Die Wahrheit

Kabeljaukrieg in Nordirland

Kinder, Kinder waren das Zeiten: 1983 gab es Bestrebungen, 5,5 Millionen Menschen aus Hongkong in Nordirland anzusiedeln.

Kolonialdenken ist in den Köpfen englischer Politiker so tief verwurzelt wie der Fünf-Uhr-Tee. Untertanen galten schon immer als Masse, die man beliebig verschieben kann, und daran hat sich nichts geändert. Am Freitag wurden britische Regierungspapiere aus dem Jahr 1983 ans Nationalarchiv in Kew überstellt.

Sie enthielten Pläne für eine Umsiedlung von fünfeinhalb Millionen Chinesen aus Hongkong nach Nordirland, damit sie nach der Rückgabe der Kolonie an China nicht zu Kommunisten umerzogen würden. Ein Gebiet hatte man auch schon auserkoren: die dünn besiedelte Magilligan-Halbinsel im Nordwesten der Krisenprovinz.

Mit Umsiedlungen hatten die Engländer genügend Erfahrung. Nach der irischen Niederlage gegen England Anfang des 17. Jahrhunderts wurden protestantische Engländer und Schotten in den Nordosten Irlands entweder zwangsumgesiedelt oder mit Ländereien gelockt. Sie sollten die katholischen Eingeborenen, die nicht in den kargen Westen vertrieben worden waren, in Schach halten. Damit war der Grundstein für den Konflikt gelegt, der bis heute schwelt.

1983 tobte er noch heftig. Fünfeinhalb Millionen Chinesen in ein Krisengebiet zu schicken, in dem anderthalb Millionen Menschen leben, klingt wie der Plan eines Wahnsinnigen. Der hieß Christie Davies und war Dozent für Soziologie an der Universität Reading. Sollte die Umsiedlung eine Feldstudie sein, um herauszufinden, wie sich die verfeindeten protestantischen und katholischen Bevölkerungsteile gegenüber den weder protestantischen noch katholischen Chinesen verhalten?

Davies hatte seinen Vorschlag nicht ganz ernst gemeint. Umso überraschter war er, dass der nordirische Regierungsbeamte George Fergusson die Idee begierig aufgriff. „Die Umsiedlung wäre eine Zusicherung an die protestantischen Unionisten, dass die Union mit Großbritannien für immer fortbestehen werde“, schrieb er. „50 chinesische Familien wohnen ja schon dort. So wissen wir, dass Chinesen das nordirische Klima nicht als unangenehm empfinden, und mit den derzeitigen Einwohnern kommen sie auch einigermaßen klar.“ Auf ein paar Millionen mehr käme es wohl nicht an, mutmaßte Fergusson.

Die Republik Irland meldete jedoch gewichtige Bedenken an. „Die Chinesen aus Hongkong sind vor allem ein Volk von Fischern und Seefahrern“, schrieb ein gewisser Herr Snoxell, Ministerialbeamter in Dublin. Da auch die Bewohner der Inishowen-Halbinsel am anderen Ufer des Lough Foyle, wo Südirland nördlicher ist als Nordirland, vom Fischfang leben, könnte es richtig Probleme geben. Die Chinesen könnten die komplette Bucht leerfischen, befürchtete Snoxell, was ganz sicher einen neuen Kabeljaukrieg auslösen würde.

Am Ende kamen dann nicht fünfeinhalb Millionen, sondern nur ein paar hundert Versprengte. Eine davon, Anna Lo, zog für die Alliance Party ins Belfaster Regionalparlament ein, warf aber voriges Jahr wegen ständiger rassistischer Angriffe loyalistischer Protestanten das Handtuch. Schade, dass der Plan 1983 nicht umgesetzt wurde. Wie hätten die Rassisten wohl darauf reagiert, plötzlich in einer einzigen riesigen Chinatown zu leben.

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Geboren 1954 in Berlin. 1976 bis 1977 Aufenthalt in Belfast als Deutschlehrer. 1984 nach 22 Semestern Studium an der Freien Universität Berlin Diplom als Wirtschaftspädagoge ohne Aussicht auf einen Job. Deshalb 1985 Umzug nach Dublin und erste Versuche als Irland-Korrespondent für die taz, zwei Jahre später auch für Großbritannien zuständig. Und dabei ist es bisher geblieben. Verfasser unzähliger Bücher und Reiseführer über Irland, England und Schottland. U.a.: „Irland. Tückische Insel“, „In Schlucken zwei Spechte“ (mit Harry Rowohlt), „Nichts gegen Iren“, „Der gläserne Trinker“, "Türzwerge schlägt man nicht" (alle Edition Tiamat), „Dublin Blues“ (Rotbuch), "Mein Irland" (Mare) etc.

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