Die Wahrheit: Arm früh tot

Ich habe seit Neuestem ein Blutdruckmessgerät. Werte heute: normal. Seitdem ich das Gerät habe, lese ich die Zeitung ganz anders. ...

... Tod und Sterben in der Zivilgesellschaft ist auf einmal Thema für mich geworden. Gerade lese ich: Die Lebenserwartung von Armen geht zurück. Die gute Nachricht vor Weihnachten. Arme müssen nicht mehr so lange arm sein wie früher. Das ist ja eigentlich ein Positivtrend. Sie sterben etwa zwei Jahre eher als Besserverdiener. Das wiederum ist die gute Nachricht für die Erben der Besserverdiener. Nur etwas Geduld, und es kommt noch was dazu!

Angeblich hängt die Lebenserwartung nicht ursächlich vom Einkommen ab, laut dem Sozialexperten Raffelhüschen - und ich habe diesen Namen nicht erfunden, sondern das ist ein Zitat aus dem bundesdeutschen Anzeiger Bild.

Aber nicht nur die Lebenserwartung der Armen sinkt, auch die Arbeitslosen sterben früher. Manchmal handelt es sich bei beiden sogar um ein und dieselbe Person, und die ist dann praktisch ab morgen nicht mehr da. Doch das heißt vor allem auch - wer arbeitet, stirbt später. Wer arbeitet, muss also noch länger arbeiten als ohnehin schon? Ist das gerecht? Besser wäre ja, wenn die, die arbeiten, früher sterben würden. Dann müssten die nicht so lange schuften, und es gäbe mehr zu arbeiten! Mehr Stellen für Arbeitslose. Also für die Arbeitslosen, die bis zum Freiwerden des Arbeitsplatzes, also bis zum Verscheiden des Arbeitenden durchgehalten haben. Wenn aber die Arbeitslosen alle früher sterben, dann haben wir bald gar keine Arbeitslosigkeit mehr. Die ist dann irgendwann ausgestorben.

Deswegen ist jeder Aufschwung auch kritisch zu betrachten. Einerseits bringt das mehr Stellen, also weniger Arbeitslose. Dann sind aber auch weniger eher tot. Ein Desaster für das Bestattungsgewerbe.

Vor Jahren schon sagte Matthias Platzeck im Spiegel: "Zukunft braucht Herkunft." Klar. Irgendwo muss die Zukunft herkommen. In Deutschland haben Kinder reicher Eltern die besseren Chancen. Das bedeutet, die mit der schlechteren Herkunft haben die schlechtere Zukunft. Werden also eher arbeitslos. Und Arbeitslose sterben früher.

Das wiederum bedeutet, Kinder aus armen und arbeitslosen Familien kommen kaum bis zur Konfirmation durch. Die sind ruckzuck und chancenlos gestorben. Das ist aber so schlecht nicht, da haben die Reichen länger was vom Geld und die Armen sind nicht so lange arm. In der Studie der Uni Leipzig hieß es: In der Regel verschlechtert sich der Gesundheitszustand eines Menschen mit Eintritt der Arbeitslosigkeit rapide. Das Sterberisiko erhöht sich massiv, schon kurz nach Eintritt der Arbeitslosigkeit hat es sich mehr als verdoppelt. Wer zwei Jahre ohne Job ist, bei dem hat sich das Sterberisiko schnell vervierfacht. Das heißt aber auch: Arbeitgeber, die entlassen, verurteilen zum Tode.

Ich messe noch mal nach. Mein Blutdruck ist beim Schreiben dieser Kolumne stark gestiegen. Das ist schlecht. Für die Gesundheit. Überhaupt: Wer arbeitet und dann stirbt, der hat wirklich was falsch gemacht!

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