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Künftig müssen Ewigkeitschemikalien aus dem Trinkwasser gefiltert werden. Die Stadtwerke Barsinghausen beweisen: Das ist möglich. Aber das hat seinen Preis
Von Benno Schirrmeister
Noch einmal etwas teurer wird es werden, das Trinkwasser in Barsinghausen in der Region Hannover, das ist schon jetzt klar. In diesem Fall wird es wohl nur um rund 12 Cent pro Kubikmeter gehen, also um knapp 11 Euro mehr im Jahr für einen durchschnittlichen Zweipersonenhaushalt: Damit wird eine außerplanmäßige Investition ausgeglichen.
Und dafür haben die Leute auch etwas bekommen: sauberes Wasser nämlich, PFAS-frei, und das schon seit Sommer, also bevor die Grenzwerte in der zweiten Januarwoche in Kraft getreten sind. Und eben lange bevor das neue Wasserwerk in Eckerde das alte ersetzt haben wird.
Das liegt daran, dass vor rund einem Jahr im Brunnen in Eckerde poly- und perfluorierte Alkylsubstanzen, kurz PFAS, entdeckt worden waren. Das Gesundheitsamt der Region Hannover hatte alle 14 Wasserversorger aufgefordert, entsprechende Kontrollen schon jetzt durchzuführen. Bislang waren die nämlich nicht vorgeschrieben. Und die Region hat Glück: Barsinghausen war der einzige PFAS-Treffer.
Diese Stoffe werden, weil sie so haltbar sind, landläufig auch als Ewigkeitschemikalien bezeichnet. Mehr als 10.000 soll es laut Bundesumweltministerium mittlerweile von ihnen geben. Es sind synthetische Stoffe und alle irgendwie giftig, die einen mehr, die anderen weniger.
Für natürliche Vorkommen gibt’s keine Nachweise. In Industrieländern sind sie dagegen fast überall anzutreffen, weil sie so günstige Eigenschaften haben. Von denen profitieren Pizzakarton- ebenso wie Windradhersteller. PFAS dienen zur Imprägnierung, als Kühlmittel, als Löschschaum, als Pestizid oder als Triebmittel fürs Asthmaspray. Und Zahnseide machen sie schön geschmeidig.
In Eckerde werden laut Region Hannover „die Schadensquelle und die Ausbreitung der PFAS über das Grundwasser und über Oberflächengewässer zurzeit noch untersucht“. Eine Spur gibt’s schon: „Es ist seit 2024 bekannt, dass sich auf einem Betriebsgelände in räumlicher Nähe zum Wasserwerk Eckerde eine PFAS-Verunreinigung im Boden und im Grundwasser befindet“, so ein Sprecher der Region.
Als möglicher Verursacher gilt ein metallverarbeitender Betrieb, der laut Regionalverwaltung die Kosten für die Untersuchungen „auf freiwilliger Basis ohne behördliche Anordnung“ trägt. Insgesamt pumpen die Stadtwerke Barsinghausen jährlich rund 1,7 Millionen Kubikmeter in die Leitungen.
Der Grundwasserbrunnen in Eckerde ist mit einer Jahresleistung von 1,5 Millionen Kubikmetern folglich klar ihre Hauptquelle. Es musste also schnell etwas passieren. Trinkwasser brauchen ja alle. Immer.
Also hat man zunächst das zweite Reservoir, vom Deister, stärker ausgeschöpft. Das war zum Glück unbelastet. „Das hat uns gut geholfen“, so der Stadtwerke-Geschäftsführer Shteryo Shterev zur taz: Durch Verdünnung lässt sich die Schadstoffkonzentration auf Werte unter der Nachweisgrenze drücken.
Bei Gemüse, Getreide oder Wildschweinleber, die in den Verkehr zu bringen aufgrund hoher PFAS-Belastung verboten ist, klappt das nicht so gut. Aber bei Wasser ist das in den stärker betroffenen Regionen in Baden-Württemberg schon seit bald zehn Jahren geübte Praxis. In Barsinghausen ist man dabei aber nicht stehen geblieben.
Man hat eine spezielle Steuerungseinheit für rund 200.000 Euro erworben und eine Aktivkohlefilteranlage gemietet. „Das war für uns das Günstigste“, erklärt Shterev.
