Die Wahrheit

Duftende Aprikose

Die Macht des Herzens: Die erste Liebe großer deutscher Frauen.

Oft genug bewerten wir Politikerinnen, Priesterinnen und andere weibliche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens nur über ihre Tätigkeiten und Funktionen. Aber haben nicht auch diese Damen ein Herz? Und wann schlug es zum ersten Mal? Als sie die erste große Liebe überkam …

Andrea Nahles

Was ist die Liebe? Geborgenheit im Unbehausten? Ein Feuer, das lodert, doch nicht verzehrt? Schwäche zeigen, ohne Stärke zu provozieren? Alle diese Fragen waren mir als Teenie pupenhagen. Mich trieben ganz andere Probleme um. Zum Beispiel diese: Was nagelt besser – lang und dünn oder kurz und dick? Welcher Stift passt in welches Loch? Tief dübeln oder schnell stöpseln? Heftig hämmern oder langsam bohren? Spritzpistole oder Borstenpinsel? Ja, meine Leidenschaft gehörte der Heimwerkerei! Noch heute bringe ich bei Besuchen in SPD-Ortsvereinen als Gastgeschenk gern ein von selbst gehobeltes Vögelhäuschen mit.

Ursula von der Leyen

Die Pubertät spielt uns seltsame Streiche. So hatten alle meine Freundinnen eine fürchterliche Akne. Meine Haut dagegen: glatt und rein wie eine Aprikose. Sie schwärmten für Rockstars – ich für meine Harfe. Sie lasen die Bravo – ich den „Pschyrembel“. Aber dann gerieten meine Gefühle in Unordnung wie noch nie. Ein neuer Sportlehrer war an unser Gymnasium gekommen. Seine Muskeln spannten sich unter der Trainingsjacke wie im Anatomiebuch. Wenn er lachte, schien er noch mehr Zähne als mein geliebter Vater zu haben. Und der hat mindestens 54! Plötzlich vergaß ich alles, was mir bis dahin wichtig und richtig erschienen war. Ich wollte diesen Mann. Jetzt, sofort! Bei der nächsten Turnstunde ergriff ich die Gelegenheit beim Schopf. Während der Aufwärmübung ließ ich mich dramatisch stöhnend zu Boden fallen und rieb mir das rechte Fußknöchelchen. Besorgt, wie ich glaubte, eilte der neue Lehrer zu mir. Es traf mich wie ein Schock, als er fragte: „Sollen wir an Ort und Stelle amputieren oder kriegst du den Hintern aus eigener Kraft wieder hoch? So eine miese Schauspielerei habe ich noch nie gesehen!“ Die ganze Klasse lachte mich aus, noch Monate später musste ich Spott und Hohn ertragen. Danach war mir alles egal. Ich nahm mir endgültig vor, nie, nie wieder zu lügen oder zu täuschen. Meine Güte, da setzte es Ärger zu Hause! Aber das ist eine andere Geschichte.

Alice Schwarzer

Ja, es gibt sie, die Liebe auf den ersten Blick. Ich habe sie am eigenen Leib erfahren, ihre unwiderstehliche Macht, ihre Wucht, ihre Energie. Die Intensität dieser Liebe kann aber auch zur Qual, der Anblick des geliebten Menschen zu einer großen Belastung werden. Deshalb hängt auch bei mir zu Hause nur noch im Badezimmer ein – kleiner! – Spiegel.

Margot Käßmann

Jeder hübsche Bengel brachte mich zum Erröten. Ja, ich war eine Sklavin meines Herzens! Und warum auch nicht? Gewiss, das „Herz“ als relevanter Ort für das Empfinden, Wahrnehmen, Entscheiden ist in der pseudorationalen Mediengesellschaft eher in Verruf geraten. Doch Jesus Sirach schreibt: „Bleibe bei dem, was dein Herz dir rät, denn du wirst keinen treueren Ratgeber finden.“ Leider riet mein Herz mir nicht, wem ich treu bleiben sollte. Thorsten oder Thomas? Alwin oder Alfons? Hinz oder Kunz? Immerzu schäumten meine Gefühle über wie ein Piccolo! Schließlich wandte ich mich in meiner Not an den Pfarrer unserer Gemeinde. Er sagte zu mir: „Margot – wenn du wählen müsstest zwischen Jesus und Christus: Wen würdest du nehmen?“ Lange dachte ich nach. Und habe die Antwort bis heute nicht gefunden. Aber ist das denn wichtig? Solange ich auf dem Weg ins Innerste meines Herzens eine Predigt nach der anderen halten kann? Bis heute habe ich mir die Herzensglut meiner Jugend bewahren können und bin dem Verdacht der Rationalität stets erfolgreich ausgewichen. Den richtigen Antworten leider auch.

Claudia Roth

Zur Liebe gehören immer zwei, das ist wie beim Parteivorsitz. Volker war unser Klassenstreber und wirklich keine Schönheit: fettige Haare, spargeldünn, und seine Pickel hätten für drei Pubertäten gereicht. Alle Mädchen in der 8c fanden ihn grässlich – alle außer mir. Denn schon immer galt meine Sympathie den Ausgestoßenen der Gesellschaft, den Verachteten und Verlachten. Bei einer Klassenreise in den Odenwald konfrontierte ich Volker mit meinen Emotionen. Er sah mich mit seinen Mausaugen fassungslos an und brachte kein Wort hervor. Schon tat es mir leid, ihn derart überfallen zu haben. Endlich stammelte er: „Du, das geht aber nicht. Ich will doch in die CDU!“ Heute ist er Ministerpräsident, und wenn wir uns in der Bundesversammlung begegnen, lachen wir herzlich über diese unschuldige Episode.

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