Die Wahrheit: Ich war Erich Kuby

In diesen Tagen jährt sich der 100. Geburtstag von Erich Kuby. Überall wird an den bedeutenden Journalisten erinnert, der 2005 im Alter von 95 Jahren starb.

Eine kleine Randepisode seines arbeitsreichen Lebens aber kennt noch niemand: Ich war Erich Kuby.

In den Neunzigerjahren arbeitete ich rund vier Jahre lang bei der Berliner Wochenzeitung Freitag. Zuletzt war ich Chef vom Dienst und damit für die Produktionssicherheit zuständig. Mein besonderer Liebling war Erich Kuby, der seine beste Zeit in den Sechzigerjahren hatte, als er unter anderem für den Spiegel und den Stern tätig und eine wichtige linksliberale Stimme der deutschen Publizistik war. Mit seinem später verfilmten Buch "Das Mädchen Rosemarie" gelang ihm nicht nur ein Sittenbild der Nachkriegszeit, sondern auch ein veritabler Bestseller. Zu Beginn der Neunzigerjahre wurde Kuby dann vom Freitag verpflichtet, eine wöchentliche Kolumne für die Ost-West-Zeitung zu schreiben, in der er den Widerhall des Mauerfalls in der Presse kommentieren sollte: "Der Zeitungsleser".

Inzwischen lebte Kuby bereits die meiste Zeit des Jahres in Venedig. Dort hatte er die nötige Distanz, um das Ost-West-Geschehen durch den Filter der südlichen Sonne und der Altersweisheit zu betrachten. Venedig war allerdings auch das Problem der Kolumne - und zwar ein sehr praktisches. Denn Kuby tippte seine Artikel auf einer Schreibmaschine, einen Computer besaß er nicht. Mit elektronischer Post konnte der Mittachtziger nichts anfangen, er war im Faxzeitalter stehen geblieben, auch wenn er selbst kein Gerät besaß. Um möglichst aktuell zu sein, schrieb er die Kolumne, die stets zwei DIN-A4-Seiten umfasste, kurz vor Redaktionsschluss am Mittwochmorgen. Dann verließ er sein Haus und wackelte in einen nahe gelegenen Tabakladen. Dort legte er die zwei Seiten auf das Faxgerät, überzeugte sich, dass die Übertragung begann, und ging ins Café einen Espresso trinken oder spazieren oder Tauben füttern auf dem Markusplatz. Was immer auch er die nächsten Stunden trieb, der große alte Mann des Journalismus war nicht erreichbar.

Leider jagte er jedoch ab und zu nur das erste Blatt durch die Leitung. Das zweite war dann nicht eingezogen worden. Und so stand ich manchmal kurz vor Redaktionsschluss mit einem nur halb gefüllten Kolumnenkasten da. Mitten im Satz brach der Text ab. Als es das erste Mal geschah, erstarrte ich noch in Ehrfurcht vor dem klangvollen Namen und verzweifelte: Was sollte ich bloß tun? Der Rest der Redaktion war längst gegangen. Es half nichts, ich musste ran. Also sah ich mir Kubys Einstieg an, griff mir einen Stapel Zeitungen, las querbeet und schrieb drauflos. Ich geißelte irgendeinen schwachsinnigen Leitkommentar, um schließlich den Bogen zum Anfang der Kolumne zu schlagen und eine passende Schlusspointe zu setzen.

Mehrmals versuchte ich, dem Venezianer das Faxproblem nahezubringen. Doch entweder wollte er davon nichts hören oder es gefiel ihm, was er las. Mir jedenfalls war es eine große Ehre, Erich Kuby zu sein.

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