Die Verfehlungen der anderen: Kind, wo ist deine Maske?

Es gibt verschiedene Wege, seinem Unmut über das Falschtragen des Mund-Nasen-Schutzes Ausdruck zu verleihen. Sympathischer macht einen keiner davon.

einem Raucherquillt der Rauch unter seiner Maske hervor

Rauchen ohne die Maske abzunehmen, dieses Verhalten hat echte Vorbildfunktion Foto: Nardus Engelbrecht/ap

Corona, Corona, Corona. Auch ich kann es nicht mehr hören und lesen. Auch ich bin maximal genervt und angestrengt von diesem Zustand. Vielmehr diesem Zwischenzustand, der sich nicht entscheiden kann, was er sein will und sich deswegen irgendwo zwischen dumpfer (Vor-)Ahnung und völliger Ignoranz verortet.

Mit Letzterer bin ich im Alltag öfter konfrontiert; besonders gern in Form der individuellen Interpretation vom Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes. Unterm Kinn, wie um die alternde Haut vor der Schwerkraft zu schützen, oder lässig um den Hals baumelnd, als handle es sich um ein neues Must-have It-Piece aus Polypropylen statt irgendeinem Edelmetall-Imitat.

Mein Favorit des sinnbefreiten Maskentragens ist aber nach wie vor die Variante, bei der zwar der Mund bedeckt – die Worte im Falle einer Konversation also trotzdem schwer verständlich sind –, die Nase aber befreit hervorlugt. Mir fällt da immer dieses Meme ein, das mithilfe zweier Skizzen zeigt, dass das Tragen einer Maske mit hervorragender Nase so effektiv ist wie das Tragen einer Unterhose mit heraushängendem Penis.

Gut, nachempfinden kann das zwar nicht jede*r, verstehen, wie es gemeint ist, wohl aber schon. Ich muss jedenfalls ein bisschen schmunzeln, wenn ich daran denke, und vergesse darüber fast, mich über den*die Falschträgerin zu ärgern. Aber halt nur fast. Denn wenn ich wieder im Hier und Jetzt – meist eines öffentlichen Verkehrsmittels – ankomme, kehrt auch der Ärger wieder zurück. Immer vermischt mit Fassungslosigkeit und etwas Verzweiflung, weil ich nicht weiß, wie oder ob überhaupt reagieren.

Komplizierte Gratwanderung

Einmal habe ich es gewagt und zwei junge Mädchen in feinstem Ausgehzwirn auf ihre fehlenden Masken hingewiesen. Mehr als genervtes Augenrollen und ein wenig schuldbewusstes „Haben wir vergessen“ gab es aber nicht als Antwort. Im Nachhinein war mir meine pädagogische Maßnahme peinlich, weil ich mich selbst zwar im Recht wähnte, mich aber auch zurückversetzt fühlte in dieses Alter, in dem man vor allem Spaß haben und gut aussehen will. Bei beidem ist die Mund-und-Nasen-Bedeckung irgendwie hinderlich.

Außerdem fühlte ich mich an meine Mutter erinnert, die früher in meinem Beisein gern mal Fremde auf irgendeine Art von Verfehlung hinwies. Mir war das äußerst unangenehm, konnte ich damals noch nicht zwischen echtem Vergehen und persönlicher Überempfindlichkeit unterscheiden. Und heute? Da sehe ich es immer noch als komplizierte Gratwanderung, besonders wenn die Dinge so wenig determiniert sind wie gerade jetzt.

Zum Glück gibt es beim Thema Masken verschiedene Wege, seinem Unmut über das Falschtragen Ausdruck zu verleihen, wie mich The New Yorker lehrte. In einer unlängst erschienenen Comicreihe mit dem Titel „Wie man Leute dazu bringt eine Maske zu tragen“ (Originaltitel: „How to Guilt People into Wearing a Mask“) entwarf die Illustratorin Malaka Gharib hierfür verschiedene Szenarien. Mister-Nice-Guy, der freundlich auf das Problem hinweist, bin ich schon mal nicht. Auch als The Mom und The Scientist, die entweder mit einem Lösungsansatz – in diesem Fall einer Reservemaske – oder wissenschaftlich fundiertem Wissen aufwarten, sehe ich mich nicht.

Gerne wäre ich der*die direkte Typ, unerschrocken mit einem „Zieh deine verdammte Maske an“ für eine aerosolfreie Umwelt sorgend. Ehrlicherweise sehe ich mich momentan aber eher zwischen zwei der von Gharib gezeichneten Ansätze: dem passiv-aggressiven, bei dem ich ungläubig über so viel Rücksichtslosigkeit merklich den Kopf schüttle. Und dem The Point-and-Scowl, einer etwas aktiveren Variante, bei der man finster dreinschaut und auf seine eigene korrekt positionierte Maske zeigt. Ich gebe zu, zum sympathischeren Menschen macht mich Corona nicht gerade.

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Sophia Zessnik ist seit 2019 bei der taz und arbeitet in den Bereichen Kultur und Social Media. Sie schreibt am liebsten über Alltägliches, toxische Männlichkeit und Menschen im Allgemeinen.

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