Globale Mächte & Internationale Politik: Die Revolution, die im Krieg endete
Armee und RSF-Miliz überziehen Sudan mit Gewalt. Der Konflikt reicht über die Grenzen des Landes hinaus
Ismat IdrisAl Geneina, Sudan
Es war der 19. Dezember 2018, als im Sudan die Dezemberrevolution begann. An ihrem Beginn standen Proteste gegen den wirtschaftlichen Zusammenbruch des Landes, angeführt von der Sudanese Professionals Association (SPA), einem Zusammenschluss unabhängiger Berufsverbände. Die SPA entstand 2016 im Untergrund, weil unabhängige Gewerkschaften unter der Herrschaft des islamistischen Langzeitherrschers Omar al-Baschir weitgehend verboten waren.
Was als Demonstration gegen steigende Lebenshaltungskosten begann, entwickelte sich zu einer landesweiten Massenbewegung. Der Ruf der Demonstrierenden lautete: „Tasqut bas“ – „Er soll einfach fallen“. Am 11. April 2019 wurde Omar al-Bashir gestürzt – nach 30 Jahren autoritärer Herrschaft.
Die Revolution gilt international als eine der friedlichsten der jüngeren Geschichte. Für viele Sudanes:innen war sie die bedeutendste Revolution, die das Land je erlebt hat. Doch mit dem Sturz des Diktators al-Bashir war die Geschichte nicht vorbei.
Geleakten Dokumenten zufolge hielten führende Vertreter der islamistischen Bewegung und Teile des Militärs auch nach dem Machtwechsel engen Kontakt. Ihr gemeinsames Ziel: die Revolution und die zivile Übergangsregierung zu stürzen.
Mehr als zwei Jahre lang behinderten sie die Arbeit der Zivilregierung. Am 25. Oktober 2021 schlugen sie schließlich zu. Das Militär putschte und sprach von einer „Korrektur des revolutionären Kurses“. Tatsächlich löste es die Übergangsregierung auf, ließ Ministerpräsident Abdalla Hamdok festnehmen und setzte das Komitee zur Auflösung des Macht- und Wirtschaftsnetzwerks des früheren Regimes außer Kraft.
Doch der Putsch stieß zunächst auf heftigen Widerstand auf der Straße. Bereits am nächsten Morgen demonstrierten Hunderttausende, organisiert von den zivilen Widerstandskomitees. Das Motto: „Keine Verhandlungen, keine Partnerschaft, keine Kompromisse.“ Die internationale Gemeinschaft fror Hilfszahlungen für den Sudan ein. Unter dem Druck der Protestbewegung sowie der Afrikanischen Union und internationaler Vermittler entstand ein von der UN-Übergangsmission UNITAMS vermitteltes Abkommen für eine zivile Regierung. Die islamistische Bewegung und ihre Verbündeten im Militär sahen darin aber vor allem eine Gelegenheit, die Revolution mit Gewalt zu zerschlagen – mithilfe islamistischer Milizen wie dem Al-Barab’-ibn-Malik-Bataillon.
Das Abkommen scheiterte an der Frage, wie die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) in die regulären Streitkräfte (SAF) integriert werden sollten. Anberaumte Treffen wurden immer wieder verschoben. Die Militärführung und die RSF trugen ihren Konflikt zunehmend öffentlich aus. Am 11. April 2023 waren die beiden Seiten nicht mehr bereit, gemeinsam an einem Tisch zu sitzen. Vier Tage später fielen die ersten Schüsse. Eine SAF-Einheit griff einen RSF-Stützpunkt im Sportkomplex Madinat al-Riyadiya in Khartum an. Wenige Stunden später befand sich der Sudan im Krieg.
Schätzungen zufolge wurden seither über 100.000 Menschen getötet. Im August 2026 schätzten die UN die Zahl der durch den Konflikt Vertriebenen auf insgesamt 11,3 Millionen. Rund 4,6 Millionen Menschen sind ins Ausland geflohen, rund 6,5 Millionen sind innerhalb des Landes auf der Flucht. Die meisten der Betroffenen sind Frauen und Kinder.Mehr als 90 Prozent der Gesundheits- und Bildungseinrichtungen im Land beschädigt oder zerstört. Vor allem unter Neugeborenen und Kindern steigt die Sterblichkeit rapide an. Die UN sprechen von der weltweit schlimmsten humanitären Krise.
Europa sagte auf mehreren Geberkonferenzen Hilfen in Milliardenhöhe zu. Sämtliche politischen Vermittlungsversuche aber sind bislang gescheitert – auch weil ausländische Mächte den Konflikt aus strategischen und wirtschaftlichen Interessen durch Waffen- und Drohnenlieferungen, finanzielle Mittel und politische Unterstützung am Laufen halten.
Die Vereinigten Arabischen Emirate gelten als wichtigster ausländischer Unterstützer der RSF. Berichten zufolge erhält die Miliz über die VAE Waffen, Drohnen und weitere militärische Ausrüstung sowie Hilfe bei der Rekrutierung ausländischer Kämpfer. Die emiratische Regierung weist die Vorwürfe zurück. Ein wichtiges Interesse der VAE ist der Ausbau ihres Einflusses am Roten Meer sowie der Zugang zu sudanesischem Gold und anderen wirtschaftlichen Ressourcen.
Aufseiten der SAF stehen vor allem Ägypten, Iran und die Türkei. Ägypten verbindet mit der sudanesischen Armee enge historische und sicherheitspolitische Beziehungen. Für Kairo sind die gemeinsame Grenze und der Konflikt mit Äthiopien um die Nutzung des Nils von großer Bedeutung. Iran und die Türkei haben die SAF mit Drohnen und militärischer Technologie unterstützt. Auch Saudi-Arabien steht der SAF politisch näher, versucht aber zugleich, als Vermittler aufzutreten und seine Interessen am Roten Meer zu schützen.
Moskau will seinen Einfluss am Roten Meer ausbauen und strebt Zugang zu einem Marinestützpunkt in Port Sudan an. Während russische Akteure zunächst auch Beziehungen zur RSF unterhielten, hat sich Russland zunehmend der SAF angenähert und unterstützt deren Kriegsführung.
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