Der Hausbesuch: Vom Klötzchenkurs zum Eigenheim

Die Zwillinge Sarah und Wanda Seegers sind Tischlerinnen. Für ihren Job braucht man Liebe zum Holz und Freude am Pfuschen. Zu Besuch im Wagendorf.

Zwei junge Frauen stehen im Bauwagen und gucken in die Kamdera

Denken gleich, machen also auch die gleichen Fehler: Wanda (links) und Sarah Seegers Foto: Andreas Fechner

Es ist die Liebe zum Holz. Die ist ganz wichtig. Bei einem schön gewachsenen Baum geht Sarah und Wanda Seegers das Herz auf.

Draußen: Die Bundesstraße immer geradeaus durch flaches Land, links und rechts abwechselnd ein Windrad oder ein alter Hof. Irgendwann abbiegen, vorbei an grauen Lagerhallen und geparkten Lkws, Halt machen vor einer hohen Hecke. Die Bauwagensiedlung, in der sich Sarah Seegers mit der Hilfe ihrer Schwester Wanda ein Zuhause gebaut hat, liegt ganz im Westen des Niederrheins in typisch monotoner Ortseingangsumgebung. Beim Betreten der Siedlung vergisst man schlagartig, in welche Nachbarschaft sie eingebettet ist.

Das Wagendorf: Die meterbreiten Hecken scheinen alles zu schlucken, jedes Geräusch, jedes Grau. Sarah Seegers Bauwagen ist der brombeerfarbene ganz vorne. In den anderen Wägen wohnen zwei Studierende, ein Malermeister und ein Lehrer. Sie alle teilen sich einen WC-Container, eine Außendusche und eine große Wiese. Im ersten Winter fuhr Sarah Seegers für ein warmes Badezimmer noch zu ihren Eltern. „Es hat ein bisschen Training gebraucht, aber mittlerweile hab ich mich dran gewöhnt. Und will es auch gar nicht mehr anders.“

Drinnen: Dielenboden, knarzende Sessel, in der Ecke ein Ofen, der Wärme durch den Wagen ziehen lässt. Sarah Seegers hat eine Terrasse mit Wintergarten und eine Empore, auf der sie schläft. Im Küchenfenster hängt eine Chiligirlande, die Tapete ist mit Efeu-Zeichnungen bedruckt und die Vorhänge haben die gleiche Farbe wie die Fassade.

Keine Herrenjahre: Sarah und Wanda Seegers sind Zwillinge und 26 Jahre alt. Beide haben eine abgeschlossene Ausbildung zur Tischlerin hinter sich. Beide sind froh, dass sie vorbei ist. Im Handwerk herrscht Personalmangel, Sarah und Wanda Seegers waren in das Alltagsgeschäft ihrer Betriebe voll eingespannt, während sie zusätzlich die Theorie lernten und Prüfungen machen mussten. Eine sehr fordernde Zeit, dabei fing es mit dem „Klötzchenkurs“ doch so harmlos an.

Auf einer Holzwand hängt ein Bild mit einem Auto

Wichtigstes Material im Bauwagen? Logisch, Holz Foto: Andreas Fechner

Der Klötzchenkurs: Da lerne man etwa die klassischen Holzverbindungen und wie man mit Geräten wie der Gestellsäge und dem Streichmaß hantiert. Ist der Klötzchenkurs absolviert, darf man an die Kreissäge, die Tischfräse, die Kantenanleimmaschine, die Furnierpresse. Wanda Seegers hat sich im Maschinenkurs einen Teil der Fingerkuppe abgesäbelt, Sarah hat „eine fette Narbe“ am Daumen. „Passiert“, sagen sie.

Vater: Diese Nüchternheit, dieses Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben sie von ihrem Vater. Hans-Josef Seegers nahm seine Töchter früher überall mit hin. „Wir haben mit ihm Holz gehackt oder auf irgendwelchen Baustellen rumgewühlt. Das war völlig normal, wir hatten da auch gar keine Wahl.“ Wanda und Sarah Seegers haben diesen Typ Vater, der alles kann. Und der große Freude daran hat, seinen Töchtern Dinge beizubringen.

Zuerst, wie man den Hammer richtig hält, zwanzig Jahre später erklärt er ihnen, wie sie für den Bauwagen Stromkabel verlegen und einen Schaltkasten bauen. „Mich hat das als Kind schon so beeindruckt, dass er auf alles immer eine Antwort wusste“, sagt Sarah Seegers. Aber anstelle sich bewundernd zurückzulehnen und ihren Vater mal machen zu lassen, will sie so werden wie er.

Empowerment: Wenn ihre Freundinnen sie heute bitten, bei etwas Handwerklichem zu helfen, macht Sarah Seegers es so wie ihr Vater mit seinen Töchtern damals. „Ich versuche immer, sie miteinzubeziehen und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen.“ Sarah Seegers merke dann oft, dass ihre Freundinnen gute Ideen hätten, teilweise ein besseres räumliches Verständnis als sie selbst.

