:
Eine internationale Tagung in Berlin befasst sich damit, wie weit der 7. Oktober von der Shoah entfernt liegt und wohin die israelische Gesellschaft steuert
Foto: Ilia Yefimovich/dpa
Von Klaus Hillenbrand
Die Studienbedingungen waren nicht ganz ideal: Als Kiryat Shmona, im Norden Israels an der Grenze zum Libanon gelegen, im Raketenhagel der schiitischen Hisbollah-Miliz lag, wurde der Ort zeitweise fast komplett evakuiert, berichtet die Studentin Mia. Ihre Universität Tel-Hai fand Obdach in verschiedenen israelischen Kommunen. Mia selbst war zur Sicherung ihres Kibbuz Hagoshrim fünf Kilometer weiter östlich eingeteilt. Dort sei ein Kibbuznik bei einem Raketeneinschlag getötet worden, sagt sie, vielleicht 50 Meter von ihr entfernt.
Die Studentin spricht auf einer internationalen Konferenz – nicht in ihrer Heimat Kiryat Shmona, sondern im Westen Berlins, wo die private jüdische Touro-Universität ihren Sitz hat. Das Thema der Jahrestagung der Tel-Hai-Universität liegt zur einen Hälfte in Israel, zur anderen in Deutschland. Es geht um das Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023. Und um die Shoah.
In Berlin werden jüdische Studenten angefeindet. Das Studierendenparlament der Humboldt-Universitär hat jüngst einen Boykott israelischer Forschungseinrichtungen verlangt. An der Touro-Uni tagen Israelis und Deutsch ungestört.
Nach dem 7. Oktober haben Holocaustforscher wiederholt davor gewarnt, direkte Vergleiche zwischen der Hamas und den Nazis vorzunehmen. Viel zu unterschiedlich seien die Dimensionen der Taten, zu verschieden die Motive der Täter. Es geht in Berlin auch nicht um direkte Vergleiche, sondern um Wechselwirkungen. So bei den Überlebenden der Shoah, die von dem Hamas-Massaker direkt betroffen waren – und sind.
Amir Peleg lebt im Westen der Negev-Wüste, dort, wo die Terrorkommandos der Hamas zuschlugen, mehr als 1.200 Menschen ermordeten und über 200 entführten. Peleg entkam dem Massaker nur knapp, berichtet er, er habe viele Freunde verloren. Er hat mit Shoah-Überlebenden gesprochen, die direkt von dem Attentat betroffen waren, sei es, weil sie Angehörige verloren oder weil ihre Siedlung überfallen worden war. Etwa 200.000 Überlebende des Nazi-Völkermords leben noch auf der Welt, rund die Hälfte davon in Israel.
Diese Menschen, berichtet Peleg, verglichen ganz selbstverständlich ihre Angst von damals mit der von heute. Sie fühlten sich erneut einer Situation ausgeliefert, über die sie keinerlei Kontrolle besaßen, mussten sich erneut vor schwer bewaffneten Menschen verstecken. Sie haben Tote in den Straßen gesehen, damals im von den Deutschen gebildeten polnischen Ghetto, jetzt in einem Kibbuz. Die Shoah-Überlebende Bella sagt: Was dort geschah, warf mich zurück in den Zweiten Weltkrieg – wie sie Häuser anzündeten, Ortschaften, Synagogen. Seit dem 7. Oktober bin ich ein anderer Mensch geworden.
Direkte Vergleiche lehnten die Überlebenden mehrheitlich ab. „Wer vergleicht, hat nichts verstanden“, sagt einer von ihnen. „Aber der Hass ist derselbe“, sagt ein Mann. „Wir müssen einen Weg des Zusammenlebens finden“, appellieren sie trotz allem, oder: „Die Gesellschaft darf nicht von Extremisten geführt werden.“
Vor allem aber ist ihr Vertrauen in die Sicherheit des Staates Israel erschüttert. „In Israel war Antisemitismus für die Überlebenden nicht existent“, sagt Amir Peleg. Sicherheit wurde von den Soldatinnen und Soldaten der israelischen Armee repräsentiert. Ihre fast vollständige Abwesenheit am 7. Oktober habe das Gefühl der Sicherheit zerstört, sagt Pelet. Das Versprechen, dass so etwas nie wieder passieren würde, wurde gebrochen. Neue Ängste sind bei den Überlebenden entstanden, gepaart mit den alten Traumata aus ihrer Kindheit, die wieder emporgestiegen sind.
Sicherheit: Genau dort setzt die emeritierte Historikerin Hanna Yablonka ihre Kritik an der Politik der israelischen Regierung an. Der 7. Oktober sei noch nicht zu Ende, sagt sie. „Wir wissen nicht, wann was geschieht. Wir wissen nicht, wie wir dann darauf blicken. Aber wir haben bald Wahlen.“ Der Krieg geht weiter. In weniger als zwei Monaten, am 27. Oktober, wird eine neue Knesset gewählt. Premier Benjamin Netanjahu will eine neue Amtszeit erringen.
Manche Vergleiche seien durchaus erlaubt, meint Yablonka. Auch die Hamas hege genozidale Vorstellungen, so wie die Nationalsozialisten. Die Terroristen hätten Friedensfreunde ermordet, beklagt sie, so wie den Historiker Alex Danziger aus dem Kibbuz Nir Oz. Der große Unterschied sei, ob die Hamas in der Lage sei, ihre Vorstellungen auch umzusetzen.
Hanna Yablonka, Historikerin
Hanna Yablonka bleibt nicht bei der Erinnerung an den 7. Oktober stehen, sie versucht, das große Ganze zu erklären. Zwei große Ereignisse hätten die jüdische Welt im 20. Jahrhundert bestimmt, sagt sie, die Shoah und die Staatlichkeit Israels. Damals hätten die Überlebenden sich entschieden: Nicht alle waren Mörder, es gab Menschen, die gerettet haben. Deshalb sei Rache nicht zum bestimmenden Wert geworden. Auf diese Einsicht, so Yablonka, gründete sich der Versuch, mit der Gründung des Staates Israel einen Neubeginn zu wagen. Anfangs habe die Shoah in Israel keine große Rolle gespielt. Das sei erst später geschehen, beginnend mit dem Eichmann-Prozess 1961.
Yablonka, die Grande Dame der israelischen Historikerinnen, appelliert: „Konsequenzen aus der Shoah, das ist eine Verpflichtung. Heute müssen sich die Israelis fragen: Ziehen wir die richtigen Konsequenzen? Keiner kann dir sagen, welche Konsequenzen richtig sind. Du musst es selbst herausfinden.“ Doch Yablonka gibt eine Antwort: „Die Shoah siegt über den Zionismus“, kritisiert sie. Die Shoah sei nicht nur Begründung für Israels Existenz geworden, sondern auch Begründung für Militarisierung und Rache.
Einheit, Wiederbelebung, Hoffnung und Sieg seien die Worte, die nach dem 7. Oktober hoch im Kurs stünden, aber nicht Niederlage, Verantwortung, Empathie und Frieden, beklagt die Historikerin. Israel befände sich vor einer neuen Ära: „Die Frage ist nicht, was sie uns angetan haben. Die Frage ist, was wir ihnen antun und was wir damit uns allen antun.“
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen