: Die Kriegerin vom Hexenturm
Unser Autor besucht mit seiner Tochter ein Live-Rollenspiel für Kinder – und beobachtet, wie aus der Achtjährigen eine Heldin wird, die vollends in die Story eintaucht
Fotos: Spektakulus
Aus Hannover Alexander Matzkeit
Rund 60 Kinder in mittelalterlicher Kleidung folgen einem charismatischen jungen Mann durch den Hinüberschen Garten im Nordwesten Hannovers. Sie sind bewaffnet mit Schwertern und Schilden, Bögen und Kampfstäben. Konzentriert marschieren sie, skandieren im Rhythmus und üben gemeinsam, wie man eine Schlachtreihe bildet: Schildträger nach vorne, die Schwerter im zweiten Glied, dann Bogenschützen und Heiler in der Nachhut.
Man könnte glauben, der Kinderkreuzzug von 1212 würde hier ein Revival erleben. Doch der Anführer ist kein eifernder Prediger. Er nennt sich Sir Tristan von Tiefweiher, Heerführer der nördlichen Königreiche. Und den Rufen zufolge wird auch nicht gegen die Sarazenen, sondern gegen die „Horde“ gezogen. Was ich außerdem weiß: Meine achtjährige Tochter steckt mittendrin in diesem Aufmarsch und sie hat gerade die Zeit ihres Lebens. Sie macht schon zum zweiten Mal bei einem Larp mit, die Abkürzung steht für „Live Action Role Playing“, auf Deutsch: Live-Rollenspiel.
In klassischen Rollenspielen, zu den bekannteren zählen „Dungeons and Dragons“ oder das deutsche „Das schwarze Auge“, werden fantastische Abenteuer mit Stift und Papier am Wohnzimmertisch nachgespielt. Eine Spielleitung steckt erzählerisch einen Rahmen aus Setting, Ereignissen und zu lösenden Aufgaben ab. Die Spielenden improvisieren mit selbst ausgedachten Charakteren, wie sie auf die Herausforderungen reagieren. Mit Würfeln und einem Regelwerk wird bestimmt, wer einen Kampf gewinnt, wie stark ein Zauber wirkt und ob ein waghalsiger Sprung gelingt – oder nicht. So entsteht gemeinsam eine epische Geschichte.
Schon am Tisch geht es dabei vielen um eine möglichst hohe Immersion, sprich: ein tiefes Eintauchen und Einswerden mit der fantastischen Welt. Larp ist die nächste Stufe. Ein Wochenende oder länger wird man selbst zu seinem Charakter, schlüpft in Kostüm und Rüstung und kämpft, wenn nötig, mit Polsterwaffen aus Latex. Die Szenarien reichen dabei von Fantasy bis Science-Fiction, von Western bis Postapokalypse. Für viele Menschen bedeutet Larp, sich in einer Mischung aus Improvisationstheater, Escape-Room-Game und Schaukampf ganz in einer fremden Figur zu verlieren.
Sir Tristan von Tiefweiher etwa heißt im richtigen Leben natürlich anders, aber wenn er als Charakter vor einem steht, mit festem Blick, glänzender Rüstung, Stulpenstiefeln und einem großen roten Schild, könnte man ihn schon für einen edlen Ritter halten. Es ist kein Wunder, dass die Kinder sich von ihm anführen lassen. Meine Tochter und ich haben ihn schon auf dem Weg zum Larp in der Straßenbahn gesehen und ein paar Minuten darüber getuschelt, ob der freundlich aussehende Mann, dem das Schwert aus dem Wanderrucksack ragt, womöglich auch Liverollenspieler ist. Mit diesem Schwert dirigiert er nun seine kleine Armee und bereitet sie auf den bevorstehenden Kampf vor.
Ich habe als Teenager in den späten Neunzigern mit dem Larpen begonnen. Larp war damals selbst noch ein junges Hobby, das vor allem von eher nerdigen Männern und (seltener) Frauen betrieben wurde. Die ersten Conventions, oder Cons, wie die Liverollenspieler:innen ihre Spielwochenenden nennen, sind in Deutschland ab 1992 dokumentiert. Seitdem hat sich das Hobby enorm weiterentwickelt. Zu Groß-Cons wie dem „Drachenfest“, das seit diesem Jahr in Waldeck am Edersee stattfindet, oder „ConQuest of Mythodea“ in Brokeloh bei Nienburg kommen inzwischen bis zu 10.000 Menschen.
