend waren die Damen und Herren Spiridoula, Stawroula, Heleni und die perfekt Griechisch sprechende Polin Martha. Alle tief in der heimischen Gyroswirtschaft verwurzelt. Alex, der Chef vom Gyros Planet, sollte den Juryvorsitz übernehmen.

Es kam, wie es kommen sollte: Der deutsche Lehrer fiel beim Griechischtest durch. Jurypräsident Alex hatte sich entschuldigen lassen, angeblich musste er ein Ersatzteil besorgen für den Motor seines Boots, was auf der Insel hieß: Wenn die Katze jault und der Hund kläfft, muss ich mir deswegen gleich die Fußnägel schneiden?

Neben Gyros, Tsatsiki, Pommes und Ouzo sollte man noch vier weitere Vokabeln beherrschen

Spiridoula und Stawroula tippten bloß gelangweilt auf ihren Smartphones herum, Heleni fand, Heinz würde das r in birra nicht genügend rollen, Martha hingegen interpretierte das ne des sichtlich gestressten Heinz als „äh“. Bei der Abstimmung gingen zwei Daumen runter, einer ging hoch. Stawroula tippte weiter auf dem Handy. Das war’s. Heinz brauchte jetzt erst mal einen Ouzo auf Eis. Und noch einen hinterher.

Nur ein paar Stunden nach der Jurysitzung erhielt Heinz per Whatsapp eine Nachricht der griechischen Tourismusbehörde. Ob er sich vorstellen könne, sich mit einem Unkostenbeitrag von 20 Euro an den Herstellungskosten für die Medaille zu beteiligen? Zehn Euro davon sollten an die Stiftung „Korfiotischer Kulturbesitz“ fließen, aus deren Mitteln eine neue Abteilung mit historischen Gyros-Spießen im Heimatmuseum von Acharavi finanziert werden könne, um den kulturellen Vorrang des linksdrehenden griechischen Gyros-Spießes gegenüber dem rechtsdrehenden türkischen Kebab-Spieß zu dokumentieren. Den Test dürfe er im nächsten Jahr natürlich gern wiederholen, denn die Urlaubsregion rund um das Ionische Meer zähle auch weiter auf ihn als Urlauber.

Verleihung einer Medaille

Heinz ging daraufhin Pizza essen, die Lust auf Gyros Pita war ihm gründlich vergangen. Dieser Sprachtest auf Korfu war offensichtlich etwas anderes als das Wacholderabitur im Emsland. Doch dann besann er sich. Geld ist schließlich nicht alles auf dieser Welt. Also überwies er zur allgemeinen Landschaftspflege die Summe von 500 Euro auf das Stiftungskonto.

Als er wieder in Deutschland zurück war, erreichte ihn eine Nachricht. Die griechische Tourismusbehörde sei sehr erfreut, ihm mitteilen zu können, dass die Jury ihr Urteil nach einer neuerlichen Zusammenkunft korrigiert habe, nachdem sie sich die Aufzeichnung des Sprachtests noch einmal angehört habe. Einer Verleihung der Medaille stünde nun aber so gar nichts mehr im Wege.

Heinz ging nach dieser neuerlichen Wendung nun doch wieder Gyros Pita essen – bei Alexis, dem Griechen um die Ecke. Alexis stammt aus Kos. Als Heinz ihm von seinem korfiotischen Griechisch-Diplom und der großzügigen Spende an die Stiftung erzählte, begann Alexis so herzhaft zu lachen, dass seine Frau ihn stützen musste. Es dauerte eine Weile, bis er zurück an die Arbeit ging – an seinen rechtsdrehenden Gyros-Spieß.

Die Wahrheit auf taz.de

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

ist die einzige Satire- und Humorseite einer Tageszeitung weltweit. Sie hat den ©Tom. Und drei Grundsätze.

Wenn Sie bei der taz anrufen, bekommen Sie keine gewöhnliche Warteschleife zu hören. Bei uns liest die Wahrheit ihre Gedichte vor!

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de