Detlef Diederichsen Böse Musik: Auf Youtube mit Justin Bieber
Scherz? Betrug? Oder „der bislang wichtigste Popkultur-Moment 2026“ („Die Welt“)? Es gibt offensichtlich Redebedarf: Was war das nun, was sich Justin Bieber da geleistet hat? Etwas Gutes oder etwas Böses?
Leider gibt es – legal – keine längeren Videos. Deshalb eine kurze Nacherzählung: Bieber ist seit 2022 aufgrund gesundheitlicher Probleme nicht mehr öffentlich aufgetreten. Für seine zwei Comeback-Auftritte beim Megafestival im kalifornischen Coachella Valley soll er eine Gage von 10 Millionen US-Dollar erhalten haben, wofür selbst Cristiano Ronaldo fast drei Wochen arbeiten müsste. Doch Bieber verweigerte sich der in diesem Zusammenhang als selbstverständlich geltenden großen, teuren Produktion. Stattdessen war er am Samstag meistens allein auf der Bühne, gelegentlich unterstützt von Gästen, und performte vor allem eher ruhige Songs. Kontrovers wurde der Auftritt, als sich Bieber an einen Tisch setzte und ein Laptop aufklappte. Er ging auf Youtube und spielte alte Videos von sich ab, zu denen er gelegentlich mit sich selbst im Duett sang. Viele enttäuschte und irritierte Besucher verließen daraufhin die Fläche vor der Bühne.
„Bieber hatte die Chance, auf einer Bühne, die ihm offensichtlich viel bedeutet, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen – und er hat sie verpasst“, kommentierte der Rolling Stone, während die eher hippe Fraktion der Popkritik indes die „Radikalität“ des Auftritts feierte. „Pitchfork“ schrieb „Man kann das als müde oder faul bezeichnen, aber sich auf einer Couch mit Justin Bieber Youtube-Videos anzusehen ist so etwas wie eine wahr gewordene Millennial-Phantasie.“
Am Ende ist für eine Mehrheit der Kommentator*innen nicht der Auftritt an sich oder Biebers Haltung das eigentlich Interessante, sondern die Tatsache, wie aufgeregt darüber diskutiert wird. So meint Ryan Broderick in „Garbage Day“: „Ich kann mir nichts vorstellen, was besser in die heutige Zeit passt, als einem Mann nach einem manischen Zusammenbruch zuzusehen, wie er an einem Laptop sitzt und sich via Youtube seine eigenen Erinnerungen vorspielen lässt, während sich Tausende miteinander streiten, warum sich jemand so etwas ansehen wollte.“
Detlef Diederichsen lebt als Autor und Musiker in Hamburg.
Ein bisschen kommt es einem aber auch vor wie ein nostalgischer Trip in jene Prä-Internet-Ära als skandalträchtige Pop-Statements wie Madonnas „Boy Toy“-Gürtel oder Prince' „Slave“-Tattoo für langsame, aber nicht weniger hysterische Debatten sorgten. Wenn man sich dann aber ins Gedächtnis ruft, dass das Coachella-Festival von der Anschutz Entertainment Group des rechts-religiösen MAGA-Unterstützers Philip Anschutz veranstaltet wird, wird klar, dass solche Statements schon lange eingepreist sind in die große kapitalistische Weltgleichung. Und die Turbulenzen, die sie in einigen spezialisierten Kohorten auslösen mögen, außerhalb dieser keine messbaren Ausschläge bewirken.
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