Larps sind auch inklusiver geworden, im Angebot vielfältiger und spielerisch freier, weniger eng ans Papiervorbild angelehnt. Ein gängiges System trägt die Abkürzung DKWDDK – du kannst, was du darstellen kannst. Das heißt: Wer seine Mitspieler kreativ in sein Spiel einbinden und von den eigenen Fähigkeiten überzeugen kann, braucht sich nicht mehr auf Zahlenwerte auf einem Charakterbogen zu berufen.
Gleichzeitig sind Larper:innen auch mit ihrem Hobby gealtert. Wer wie ich in den 90ern jugendlich war oder studierte, hat heute häufig Familie. Und so gibt es seit Ende der 2000er diverse Vereine in Deutschland, die Larps speziell für Kinder ausrichten. Einer davon, Spektakulus aus dem niedersächsischen Walsrode, hat die Tagesveranstaltung rund um den „Hexenturm“ im Hinüberschen Garten organisiert.
Dirk Bolm, Mitgründer von Spektakulus
Ich hatte von Anfang an große Hoffnung, dass meine Tochter Larp lieben würde. Sie findet Fantasy-Kinderbücher toll, erschafft mit ihren Spielzeugfiguren im Kinderzimmer legendäre Welten und Konflikte und verbringt allgemein sehr viel Zeit damit, sich selbst Geschichten zu erzählen. Kurzum: Sie ist Profi im Eintauchen in fantastische Welten.
Bei den Hexenturm-Larps in Hannover gibt es eine klare Unterscheidung in Spieler (Kinder) und Nichtspieler (Erwachsene). Die Charaktere der Kinder werden von Anfang an als Hauptfiguren und zukünftige Held:innen in die Spielwelt eingeführt. Zu Beginn des Tages erfahren sie, was laut Geschichte der Anlass des Zusammentreffens ist, und was sie erwarten können. Meist müssen sie mehrere kleinere Aufgaben erfüllen und ein Geheimnis ergründen, bevor es am Ende zu einem großen Kampf kommt.
Die Erwachsenen sind auch kostümiert, aber nur Nebencharaktere. Sie begleiten die nach Alter gestaffelten Kindergruppen als Aufsichtspersonen, stellen die bösen Gegner der „Horde“ dar oder übernehmen Anspielstationen in der Spielwelt. So war ich etwa der Alchemist des imaginierten Dorfes, in dem die Geschichte an diesem Wochenende ihren Anfang nahm.
Einige Stunden vor den Schlachtübungen mit Sir Tristan steht meine Tochter daher mit ihrer Spielgruppe vor meiner Alchemistenküche und mir wird schnell klar, dass sie den erhofften Immersionszustand erreicht hat. Sie ist vollständig in ihren Charakter eingetaucht und trägt mir mit sorgfältig gewählten, altmodisch klingenden Worten vor, dass sie als Waldläuferin und Kriegerin oft in gefährliche Situationen gerät, in denen sie auch verletzt werden kann. „Ich benötige daher dringend einen Heiltrank“, sagt sie ernst.
Auf meine Anweisung hin holt sie gemeinsam mit einem Jungen in Magiergewandung Wasser, hilft mir beim Aufgießen von Lebensmittelfarbe in einem Erlenmeyerkolben und schaut zu, als ein anderes Mädchen mit Blumenkranz in den Haaren die rote Flüssigkeit in eine kleine Ampulle abfüllt. Einen Glasstein kostet der Heiltrank, den ich der Gruppe natürlich gerne überlasse.
Als meine Tochter sich zum Gehen wendet, greife ich nach ihrem Arm und frage kurz: „Alles okay? Hast du Spaß?“ Sie lächelt und nickt nur ganz kurz. Eindeutig hat sie keine Lust, ihren spielerischen Flowzustand zu verlassen.
Die Gründungsgeschichte des Vereins Spektakulus erzählt mir dessen Vorstandsmitglied Dirk Bolm am Telefon. Der Sozialpädagoge arbeitet seit 1992 mit Kindern und Jugendlichen. In diesem Rahmen, sagt er, habe er schon früh Abenteuerwochenenden zu Themen wie „Römer“ oder „Wikinger“ veranstaltet, ohne zu wissen, was Larp ist. 2008, nach einem Besuch des ConQuest of Mythodea in der Nähe seines Wohnorts, sei ihm dann klar geworden: „Das müssen wir mit den Kindern machen!“
Neben Tagesveranstaltungen wie der um den „Hexenturm“ veranstaltet der Verein Cons mit bis zu 400 Beteiligten, die Jugendfreizeitcharakter haben und in den Sommerferien auch mal eine Woche dauern. Wenn man Dirk Bolm zuhört, hat man nicht den Eindruck, dass er von einem nerdigen Hobby spricht. „Mit Larp erreicht man sehr schnell sehr viel“, sagt er. „Das gemeinsame Spiel schult soziale Kompetenzen wie Kommunikation und strategisches Denken, baut Stress ab und fördert Konzentration und Körperwahrnehmung – und man ist in der Natur, an der frischen Luft, und bewegt sich.“ Wer schon ein Handy hat, lässt es während des Spiels in seiner Reisetasche. „Viele Teilnehmende empfinden das als Erleichterung“, meint Bolm.