„Manchen von ihnen ist bloß früher mal gesagt worden, sie könnten das nicht.“ Viele glauben auch, ihnen fehle schlicht die Kraft. Aber: „Das ist Quatsch.“ Erstens werde man kräftiger, je länger man dabei sei, und zweitens: „Ganz ehrlich, wenn da so ein kleiner 16-Jähriger seine Lehre anfängt, dann kann der genauso wenig tragen wie wir am Anfang.“

Prüfstand: Laut Zentralverband des Deutschen Handwerks sind 36 Prozent aller im Handwerk tätigen Personen weiblich. Der überwiegende Teil davon arbeitet als Friseurin, Schneiderin, Goldschmiedin oder Konditorin. Der Frauenanteil unter den Tisch­le­r*in­nen liegt bei etwa 13 Prozent, ist im Vergleich zu den Vorjahren aber immerhin leicht gestiegen.

Wanda und Sarah Seegers haben es beide schon erlebt, in Betrieben nahezu überschwänglich aufgenommen worden zu sein. „Das war bestimmt lieb gemeint, fühlte sich aber fast ein bisschen übertrieben an“, sagt Wanda Seegers. Sarah Seegers wurde gar als das „fehlende Puzzleteil“ in der Belegschaft bezeichnet.

Wehrhaft sein: Dafür, dass die Euphorie am Anfang so groß war, hätten sich beide mehr beweisen müssen als andere Mitarbeiter. „Gewisse Sachen muss man einfach abkönnen“, sagt Wanda Seegers. „Und lernen, zurückzuschießen, wenn dir jemand einen dummen Spruch drückt.“

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Instagram: Viele Handwerkskammern in Deutschland versuchen, Frauen mit Workshops und Themenabenden besser zu vernetzen. Wanda und Sarah Seegers haben sich auf Instagram mit dem Account holzkopf_awandafulwoodstory ihre eigene Community aufgebaut. Sie nehmen ihre Fol­lo­wer*­in­nen mit auf die Arbeit und posten Fotos von sich mit der Motorsäge und beim Parkettverlegen. „Wir wollen zeigen: Unser Beruf ist attraktiv, und man kann auch für sich selbst handwerkliche Sachen machen, wenn man keine professionelle Ausbildung hinter sich hat.“

Dublin: Ihre Fol­lo­wer*­in­nen haben Wanda Seegers auch nach Irland begleitet. Sie hat dort Erasmus Plus gemacht – das Äquivalent für Auszubildende zum Auslandssemester in einem EU-Land. Drei Monate war sie in einem Betrieb in Dublin, allerdings erst nach bestandener Gesell*innenprüfung, weil ihr Arbeitgeber sie vorher nicht gehen lassen konnte. Wanda Seegers hätte eine zu große Lücke im Dienstplan hinterlassen.

Relax: In Dublin habe sie gelernt, gelassener zu werden. „Wenn dort irgendwas schieflief, hieß es bloß achselzuckend: Dann machstet jetz’ halt anders.“ Vorher habe sie sich ein bisschen verrückt gemacht, mit all den englischen Begrifflichkeiten für Werkzeug und Material. „Ich bin dann aber sehr gut mit dem Wort ‚Shizzle‘ klargekommen. Alles war immer ‚Shizzle‘ und jeder wusste, was gemeint war.“

Ein pink angestrichener Bauwagen

Der brombeerfarbene Bauwagen hat eine Terrasse, aber kein Badezimmer Foto: Andreas Fechner

Fische: Noch besser läuft die Kommunikation, wenn Wanda Seegers mit ihrer Schwester zusammenarbeitet. Da braucht es manchmal gar keine Worte. „Wir haben ungefähr die gleiche Denkweise, wenn wir gemeinsam was bauen, und das ist oft sehr effizient.“ Nur bedeutet das auch, dass sie die gleichen Fehler machen.

„Aber wir sind vom Sternzeichen Fische, wir schlängeln uns so durch“, sagt Sarah Seegers. „Wenn wir sehen, hier geht es nicht weiter, dann nehmen wir halt einen anderen Weg.“ Bloß nicht vor Problemen in die Knie gehen, immer weiterlaufen. Im Handwerk brauche man auch eine gewisse Freude am Pfuschen, oder in anderen Worten: Kreativität in der Lösungsfindung.

Holz: Am wichtigsten aber ist die Liebe zum Material, da sind sich Wanda und Sarah Seegers einig. Ihnen geht das Herz auf, wenn sie irgendwo einen sehr gerade wachsenden Baum sehen, aus dem man „meterlange Bohlen rauskriegen“ könnte. Sie freuen sich, wenn vermögendere Kun­d*in­nen Möbelstücke aus Nussbaum beauftragen.

Ansonsten arbeiten sie am liebsten mit Eiche, weil „die einfach so eine tolle Maserung hat und irgendwie Wärme ausstrahlt“, sagt Sarah Seegers. Als Wanda Seegers das letzte Mal im Harz war, konnte sie das Elend nicht fassen, das der Borkenkäfer dort hinterlassen hat. Aus Holzresten macht sie Schmuck für ihr Label Naturjuwel – etwa die Kegel aus Nussbaum, die an den Ohren ihrer Schwester Sarah Seegers baumeln.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de