Der Hausbesuch: Ein Komet in Münster

Für Hakan Kometa Özkan ist Sprache ein Mittel, um eine andere Version seiner selbst zu erleben. Er forscht und betreibt einen Youtube-Kanal.

Der Arabistikforscher Hakan Kometa Özkan in seinem Büro

Der Arabistikforscher Hakan Kometa Özkan in seinem Büro Foto: Jakob Schnetz

Welche Sprache benutzen polyglotte Menschen, wenn sie träumen? Sind sie Nomaden? Oder Kometen? Hakan Kometa Özkan in Münster hat darauf Antworten.

Draußen: Es ist Samstag, die Sonne scheint, die Tulpen blühen gelb und weiß, und die Glocken der Überwasserkirche läuten. Am Domplatz in Münster spazieren maskierte Menschen über die Kopfsteinpflasterstraßen und den Markt. Die Fahrradkörbe der Marktbesucher sind voll mit frischem Gemüse. In Bahnhofsnähe fragen Punks mit Hunden nach Kleingeld, am Kanal spazieren Paare in Funktionskleidung Hand in Hand. Auf einem Hollandrad kommt Hakan Kometa Özkan mit wehendem langem Haar und klingelnd am Uni-Gebäude an und schließt sein Fahrrad ab.

Drinnen: Das Gebäude, in dem Özkan ein Büro als wissenschaftlicher Mitarbeiter hat, sieht aus wie ein Studentenwohnheim: lange weiße Flure, an deren Ende Frauen- und ­Männertoiletten und eine kleine Küche, karg, aber immerhin mit einem Dampfgarer ausgestattet, „meine Rettung“ – er koche oft damit. In Özkans Büro ein rotes Sofa, auf dem er sich manchmal ausruhe, wenn ihn die Müdigkeit überfällt. Eine Wand aus Büchern, mal farbig sortiert, mal nach Themen, mal nach Sprache, darunter viele Wörterbücher. Hanteln, um Bewegung in den Tag zu bringen, ein Ministudio, um Youtube-­Videos zu drehen. Das Gegenlicht kommt durch die amerikanischen Jalousien ins Zimmer, Siesta-Stimmung.

2007: Er ist der Arbeit wegen in die Stadt gekommen: Vormoderne arabische Dichtung. Als er das erste Mal in Münster wohnt, heißt er nur Hakan Özkan, spricht nur sieben Sprachen, trägt die Haare kürzer. Heute sind erste graue Haare bei dem großen und athletischen Mann zu sehen, der mit charmanten Manieren, lächelnd und mit Wörterbüchern unter dem Arm die Straßen der studentisch geprägten Stadt auf dem Weg zu einem Café entlangschlendert.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

2014: Sieben Jahre später ist Özkan Senior Research Fellow an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und hat ein 12-jähriges Forschungsprojekt über einen berühmten Dichter aus der Mamelukenzeit. Die Besitzer des Cafés begrüßen ihn noch mit Vornamen. Hier sei es ein bisschen wie zu Hause, sagt er, auch wenn er sich als Deutscher weder in Münster noch in Deutschland heimisch fühle, „im Gegenteil, hier bin ich fremd“.

2021: Er sei nicht mehr die Figur, die elegant mit den dicken Wälzern herumspaziert, denn alles passt mittlerweile auf den Laptop. Trotzdem arbeitet Özkan immer noch lieber auf den Terrassen des Cafés als in seinem Uni-Büro in der Altstadt oder in seiner WG außerhalb des Rings, wohin er zum Schlafen zurückfährt.

Sprachen: Deutsch, Türkisch, Griechisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Niederländisch, Farsi, Arabisch und drei arabische Dialekte, Marokkanisch, Ägyptisch und Syrisch, spricht er heute fließend. Das sei nicht viel, sagt Özkan, es gebe Polyglotte, die bis zu 40 Sprachen sprechen. „Für sie ist es wie ein Sport“, sagt Özkan. Sie konkurrieren miteinander, fragen: „Und? Was lernst du dieses Jahr?“; sie geben TED-Talks, sie feiern sich als Wunderkinder.

Edelsteine: Hakan Kometa Özkan hält Sprache für ein Mittel, um andere „Welten und Kulturen“ sowie eine andere Version von sich selbst zu erleben. „Man ist jemand anderes, wenn man eine andere Sprache spricht.“ Schaut man sich die Videos auf seinem Youtube-Kanal an, muss man ihm zustimmen. Wie ein Schauspieler schlüpft er je nach Sprache in eine andere Rolle. In den Videos spricht er über diese Rollenwechsel, über seine Liebe zu Sprachen und über die Fehler, die er macht. Er ermutigt alle, eine Sprache zu lernen (es stimme nicht, dass Kinder schneller Sprachen lernten als Erwachsene), er gibt Tipps für die besten Onlinewörterbücher, wie man Arabisch beim Netflix-Gucken lernen kann oder erklärt, warum „Eintauchen“ in eine neue Sprache wesentlich ist. Özkan möchte sein Wissen teilen. Er möchte nicht Sprachen sammeln, als wären sie Edelsteine.

