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Die Kirche im Dorf lassen

Im schwäbischen Staig wollen Ehrenamtliche die alte Dorfkirche neu beleben. Weil der Gemeinde die Mittel fehlen, nimmt die Gruppe die Sache selbst in die Hand und will nun eine Genossenschaft gründen

Nirgends hat das „Omm“ von Yogatrainerin Heike Seemüller bislang so gewaltig gehallt wie vor dem ehemaligen Altar der Marienkirche im schwäbischen Dorf Staig bei Ulm. Hinter ihr thront während der Übungen ein gläsernes Abbild von Jesus, rund fünfzig Yogis rollen ihre Matten dort aus, wo einst Betbänke standen. Während die bunten Bleiglasfenster den Raum in warmes Licht tauchen, schlägt die Trainerin gegen ihre Klangschale. „Genießt jeden Atemzug“, flüstert sie. Und die Kurs­teil­neh­me­r:in­nen scheinen ihr zu folgen.

Der Saal, in dem die Yogis erst in den herabschauenden Hund, dann den Vierfüßlerstand geführt werden, stand jahrzehntelang leer. Mitte der 1960er baute die katholische Gemeinde eine neue Kirche im Ort, die alte Marienkirche sollte abgerissen werden. Doch die Denkmalbehörde stoppte das Vorhaben. Das Gemäuer verkam, Tauben nisteten im einstigen Gotteshaus.

In den 1980er Jahren übernahm dann der Restaurator Peter Rau die heruntergekommene Kirche für eine symbolische D-Mark. Er profanierte sie, investierte einen Millionenbetrag. Jetzt will er sein Lebenswerk für rund 1,5 Millionen Euro verkaufen – am liebsten zurück an die Gemeinde. Doch die lehnt ab. Was also tun mit der Kirche, die schon wieder niemand will?

Eine Gruppe aus Dorf­be­woh­ne­r:in­nen hat eine Antwort: Im Mai 2025 gründeten 14 Personen aus der Gemeinde die Interessengemeinschaft „Zukunft Marienkirche“. Das ehrenamtliche Team entwickelte einen Plan, um die Marienkirche im Dorf zu halten. „Unser Ziel war es erst mal, dieses Haus in die Öffentlichkeit zu bringen“, sagt Ulrike Geiselmann, die sich in der Interessengemeinschaft engagiert. Denn die meisten der rund 3.000 Dorf­be­woh­ne­r:in­nen haben die Räume noch nie von innen gesehen.

Geiselmann findet, die Marienkirche könne eine Lücke füllen. Das Sportangebot im Ort sei zwar schon super, doch fehle es an Kultur. „Wenn junge Leute hier was unternehmen wollen, müssen sie eigentlich in die nächste Stadt fahren“, erklärt sie. Die Interessengemeinschaft organisierte also Konzerte, ein Café, Yoga, einen Kabarettabend. „Hunderte Menschen kamen und unterschrieben, dass die Kirche im Dorf bleiben soll“, sagt Geiselmann. Doch die Gemeinde verweist noch immer auf fehlende Mittel.

Die Interessengemeinschaft hat nun einen Plan entwickelt: Sie möchte eine Genossenschaft gründen, mit der sie die Kirche kaufen will. Ge­nos­s:in­nen sollen Anteile für je 1.000 Euro erwerben können, der Rest wird von der Bank geliehen. Vorstand, Aufsichtsrat und viele helfende Hände sollen die Kirche dann zu einem generationsübergreifenden Anlaufpunkt für den ganzen Ort machen. Nun gilt es, Menschen aus der Region von dem Vorhaben zu überzeugen: „Es braucht seine Zeit, Ge­nos­s:in­nen zu finden“, sagt Geiselmann.

Wir werden es schaffen, die Kirche in unsere Hände zu bekommen

Ulrike Geiselmann, Ehrenamtliche der Interessengemeinschaft

Wie die 61-Jährige sich die Zukunft ausmalt? Ein volles Café im grünen Vorgarten der Marienkirche, ein Konzert an einem lauen Sommerabend, sonntags vielleicht eine Hochzeit oder ein Kindertheater – so ihre Visionen für das Gelände. Obwohl der Plan in weiter Ferne und der Kaufpreis hoch ist, bleibt sie optimistisch. Denn als sie im Sommer auf ihrer Yogamatte kniete und sich zum Summen der Klangschale entspannte, brach ein Sonnenstrahl durch das bunte Bleiglasfenster direkt auf ihre Matte. „Schon da war mir klar: Wir werden es schaffen, die Kirche in unsere Hände zu bekommen“, sagt Ulrike Geiselmann. Leon Scheffold

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