Der heikle Flirt der Kirche: Huber und die Evangelikalen

Landeskirchen und Evangelikale nähern sich an. Viele stört das. Bischof Huber aber gefällt es, er versucht, die Evangelikalen zu umarmen. Doch wer umarmt hier eigentlich wen?

Zunehmend umstritten: Wolfgang Huber, der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche. Bild: dpa

BERLIN taz | "Die persönliche Frömmigkeit ist mir wichtiger geworden." Das hat der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber gerade der evangelikalen Nachrichtenagentur idea gesagt. Hier verteidigte er auch die evangelikale Bewegung gegen Fundamentalismusvorwürfe.

Das nährt die Sorge, Huber umwerbe zu sehr die Evangelikalen; jene rund 1,4 Millionen Bibeltreuen also, die Homosexualität meist verdammen, die Emanzipation ablehnen und Darwin genauso skeptisch betrachten wie den Pluralismus.

Die liberale württembergische Pfarrerin Kathinka Kaden beobachtet den zunehmenden Einfluss der Evangelikalen in der evangelischen Kirche mit Sorge. Inzwischen habe deren Machtanspruch "ein unerträgliches Ausmaß angenommen", sagt die Vorsitzende der "Offenen Kirche" in Württemberg.

Kaden macht dafür auch den Kurs Hubers gegenüber den Hardlinern verantwortlich. "Wolfgang Huber wollte die Evangelikalen umarmen, jetzt scheinen sie ihn umarmt zu haben." Die geschätzt 700.000 Evangelikalen in den Landeskirchen gehören zu den treuesten Kirchgängern einer schrumpfenden Kirche.

Im vergangenen Jahr stellte sich Huber bei einem Besuch der evangelikalen Jugendveranstaltung "Christival" in Bremen demonstrativ hinter die Organisatoren. Und das, obwohl es zuvor wochenlang heftige Diskussionen über ein dort geplantes Seminar zur Umpolung von Homosexuellen gegeben hatte.

Vor wenigen Wochen verteidigte Huber auch das "Pro Christ"-Happening in Chemnitz. Dabei dürfte er wissen, wie zweifelhaft dessen Leiter Ulrich Parzany ist, der regelmäßig in der Gedächtniskirche evangelisieren darf.

Im Februar 2007 kam es dort zum Eklat. "Wir werden entweder den Geboten Gottes folgen oder unser Leben und die Gemeinschaft ruinieren", predigte Parzany. Zuvor hatte er von einer Welt gesprochen, in der "Ehebruch zum Partyspaß" und "homosexuelle Praxis zum Lebensstil" gehöre. Mehrere Gottesdienstbesucher verließen protestierend die Kirche.

Wie unchristlich die Evangelikalen reagieren, wenn sie kritisiert werden, konnte die liberale Pfarrerin Kaden erfahren. Nachdem sie in einem taz-Interview im März den Evangelikalen Fundamentalismus vorgeworfen hatte, wurde sie mit gehässigen E-Mails überschüttet.

In einer hieß es, sie müsse einmal vor dem Herrgott Rechenschaft ablegen, dass sie konservative Christen bekämpft habe - statt die angeblich "neuen Herrscher in Deutschland": die Muslime.

Gegenüber dem Fernsehsender 3sat nannte Bischof Huber die gegenseitige Annäherung der Kirche und der Evangelikalen vor einem Monat "eine der verheißungsvollsten Entwicklungen, die es in unserer Kirche in den letzten zehn bis zwanzig Jahren gegeben hat".

Einige liberale Kirchenmitglieder können es daher kaum abwarten, dass Huber im Herbst als EKD-Ratsvorsitzender ausscheidet. Kaden drückt das diplomatischer aus: "Etliche sind froh, wenn es im Oktober einen Richtungswechsel gibt."

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