Schließlich gehört die entsprechende Technik beim gerade entstehenden neuen Wasserwerk ohnehin zur Grundausstattung. Von den 30 Millionen Euro Neubaukosten entfallen allein 4 Millionen auf die integrierte PFAS-Filtertechnik.
Die Mietanlage aus vier Tanks à 26.000 Liter soll im Laufe von drei Jahren inklusive Transport, Wartung und halbjährlichem Filterwechsel 425.000 Euro kosten. Sie ist in der Lage, einige PFAS aus dem Wasser zu entfernen: „Unser Wasser erfüllt alle Anforderungen“, betont Shterev. Auch diejenigen für PFAS-Belastung, die erst ab der zweiten Januarwoche gelten.
Die Stadtrat-Grünen hatten zwar gefordert, dass der Verursacher die Mehrkosten übernimmt. Aber dafür müsste der ja erst einmal zweifelsfrei feststehen. Also bleibt’s bei der Umlage und einem weiteren Preisschritt: Aktuell liegt der Preis für einen Kubikmeter Trinkwasser in Barsinghausen bei 2,86 Euro brutto. Noch 2020 hatte er gerade mal 1,93 Euro gekostet. Das bedeutet eine Steigerung um 48 Prozent in fünf Jahren.
Mit den sogenannten Ewigkeitschemikalien hatte man es in Deutschland bislang aber auch so genau gar nicht wissen wollen. Die 2023 verabschiedete neue Trinkwasserverordnung hat das geändert. Sie schreibt erstmals überhaupt vor, das Wasser auf einige PFAS zu untersuchen. Für die gelten dann auch verbindliche Grenzwerte. Ab 12. Januar 2026 betrifft das 20, ab 2028 dann noch 4 weitere PFAS.
Dass es nur 24 von 10.000 sind, hat vor allem pragmatische Gründe. Zum einen können kurzkettige PFAS, deren Moleküle aus wenigen Atomen zusammengesetzt sind, bestenfalls in Haushaltsmengen aus dem Wasser entfernt werden. Zu ihnen zählen die Perfluorbutan-, die Perfluorpropan- und die Trifluoressigsäure TFA, die Mutter aller PFAS.
Erstmals überhaupt vor 104 Jahren von Frédéric Swarts synthetisiert, ist sie heute derjenige menschengemachte Stoff, der im Grundwasser am häufigsten gefunden wird – in Deutschland flächendeckend. Gäbe es für sie einen Grenzwert, bestünde also die Gefahr, dass niemand mehr grenzwertkonformes Trinkwasser bereitstellen kann. Das kann niemand wollen.
Für die allermeisten PFAS aber fehlt die Nachweismethode. Einmal freigesetzt, können sie laut Wissenschaftlichem Dienst des Bundestags nicht mehr gemessen werden. „Ihre Gehalte in der Umwelt, im Menschen, in Wildtieren etc. sind unbekannt.“ Entsprechend sind auch ihre gesundheitlichen Folgen bestenfalls zu erahnen. Sonst aber bleibt nur, sie rückwirkend anhand von auf ein kontaminiertes Gebiet bezogenen Gesundheitsdaten zu rekonstruieren.
Das hat fast schon Tradition. So war 2013 festgestellt worden, dass Venetien Europas am stärksten mit PFAS belastete Region ist. Im vergangenen Jahr wurde die Übersterblichkeit dort beziffert. Anhand einer Auswertung von Krankenakten und Sterbestatistiken weiß man nun, dass es im Kerngebiet der Verseuchung zwischen 1985 und 2018 zu 3.890 zusätzlichen Todesfällen infolge kardiovaskulärer Erkankungen, Nieren- oder Hodenkrebs gekommen ist, also 33 Jahre lang alle drei Tage einer.
Das ist weit weg von Barsinghausen. „Je genauer und häufiger wir in Deutschland messen, desto häufiger werden wir an unterschiedlichen Stellen im Land solche Belastungen vorfinden“, prognostiziert Stadtwerke-Chef Shterev dort. Die Nachfrage nach Filteranlagen dürfte weiter steigen – und die Wasserpreise mit ihr.
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