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„Die Natur wartet nicht“

2024 hatten sich die 196 Mitgliedstaaten der UN-Naturschutzkonvention große Ziele gesetzt. Sie müssen sie schneller umsetzen, sagt die UN-Verantwortliche Astrid Schomaker

Interview Heike Holdinghausen

taz: Frau Schomaker, am Montag beginnt die Weltnaturkonferenz im armenischen Jerewan. Das werden fordernde zwei Wochen für Sie als Naturschutzchefin der Vereinten Nationen. Wie haben Sie sich vorbereitet?

Astrid Schomaker: Vorschlafen war in den letzten Wochen wichtig. Während der Konferenz müssen bestenfalls drei bis vier Stunden pro Nacht reichen. Wir haben nur zwei Wochen Zeit, um über 54 Themen zu verhandeln und zu entscheiden. Darauf bereiten wir uns im Grunde seit der letzten Konferenz vor.

taz: Was sind die wichtigsten Themen?

Schomaker: Es geht zum Beispiel um ein Arbeitsprogramm zu Naturschutzgebieten, um Biodiversität und Gesundheit, um Gefahren durch invasive Arten, um Finanzfragen. Das zen­tra­le Thema ist sicher unsere globale Bestandsaufnahme zum Schutz der Biodiversität, unser „Global Review“. Dieser Bericht zeigt, wie weit die 196 Vertragsparteien in den vergangenen vier Jahren damit gekommen sind, die 23 Ziele zu erreichen, die sie sich Ende 2022 im historischen Weltnaturschutzabkommen von Montreal gesetzt hatten. Etwa, bis ins Jahr 2030 insgesamt 30 Prozent der Land-, Meer- und Süßwasserflächen zu schützen und zu erhalten. Oder, 30 Prozent der geschädigten Ökosysteme wie Moore oder Wälder wiederherzustellen. Oder, Forst-, Land- und Fischereiwirtschaft nachhaltiger zu gestalten.

taz: Auf der Weltnaturkonferenz 2022 wurde ein Fonds beschlossen, in den Kosmetik-, Pharma- oder Lebensmittelkonzerne aus dem Globalen Norden einzahlen sollen. Statt der versprochenen 1 Milliarde US-Dollar jährlich sind bisher nur 12.000 US-Dollar im Fonds. Wer bringt die Firmen dazu zu zahlen?

Schomaker: Der Cali-Fonds war ein Durchbruch. Die indigenen Bevölkerungen und die Länder im Globalen Süden können daraus Geld erhalten, ohne dass sie erst mal 300 Seiten Projektvorschlag schreiben müssen. Das ist neu und wichtig. Es ist auch normal, dass es zwei bis drei Jahre dauert, bis so ein neues Instrument anerkannt wird. Aber jetzt muss es losgehen.

taz: Wie überzeugen Sie die Unternehmensführungen davon?

Schomaker: Wir müssen Vertrauen aufbauen. Die Geschäftswelt braucht Vertrauen, dass es klare Regeln gibt, dass es sich rechnet. Die Länder des Globalen Südens müssen Vertrauen haben, dass die Unternehmen zahlen. Ich hoffe, dass die Zivilgesellschaft in den reichen Ländern den Druck auf die Industrie erhöht. Auch die Staaten können unterstützen, zum Beispiel indem sie Unternehmen, die zahlen, Steuer­erleichterungen anbieten.

Die 17. Weltnaturkonferenz

Die Konferenz

Am Montag beginnt die 17. Weltnaturschutzkonferenz im armenischen Jerewan. Zwei Wochen haben die Mitgliedstaaten der Konvention über biologische Vielfalt Zeit, um drängende Fragen zu verhandeln.

Das Thema

Ganz klassisch geht es um Naturschutz: Wie können Wälder, Wiesen, Moore, Meere effektiv geschützt werden? Es geht aber auch darum, natürliche Ressourcen – Pflanzen, Pilze, Tiere – nachhaltig zu nutzen und Gewinne gerecht zu teilen.

Die Erwartungen

2022 hatten sich die 196 Mitglied­staaten der Konvention in Montreal große Ziele gesetzt. Von den meisten Zielen aber ist man immer noch weit entfernt. Nun soll evaluiert werden.

taz: In den Mitgliedstaaten gelten Natur- und Klimaschutz aber zunehmend als Wirtschaftshindernis. Wie kontern Sie diese Gegenbewegung?

Schomaker: Wir wollen die Landwirtschaft nicht abschaffen, wir wollen und müssen sie verändern. Ich hoffe, wir lernen vom Umgang mit dem Gesetz zur Wiederherstellung der Natur in Europa, dass man diese Prozesse gemeinsam mit allen Beteiligten angehen muss. Die Landwirte brauchen Alternativen: Wenn sie weniger Wasser zur Bewässerung ihrer Tomaten benutzen sollen, brauchen sie andere Anbaumethoden. Was ich aber nicht verstehe: Die Landwirte profitieren doch als Erste von der Biodiversität und leiden als Erste darunter, wenn sie abnimmt. Bisher sind wir mit unserer Botschaft immer gut durchgedrungen: Die Natur wartet nicht.

taz: Wirklich? Vor zwei Jahren haben die Länder versprochen, 200 Milliarden US-Dollar jährlich für den Schutz der Biodiversität bereitzustellen. Im Fonds sind derzeit nicht einmal 400 Millionen US-Dollar vorgesehen. Wie bewegen Sie die Staaten dazu, ihre Finanzzusagen einzu­halten?

