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Die Angst der GenZ vor Begegnungen Eingesperrt im WG-Knast

GenZ im Limbo: Zwischen der Angst auf eine Party zu gehen oder etwas zu verpassen. Über eine Generation, die sich scheinbar nicht entscheiden kann. Unsere Autorin macht Beobachtungen in der WG-Küche.

taz FUTURZWEI | „Denkst du, da sind viele Leute, die wir nicht kennen?“, fragt meine Freundin. Wir sitzen bei ihr in der Küche, es ist Freitagabend und ich bin froh, dass uns niemand zuhört. Nein, ihre Frage bezieht sich nicht auf ein unangenehmes Business-Dinner oder eine Beerdigung. Es geht einfach nur um eine blöde WG-Party.

Seit über einer Stunde versuche ich, sie dazu zu bewegen, mitzukommen. Während sie hin- und herschwankt, weil das eventuell ihre geplanten Sportaktivitäten für morgen durcheinanderwerfen könnte, wenn sie zu lange wach bleibt. Und jetzt auch noch diese Frage.

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„Ist doch egal“, will ich sie anschreien. Zucke aber stattdessen mit den Schultern, schließlich möchte ich auf gar keinen Fall allein auf die Party gehen, eben weil ich da viele fremde Menschen vermute. Dieses Gespräch ist ein einziges GenZ-Klischee, denke ich.

Was ist schließlich mehr Generation Z, als eine Party zu zerreden, bevor man überhaupt da war? Und sowieso ist es nichts Neues, dass die GenZ nicht mehr „richtig“ feiern geht. Sie weiß ja überhaupt gar nicht mehr, wie das geht. Und natürlich fällt deswegen immer mehr Nachtleben weg. Alle sagen das: die Clubbesitzer, die Soziologen, die Journalisten und die Barbetreiber. Und natürlich auch alle älteren Partygänger, die wissen, dass früher alles besser war. Dass früher auch vieles bezahlbarer war, vergessen sie dabei gern.

Ruth Fuentes

Ruth Fuentes, 31, wurde 1995 in Kaiserslautern geboren und war bis Januar 2023 taz Panter Volontärin. Sie schreibt regelmäßig in der taz FUTURZWEI und gemeinsam mit Aron Boks die Kolumne „Stimme meiner Generation“.

Keine sozialen Kapazitäten

Heute Abend fällt mir auf, dass da noch etwas anderes ist. Etwas neben dem Bedürfnis, sich möglichst viele Ausgehoptionen offenzuhalten und der Verlockung zu Hause zu bleiben, und das bei meiner Freundin zu einer lähmenden Unfähigkeit führt, sich zu entscheiden. Sie hat Angst. Also vielleicht jetzt nicht gleich panische Angst. Aber doch eine Art Muffensausen. Oder wie sie es jetzt nennt, „keine sozialen Kapazitäten“ mehr für den Abend.

Woher kommen diese ganzen „insecurities“? Was soll denn schon passieren, wenn wir bei der Party auf fremde Leute treffen? Außer, dass wir im schlimmsten Fall neue Menschen kennenlernen? Und vielleicht sogar Spaß haben und spontan länger bleiben als geplant? Oder uns langweilen und wieder gehen? Angst vor Partys, gibt es so was?

„Fear of going out“ und Speiseangst

Die sogenannte Fomo („Fear of missing out“), die Angst etwas zu verpassen, sei der „Fear of going out“ (kurz: Fogo) gewichen, der Angst auszugehen, hatte ich letztens tatsächlich irgendwo gelesen. Und mir waren dazu sofort jede Menge Menschen in meinem Umfeld eingefallen. Die haben nicht nur Angst, vor die Tür zu gehen, nein, die haben schon Bammel, wenn man irgendwo anrufen muss und nicht einfach eine Nachricht schreiben kann. Oder, wenn sie im Restaurant beim (fremden) Kellner bestellen müssen und das nicht stattdessen über einen anonymen QR-Code machen können.

Die sogenannte „Speisekartenangst“ sei übrigens unter jungen Menschen keine Seltenheit, hatte vor drei Jahren eine britische Studie herausgefunden.

Aber ist das wirklich ein Phänomen meiner Generation? Was ist mit den Leuten, die vor vierzig Jahren lieber am Rand standen, während die anderen tanzten? Die sich vor zwanzig Jahren auf Partys ins Koma soffen? Oder, die – als ich selbst noch in der Mittelstufe war – montags in der Schule gehänselt wurden, weil der Edding sich nicht richtig entfernen lies und das Wort „Penis“ auf der Stirn noch zu sehen war? Vielleicht hatten diese Leute auch Fogo? Vielleicht haben sie sich nur nicht getraut, darüber zu sprechen, weil die Alternative gewesen wäre, allein daheim zu bleiben und den sozialen Anschluss zu verlieren? Weil man damals nicht einfach alternativ online Kontakte haben konnte?

Ist es vielleicht auch gut, dass wir wenigstens nicht mehr Angst davor haben, unsere Ängste zu äußern und uns nicht zusammenreißen, um spontan zu sein, wenn wir nicht möchten? Weiß nicht.

Die „Fogo“ meiner Freundin heute Abend jedenfalls nervt mich ungemein. So sehr, dass ich schließlich vom Küchentisch aufstehe und bluffe: „Gut, dann gehe ich halt allein.“ Sie schaut mich an und steht dann auch auf: „Warte, ich komme doch mit!“ Ihre Angst, etwas zu verpassen, scheint noch stärker zu sein, als die Angst, etwas zu erleben.

Gerade noch mal gutgegangen! Ich hatte wirklich Angst, allein auf die P­arty zu gehen.

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