Liebeslieder: Zur Welt kommt Hakan Özkan vor 49 Jahren als Sohn türkischer Gastarbeiter im Oberbergischen, in der Nähe von Köln. Deutsch und Türkisch lernt er zuerst. Zu Englisch findet er als Teenager dank der Lieder, die er mit der Gitarre nachspielt. Auch später ist Musik oft der Auslöser für seine sprachliche Neugier: Er will die Strophen verstehen, deshalb lernt er beispielsweise Griechisch – und als er nach Griechenland zieht, kann er nur mit Sprüchen aus Liebesliedern kommunizieren, das heißt, er flirtet ständig.

Eintauchen: Während und nach seinem Studium der arabischen Literatur und der Erzählforschung an der Universität Köln und der Université de Provence wendet Özkan selbst das Immersionsprinzip – das Eintauchen – an: Er wohnt in Rognes bei Aix-en-Provence, arbeitet als Lehrkraft in Damaskus, als Übersetzer in Granada, singt in Griechenland, tanzt Tango und schreibt Gedichte in Argentinien. Italienisch lernt er erst seit einigen Monaten mit einem Freund, ein Tandem. Niederländisch findet er auch schön, und weil Münster nahe der Grenze zu den Niederlanden liegt, beschließt er, auch diese Sprache zu lernen: „Es ist unfair, dass die Niederländer diejenigen sind, die Deutsch lernen müssen, um mit uns zu kommunizieren.“

Namen: „Hey, Kometa!“, habe eine griechische Sängerin auf Heybeliada, einer Insel bei Istanbul, ihn einmal begrüßt. Das habe ihn irritiert, doch nach einer Zeit habe er gedacht: „Das passt perfekt zu mir.“ Er sagt: „Ich komme, gehe und folge meiner Bahn, und irgendwann komme ich wieder.“ Wie ein Komet. Er hatte den Namen entdeckt, der wie für ihn gemacht zu sein schien. Hakan Kometa Özkan findet, alle sollten sich ihre eigenen Namen suchen. Ideal wäre es, wenn Eltern verkünden würden: „Das ist der Name, den wir dir provisorisch geben. Du kannst ihn behalten oder dir selbst einen neuen schenken.“ So habe er es bei seinem Sohn gemacht. Ali Hasan heißt der noch heute, 16 Jahre nach seiner Geburt in Frankreich. „Warum nennst du ihn so? Er wird immer Probleme haben“, habe er sich immer wieder anhören müssen. „Er kann seinen Namen ändern, und wir haben damit kein Problem. Vielleicht hast du ein Problem?“, antwortete Özkan.

Zugehörigkeit: Auf Özkans Face­book-Seite steht, er würde aus Granada stammen. Weil er dort ein Heimatgefühl gehabt habe „wie nie zuvor“. Er habe große Sehnsucht nach den klaren Nächten, dem Musizieren und vor allem den Gra­na­di­ner*innen. In der andalusischen Stadt sei den Leuten egal gewesen, woher er komme. In Deutschland wird er wegen seines Aussehens mit blonden Haaren und hellen Augen als deutsch gelesen. „Sobald ich meinen Namen am Telefon oder per Mail erwähne, bin ich Ausländer“, erzählt Özkan. Um dazu­zugehören, habe er immer versucht, alles richtig zu machen, sogar besser als andere. Diese „Extraleistung migrantischer Kinder“ habe auch er in der Schule, beim Sport, im Berufsleben gebracht. Und trotzdem bereitet ihm sein Name noch heute Probleme: bei der Wohnungssuche oder bei Bewerbungen.

Lieblingssprache: Ihn nach seiner Lieblingssprache zu fragen sei wie Kinder zu fragen, welchen Elternteil sie am meisten lieb haben, sagt Özkan. Auch Lieblingswörter habe er mehrere. „Yakamoz“ zum Beispiel, was auf Türkisch so viel heißt wie „der Widerschein des Mondlichts auf dem Wasser oder das grünliche Leuchten von biolumineszentem Plankton im Meerwasser bei Nacht“. Özkans Träume haben die Sprache, die er in dem Moment am häufigsten benutzt. „Meine Gedanken haben noch keine Sprache, während sie Gedanken sind“. Die würden aus einer abstrakten Materie und Emotionen bestehen, die erst später in Worten übersetzt werden. „Ist das nicht bei allen so?“

Zeit zu bleiben: Dass er wegen der Pandemie und der festen Arbeitsstelle nicht wie sonst aufbrechen kann, gebe ihm das Gefühl, eingesperrt zu sein. Es deprimiert ihn. Er überlegt, nach Köln zu seiner Partnerin oder in die Nähe seines Sohnes zu ziehen und eine afrikanische Sprache zu lernen. Und doch erkenne er am Bleiben die Möglichkeit für etwas Neues: „Immer wegzugehen hat etwas von Fliehen.“ In einer Stadt und bei einer Sprache zu bleiben könne auch ein Abenteuer in einer anderen Dimension sein.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de