: Die Insekten auf dem Gedankenstrich
■ In „Die Prärie“spinnt Zafer Senocak ironische Gedankenwolle rund um einen Autisten
Sascha hat es nicht anders gewollt. Ein Spielverderber, der seinen Auszug in die Prärie lieber zu einem Ein-Mann-Unternehmen in Sachen vorläufig endgültiger Weltaneignung machen möchte, als zum „Herdentier“unter der Fuchtel des Erzählers zu verkümmern. Hauptfiguren können eine anstrengende Angelegenheit sein. Da hat man sich soviel Mühe gegeben, sie – wie in Saschas Fall –,liebevoll zu einem narzißtischen Autisten ausgemalt und schließlich zu einem erotischen Flaneur veredelt, läßt diesen bornierten Egozentriker vom Orient bis zum Okzident vögeln und alle Weiblichkeit als kurzglühendes Gestirn um seine Herrlichkeit rotieren, und dann mault der Undankbare und jammert und will nicht mehr wie sein Federführer.
„Er hat geglaubt, daß ich ihn am Schreiben hindere. Ich hätte ihm die falschen Themen zugespielt“, faßt der nicht minder eitle Erzähler in dem Kapitel „Der Andere“den Gefühlskater seiner beleidigten Spielpuppe zusammen und straft fortan mit Ignoranz: „Ich werde die Post, die er mir schickt, nicht mehr öffnen...“Und mit einem Federstrich wird Sascha von der ersten Person zur dritten degradiert. Er hat es nicht anders gewollt.
Zafer Senocak, der in Istanbul und München aufgewachsen ist, seit 1990 in Berlin als Lyriker und Essayist arbeitet, illustriert in seiner ersten längeren Erzählung Die Prärie eine wunderliche Goldsuche, in der das Neurotische rührende Triumphe feiert.
Sascha wird uns als Pendler zwischen den Welten, als multikultureller Womanizer mit unerschöpflichem Mitteilungsbedürfnis vorgestellt. Sein Buch an „Veronika“kommt fast schon einem Protokoll höfischer Gesprächsrituale gleich, die vage um die Frage nach dem Anfangspunkt der Liebe kreisen, aber immerhin unmißverständlich vorexerzieren, was er uns im darauffolgenden Kapitel nachreicht: „Die Frauen in meinen Geschichten sind Ä...Ü ein Teil von mir. Ich habe sie ockupiert, ihrer künstlichen, unbedeutenden Welt entrissen und ihrer wahren Berufung zugeführt.“
Ebenso gut und beliebig könnte er 400 Zeilen über die Fatwa schreiben, obwohl er alles, was seine türkische Verwandtschaft ihm über den Islam vermittelte, längst vergessen hat. Erinnern ist eh' nicht gerade seine olympische Diziplin. Sascha ist ein Zuhälter, der Veronika, Mariana, Elvira, schließlich Sue auf seinen Gedankenstrich schickt, bis ihm Ertragversprechenderes über den Weg läuft. Worte sammelt er „wie Insekten“, die sich an seiner kleinen, bunten Welt abarbeiten, bis sie zerfällt „und in anderen spärlichen Worten wieder zusammengefaßt wird“. Zur ambitionierten Sprachkritik reicht das nicht. Auch zur modernen Melancholie angesichts einer sich zwischen Begriffs- und Erkenntnisdilemmatas verdünnisierenden Ganzheitlichkeit schwingen sich Senocaks Episoden gar nicht erst auf. Andeutungen sollen Sascha die Sinnmühen ersetzen. Für die ist sowieso der jeweilige Kapitelvorspann zuständig.
Unter den aphoristischen Anfängen, in denen Senocak die ganze Raffinesse der Erzählung zur ironischen Instantmischung verdichtet, kräuseln sich die Befindlichkeitsminiaturen seiner Hauptfigur wie locker gesponnene Gedankenwolle. Mal offenherzig und in aller Ernsthaftigkeit naiv, mal misanthropisch und anmaßend. Und wenn Sascha über die Freizeitgesellschaft sinniert, hat sich der eigentliche und höchst subjektive Arbeitskampf des Wortklaubers und Insektensammlers längst im Vorspann ereignet: „Jede Ameise wird einzeln verfolgt. Befehl ist Befehl. Krieg ist Krieg. Bist du eine Ameise?“
Birgt Glombitza
Zafer Senocak, „Die Prärie“, Rotbuch Verlag, Hamburg, 1997, 113 Seiten
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