Die Wahrheit: Kampfsportart Bridge

Das traditionsreiche englische Spiel Bridge ist nichts für zart Besaitete, denn es fliegen nicht nur Karten, sondern auch die Fetzen.

Beim Kartenspiel Bridge denkt man an gesittete englische Pensionäre, die bei Sahnetörtchen und Tee mit Milch ihrem harmlosen Hobby nachgehen. Weit gefehlt! Bridge ist ein Kampfsport, bei dem es nicht zimperlich zugeht. Die Liste der Zwischenfälle enthält Fluchen, Aggressionen, Einschüchterung unerfahrener Spieler, Wutausbrüche, Psychoterror. Endlich hat der schottische Verband eingegriffen und Benimmregeln aufgestellt: „Besseres Benehmen beim Bridge.“

Liz McGowan, die Vorsitzende des Verbands, beklagt, dass Neulinge vom unsportlichen Verhalten der alten Hasen abgeschreckt würden. „Viele beginnen mit Bridge erst nach der Pensionierung“, sagt sie, „während die früheren Generationen oft schon als Studenten angefangen haben. Die älteren Neulinge brauchen eben ein wenig länger, bis sie das Spiel kapieren, da sollten die John McEnroes der Bridge-Welt nicht wutentbrannt über sie herfallen.“

Das Spiel soll während des Krimkrieges Mitte des 19. Jahrhunderts von englischen Soldaten erfunden worden sein. Die Grundregeln sind schnell erklärt, aber man benötigt Erfahrung, um Bridge wirklich zu beherrschen. Gespielt wird zu viert, die beiden gegenübersitzenden Spieler bilden ein Team. Ziel ist es, möglichst viele Stiche zu machen – allerdings nicht zu viele. Denn vor Spielbeginn wird in einer Art Versteigerung ermittelt, welche Farbe Trumpf ist und welches Team wie viele Stiche machen muss. Hauptziel ist es, die vorher angesagte Stichzahl zu erreichen.

Besonderes explosiv ist die Situation, wenn sich Ehepartner gegenübersitzen. Womöglich bekriegen sie sich seit Jahren zu Hause und müssen nun den Schein wahren und Teamgeist zeigen. Manchmal geht das schief. Als die Bennetts gegen die Hofmanns 1929 eine Partie Bridge im US-Staat Arkansas spielten, patzte John Bennett in der entscheidenden Phase, was seine Frau Myrtle derart aufregte, dass sie ihn als „Arschgesicht“ beschimpfte.

Daraufhin ohrfeigte John Bennett seine Frau. „Nur ein räudiger Hund würde seine Frau vor Gästen schlagen“, sagte sie und erschoss ihren Mann vor den Gästen. Die Geschworenen sprachen sie frei – offenbar alles Bridge-Spieler, die meinten, dass John Bennett aufgrund seines miserablen Spiels den Tod verdient hatte. Ein gewisser Ely Culbertson nutzte den Prozess für eigene Zwecke.

Er hatte eine Theorie entwickelt, wie man beim Bridge gewinnt, und veröffentlichte das angebliche Todesblatt in einer Zeitschrift, obwohl sich niemand an die Verteilung der Karten erinnern konnte. Er behauptete, dass Bennett noch am Leben wäre, wenn er nach dem Culbertson-System gespielt hätte. Das Interesse an dem Artikel war groß, und mit seinen Lesungen machte Culbertson ein Vermögen.

Das Internationale Olympische Komitee hat Bridge übrigens als Sport anerkannt, aber das englische Finanzamt lässt das nicht gelten: Zu wenig physische Aktivität, hieß es. Also ist bei Turnieren Mehrwertsteuer fällig. In Anbetracht der Bridge-Kampfsportler sollte man diese Entscheidung überdenken.

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Geboren 1954 in Berlin. 1976 bis 1977 Aufenthalt in Belfast als Deutschlehrer. 1984 nach 22 Semestern Studium an der Freien Universität Berlin Diplom als Wirtschaftspädagoge ohne Aussicht auf einen Job. Deshalb 1985 Umzug nach Dublin und erste Versuche als Irland-Korrespondent für die taz, zwei Jahre später auch für Großbritannien zuständig. Und dabei ist es bisher geblieben. Verfasser unzähliger Bücher und Reiseführer über Irland, England und Schottland. U.a.: „Irland. Tückische Insel“, „In Schlucken zwei Spechte“ (mit Harry Rowohlt), „Nichts gegen Iren“, „Der gläserne Trinker“, "Türzwerge schlägt man nicht" (alle Edition Tiamat), „Dublin Blues“ (Rotbuch), "Mein Irland" (Mare) etc.

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