: „Der IWF bestimmt“
Brasilien ist ohne eigene Bildungspoltik, meint der Linguist Bagno. Die Kreditgeber geben den Ton an
taz: Herr Bagno, mehr als die Hälfte aller 15-jährigen BrasilianerInnen kann laut der Pisa-Studie nicht richtig lesen. Worauf führen Sie dieses Ergebnis zurück?
Marcos Bagno: Das hängt mit den Methoden des Portugiesischunterrichts zusammen. Im Vordergrund steht die Nomenklatur der Grammatik. Dagegen kümmert sich kaum jemand darum, den Schülern beizubringen, wie man liest und interessant schreibt. Außerdem lässt die Lehrerausbildung sehr zu wünschen übrig.
Aber schon seit 1970 ist die so genannte Demokratisierung des staatlichen Schulwesens in Gang. Was ist schief gelaufen?
Es gab eine regelrechte Explosion der Schülerzahlen, doch das Schulwesen war schlicht überfordert. Bei 50 bis 60 Schülern pro Klasse ist kein vernünftiger Unterricht möglich. Die Lehrer werden schlecht ausgebildet und miserabel bezahlt. Besonders dramatisch ist die Lage im Norden und im Nordosten des Landes.
Wie beurteilen Sie die Bildungspolitik der Regierung Cardoso?
Leider unterwirft sich diese Regierung den Anweisungen von außen. Sie richtet ihre Politik nach den Interessen des Internationalen Währungsfonds, anderen Kreditgebern und der Multis aus. Beispielsweise wird jetzt in vielen Bundesstaaten nicht mehr jährlich versetzt, sondern in „Zyklen“, das heißt am Ende des vierten und achten Schuljahres. Dies hängt offenbar damit zusammen, dass neue Kredite auch von den Zahlen der Sitzenbleiber in den staatlichen Schulen abhängig gemacht werden. In Brasilien dient das Zyklus-System also vor allem dazu, die Statistik zu schönen. In anderen Ländern Lateinamerikas, die vom Internationalen Währungsfonds abhängen, sind ganz ähnliche Phänomene zu beobachten.
Wo müsste eine gute Bildungspolitik in Brasilien andere Akzente setzen?
Die Arbeitsbedingungen der Lehrer müssen spürbar verbessert und die Schulen müssen besser ausgestattet werden, etwa mit Computern und Bibliotheken.
Warum gibt es in Brasilien keine breite Debatte über Bildungsfragen?
Für all diese Probleme des öffentlichen Schulwesens interessiert sich unsere Oligarchie nicht. Für die Mittel- und Oberschicht ist es wichtig, dass ihre Privatschulen gut sind, und die Armen müssen mit dem zufrieden sein, was ihnen die Regierung gibt.INTERVIEW: GERHARD DILGER
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