Die Umwelt in der deutschen Geschichte: Lieber widernatürlich als grün-deutsch

In Berlin sprach David Blackbourn über die Umgestaltung der deutschen Landschaft, speziell des Wassers. Seit Umweltkanzler Willy Brandt sei der Naturschutz von rechts nach links gerückt.

Die Trockenlegung des Oderbruchs (Foto) sei laut Blackbourn "nicht nur negativ gewesen", sondern im Vergleich mit den "großen hydrologischen Projekten" der Sowjetunion und den USA noch harmlos. Bild: dpa

In der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften hielt am Donnerstag der Leiter des "Center for European Studies" der Harvard University David Blackbourn eine "Besondere Vorlesung" - über "Landschaft und Umwelt in der deutschen Geschichte". Blackbourn war als Autor eines Buches über deutsche Umweltgeschichte, "Die Eroberung der Natur", eingeladen, das hierzulande auf großes Interesse gestoßen war.

So beschäftigte die taz sich gleich mehrmals mit dem Buch, ihre Beilage Le Monde diplomatique veröffentlichte Neal Ascherson einen zweiseitigen Text dazu, "Herren der Landschaft" betitelt. Er gipfelte - ganz im Sinne von Blackbourn - in einer Kritik des deutschen "grünen Denkens", das eine "totale Verantwortung des Menschen" für seine Umwelt reklamiert: ein Anthropozentrismus, der "die realitätsferne Vorstellung eines ,Gleichgewichts der Natur' beinhaltet - als ob in der Umwelt zu Lande wie zu Wasser eine konstante und unveränderliche ökologische Balance herrsche, die nur durch die Intervention der Menschen ,aus dem Lot' gebracht würde."

Bereits 2002 hatte der grüne Umweltminister Jürgen Trittin den auf Deutschland spezialisierten Umwelthistoriker Blackbourn zu einer Tagung über "Nationalsozialismus und Naturschutz" eingeladen. Dabei, so führte er in der Akademie nun aus, gab es über den Zweiten Weltkrieg hinaus eine Kontinuität, aber zu Zeiten des Umweltkanzlers Willy Brandt "machte die Sache des Naturschutzes einen Linksruck". Im Übrigen seien die seit 250 Jahren erfolgten "Eingriffe in die Natur", speziell die Trockenlegung des Oderbruchs, die Veränderung des Rheintals und die Errichtung der Stauseen im Sauerland, "nicht nur negativ gewesen"; zudem im Vergleich mit den "großen hydrologischen Projekten" der Sowjetunion und den USA noch harmlos.

Aber die "Wasserkriege" wurden in Deutschland nicht selten mit Hilfe des Militärs angegangen und dienten ihm auch insofern, als die Trockenlegung der Sümpfe und Moore den Deserteuren ihre Verstecke nahm. Blackbourn beruft sich dabei auf eine äußerst gründliche, aber auch kleinräumigere Studie der Berliner Historikerin Rita Gudermann über die Kultivierungsprojekte in Westfalen und Brandenburg mit dem Titel "Morastwelt und Paradies". Ihrem Werk, das sich auf den Zeitraum von 1830 bis 1880 beschränkt, ist zu entnehmen, dass der Meliorationsprozess keinesfalls linear "vom Schlechteren zum Besseren verlief, sondern ganz im Gegenteil von harten Auseinandersetzungen geprägt war". Er nahm nämlich den Armen das Gemeindeland (Allmende) und privatisierte es. Dadurch kam es auch auf dem Land zu einer Spaltung "zwischen Konsumenten und Produzenten".

Obwohl Blackbourn für die Geschichte - z. B. der deutschen Moorgebiete - so unterschiedliche Quellen wie die Balladen von Annette von Droste-Hülshoff, Pollenanalysen und Moorarchäologie heranzieht, kommen die gravierenden sozialen, ökonomischen und politischen Folgen der "Umgestaltung der deutschen Hydrologie" bei ihm viel zu kurz. Von den Nutzern, zwischen denen jeder Eingriff in die Natur "Zwietracht säte", erwähnt er nur Jäger/Fischer, Bauern, Binnenschiffer, Wassermühlenbesitzer, die Industrie, Badende/Touristen und die auf das Trinkwasser Angewiesenen. Wenn man Blackbourns Studie mit der von Rita Gudermann und mit den auf das Oderbruch beschränkten Arbeiten des Eberswalder "Büros für Landschaftskommunikation" vergleicht, dann ist das eher ein populärer Beitrag zur Kulturwissenschaft als einer zur deutschen Umweltgeschichte.

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