Schomaker: Erst einmal nehmen wir zur Kenntnis, dass die für uns sehr wichtigen Entwicklungshilfebudgets überall kräftig zusammengestrichen wurden. Dabei ist Geld da. Die globale Wertschöpfung lag vergangenes Jahr bei 117 Billionen US-Dollar. 4,9 Billionen US-Dollar privates Geld fließt in Aktivitäten, die der Natur schaden – häufig staatlich subventioniert. Ziel Nummer 18 sieht vor, bis 2025 Subventionen zu identifizieren, die der Biodiversität schaden, und sie bis 2030 um mindestens 500 Milliarden US-Dollar abzubauen. Davon sind wir weit entfernt. Solange Regierungen und Unternehmen mehr in Schädigung investieren als in Heilung, können wir uns hier ein Bein ausreißen, dann erreichen wir nichts.

taz: Wie wird sich das Machtgefälle zwischen den Delegationen auf die Verhandlungen auswirken? Einige reiche Länder kommen mit Dutzenden von Teilnehmern, ärmere nur mit ein, zwei Personen.

Schomaker: Wir unterstützen wenig entwickelte Staaten, Deutschland war da übrigens sehr großzügig. Wir garantieren, dass jede Delegation mit mindestens drei Gesandten kommt. Natürlich bleibt ein Unterschied, doch ich glaube nicht, dass sich das auf das Verhandlungsergebnis auswirkt. Zum Beispiel koordinieren sich die afrikanischen Staaten hervorragend und haben eine starke gemeinsame Position.

taz: In den Dokumenten ist viel von „indigenen Völkern“ die Rede. Wie stellen Sie sicher, dass sie in den Verhandlungen gehört werden?

Ich hoffe, dass die Zivilgesell-schaft den Druck auf die Industrie erhöht

Schomaker: Die indigenen Völker und lokale Gemeinschaften sind wichtige Hüter der Biodiversität. Ihr tradi­tio­nelles Wissen über Natur und Klima müssen wir nutzen, darum haben wir auf der Weltnaturkonferenz in Kolumbien ein Nebenorgan für indigene Völker und lokale Gemeinschaften gegründet, deren Arbeitsprogramm wir jetzt umsetzen müssen. Zum Beispiel geht es darum, wie wir die Rechte der indigenen Bevölkerung schon bei der Landplanung berücksichtigen.

taz: Wie wichtig ist Ihnen die Rolle der Zivilgesellschaft in den Verhandlungen?

Schomaker: Total wichtig. Die eigentlichen Verhandlungen finden zwar zwischen den Vertragsparteien statt, die müssen ja hinterher auch die Verantwortung dafür übernehmen. Aber im Naturschutz muss jeder mit anpacken. Man muss ja nicht zum Heiligen werden, aber man kann sich vor Ort engagieren, man kann weniger Fleisch essen, öfter Rad und Bus fahren, das ist ja schon etwas.

taz: Egal, ob es um den Einsatz von Geld geht, um Landnutzung, um den Fortschrittsbericht – alles müssen die Mitgliedsländer dokumentieren. Überfordert sie das?

Schomaker: Das ist ein ganz großes Thema. Es gibt neben den drei Rio-Konventionen zum Klima, zur Biodiversität und zur Wüstenbildung zahlreiche Übereinkommen zum Schutz der Natur, zum Beispiel zu den wandernden Tierarten, zu Feuchtgebieten, das Washingtoner Artenschutzabkommen und so weiter. Ein erster Schritt wäre, mit der gegenseitigen Konkurrenz aufzuhören, gemeinsam Geld aufzutreiben und etwa die Berichtspflichten für die Rahmenkonventionen zum Klima und zur Biodiversität zusammenzulegen. Viele Umweltabkommen arbeiten überlappend und parallel, das können die armen Länder zum Teil nicht ­stemmen.

Astrid Schomaker

Die Juristin Astrid Schomaker ist seit 2024 Exekutivsekretärin des Übereinkommens zur biologischen Vielfalt der Vereinten Nationen mit Sitz in Montreal. Damit ist sie quasi die Stimme der Natur in der UNO. Sie arbeitete in verschiedenen Funktionen für die EU-Kommission, seit 2004 in der Hauptabteilung Umwelt.

taz: In Jerewan treffen die Delega­tio­nen aus der EU, Russland und China, Nigeria und Brasilien auf­ei­nan­der – die alle sehr unterschiedliche Ziele verfolgen. Sind solche Mammutkonferenzen noch zeitgemäß?

Schomaker: Es gibt keine Alternative, und Multilateralismus ist kein Schönwetterthema. Wir haben diese Strukturen, weil wir gemeinsam Probleme lösen müssen, die wir nur gemeinsam lösen können. Die Konferenz in Jerewan ist sehr gut vorbereitet, wir werden dort nach Kompromissen suchen und sie finden.

taz: Wäre es aussichtsreicher, nur mit den Staaten zu verhandeln, die auch was erreichen wollen? Zum Beispiel mit denen, die sich in der High Ambition Coalition for Nature and People zusammengetan haben? Sie könnten ambitionierte und finanzierte Beschlüsse fassen und voranschreiten ….

Schomaker: Es wollen doch alle voranschreiten. Alleine schafft es keiner, die Lieferketten gehen über die ganze Welt, die Biodiversität verteilt sich über die ganze Welt. Wir müssen es schaffen, dass die Staaten ihr Geld so einsetzen, dass es dem Privatsektor ermöglicht wird, in Natur zu investieren. Auch im Subventionsbereich wird kein Land ­alleine voranschreiten wollen, denn Subventionen entstehen, weil Staaten und Märkte im Wettbewerb stehen. Da machen entweder alle mit – oder ­keiner.