Die Vorlieben der anderen: Die Leute hinter der Wand

Welche schönen Sachen wohl bei den Nachbarn für wohliges Geschrei sorgen? Unser Kolumnist macht sich gerne so seine Gedanken.

Hochhackige Pumps liegen auf dem Teppich vor einem Sofa

Ihr Ding, ihren intimen Code, den sie hervorzaubern, wenn die Kinder nicht zu Hause sind Foto: Patricia Niven/plainpicture

Jenseits der Wand hinter meiner Couch gibt es öfter mal Geschrei. Nicht das gefährliche Geschrei, für das man lieber mal schauen geht oder zum Telefon greift. Eher das gewöhnliche Geschrei, wenn Kinder nicht aus dem oder nicht ins Bett wollen oder sonst wie kindlich verstimmt sind und wo die Eltern dann versuchen, noch lauter zu schreien als die Kinder, in der Hoffnung, dass das überzeugt. Es kommt aber manchmal auch anderes Geschrei von jenseits der Wand hinter meiner Couch, wohliges Geschrei, aus dem sich schließen ließe, dass die Kinder vielleicht grade nicht zu Hause sind.

Und dann frage ich mich, wer diese Leute sind und was sie wohl anmacht. Das geht mich selbstverständlich nichts an, aber ich kann ja nicht verhindern, dass ich mich etwas frage. Hinter der Wand liegt das Nachbarhaus, und so sind diese Leute mir unbekannt. Der indiskrete Reporter würde sogleich hinübergehen und sich ein Bild machen. Der diskrete Literat hingegen würde sitzen bleiben, wo er ist, und sich etwas ausdenken. Und da diese Zeiten uns zwingen, diskrete Literaten zu sein, bleibe ich sitzen. Und weil ich mir lieber etwas ausdenke. Die Wahrheit ist oft grässlich unheiter.

Ich denke mir also aus, dass die Leute jenseits der Wand sich manchmal anschauen, wenn die Kinder aus dem Haus sind, und dann beide wissen, was sie wollen. Dass sie aus der Kammer, unter dem Werkzeugkasten hervor, die Schachtel mit den schönen Sachen holen, es ist eine runde Hutschachtel und darin, denke ich mir aus, befindet sich alles, was sie brauchen, für ihr wohliges Geschrei.

Frühkindliche Bullerbü-Prägung

Und was? Vielleicht cremeweiße Leinenkissenbezüge, zum Augenverbinden, vielleicht hölzerne Wäscheklammern, die an verschiedenen Körperstellen befestigt werden können. Vielleicht die dazugehörige Wäscheleine aus Hanfseil, die, weil sie so rau ist, nur ganz sanft um die Gelenke geschlungen wird. Ich denke mir das alles aus, selbstverständlich, denn sicher besitzt hier in der Nachbarschaft niemand Leinenwäsche, geschweige denn dass man sie an hanfenen Wäscheleinen trocknen würde. Ich denke mir das aus, weil meine Fantasien in diesem Moment ganz offenbar unmittelbar aus einer frühkindlichen Bullerbü-Prägung heraus gespeist werden.

Aber ich möchte mir eben gerne ausdenken, dass diese Leute da drüben ihrs gefunden haben. Ihr Ding, ihren intimen Code, den sie hervorzaubern, wenn die Kinder nicht zu Hause sind. Den sie vielleicht sogar hervorzaubern, wenn sie zu Hause sind. Heimlich. Eine Wäscheklammer auf dem Kopfkissen. Ein Blick. Kichern. Ich denke mir das aus, weil ich mir für die Leute da drüben wünsche, dass sie so etwas pflegen. Und weil es mich ein bisschen tröstet, zu denken, dass hinter allen Wänden kinky Menschen ihre kleinen Schachteln haben.

Und während ich so träume, muss ich mich auf einmal fragen, wie viel Geschrei sich die Leute da drüben eigentlich von meiner Seite her anhören müssen.

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