Wichtig ist ihm, dass der Fokus des Spiels auf den Kindern liegt. Sie sollen dabei ihren persönlichen Held:innenmoment erleben. Daher ist auch klar geregelt, dass die Kinder immer die eindeutig Guten spielen und am Ende über das Böse triumphieren. Einige 15-Jährige, die im Verein groß geworden sind, wurmt das inzwischen. Sie wollen endlich auf die düstere Seite wechseln und ihre Teenagerabgeklärtheit ausleben. Aber die Regeln sind klar: Die Horde nimmt Rekrut:innen erst ab 16.
Mittlerweile hat sich die Kinderarmee im Hinüberschen Garten auf den Weg zum Schlachtfeld gemacht. Sie haben die Gnocks, eine Gruppe von blaugesichtigen Wesen, dabei unterstützt, ihren magischen Stab zurückzubekommen, und einem beeindruckend aussehenden Duo aus Echsenmenschen geholfen, ihre Lieblingsbeeren zu finden. Bei mir haben sie sich mit Zaubertränken eingedeckt und von einer Schamanin mit Tierschädel auf dem Kopf einen Verwurzelungszauber gelernt. Jetzt sind sie für den Endkampf bereit. Die Horde, einige davon Mütter und Väter, wartet bereits auf sie.
Dirk Bolm schildert mir, dass er über die Jahre verschiedene Typen von Spektakulus-Eltern identifiziert hat. Manche geben ihre Kinder bei seinen Larps ab, bleiben aber selbst komplett außen vor. Andere fragen nach Möglichkeiten, sich in den Verein einzubringen. Sie helfen in der Küche oder beim Bau von Requisiten und Kulissen. Und wieder andere entdecken das Hobby durch ihre Kinder und werden selbst zu Larpenden. Wenn sie nicht, wie ich, sowieso eine Live-Rollenspielgeschichte haben und sich freuen, dass sie diese nun mit ihren Kindern teilen können.
Foto: Spektakulus
Ich habe beobachtet, dass das gemeinsame Spiel mit Kindern gestandene Larper verändert. Nerds neigen dazu, sich einen Panzer aus Ironie und Spezialwissen zuzulegen. Wer einem Nischenhobby nachgeht, definiert sich oft auch durch die Abgrenzung zum vermeintlichen Mainstream. Unter der Woche sitzt man vielleicht wie viele andere in einem Büro, fährt eine Straßenbahn oder kümmert sich um Haushalt und Familie. Aber an drei Wochenenden im Jahr erlebt man Abenteuer, die andere nur erahnen können. Die Kinder, gerade die jüngsten wie meine Tochter, haben dieses Distinktionsbedürfnis noch nicht. Sie sind mit vollem Herzen und leuchtenden Augen dabei.
„Ich spiele viel lieber mit Kindern“, sagt Dirk Bolm, und ich verstehe, was er meint. Es macht einen auf angenehme Art weich, wenn die Rollen, zwischen denen man sonst säuberlich trennt, ineinanderfließen. Beim Larp mit Kind sind die Erwachsenen gleichzeitig Vater und Ritter, Mutter und Schamanin, liebende Eltern und fanatische Anhänger des bösen Zaubermeisters Sithric. Und das alles auch noch in einem öffentlichen Park vor zufälligem Laufpublikum, das manchmal kopfschüttelnd oder begeistert stehen bleibt und zuschaut.
Hätte ich kein Kind dabei, würde ich mir vielleicht zwischendurch albern vorkommen, entschuldigend lächeln und zweimal überlegen, bevor ich mich mit Gebrüll auf die Schlachtreihe aus Kinderkrieger:innen hinter Sir Tristan stürze. Aber ich spiele hier ja nicht nur für mich. Ich erschaffe auch eine prägende gemeinsame Erinnerung für meine begeistert ihr Schwert in die Höhe reckende Tochter. Die ist kurz davor, einen epischen Kampf zu gewinnen. Und das will ich ihr, als stolzer Larp-Nerd und Papa, unbedingt ermöglichen.
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