Debütalbum von Inga: Das geheime entschleunigte Leben

„Tears and Teeth“: Ingas Musik ist große, elegante Songwriterkunst – und steht für eine neue Ära beim Münchner Label Trikont.

Film? Sie macht Musik: Inga aus München Foto: Daniel Seiler

„Ich hab die ja nicht belogen, ich hab’s einfach nicht erzählt!“ Die Gitarre stand schon längst im Keller, als sie ihr Geheimnis dann doch preisgab. Außer ihren Lebenspartnern wusste lange Jahre niemand, dass Inga Riedel manchmal, einfach so als Hobby, zum Runterkommen, eben auch Musik komponiert. Rumbasteln am Laptop, Aufnahmen im Auto. Und plötzlich, ein paar Monate später, hat die Münchnerin, die knapp vor der Coronapause genau ein einziges Konzert spielte, ein Album veröffentlicht, es heißt „Tears and Teeth“ und erscheint beim traditionsreichen Münchner Label Trikont.

„Das hat sich einfach so ergeben, weil ich mich beim dritten Bier verplappert habe und auf die Frage, ob ich Musik mache, einfach Ja gesagt habe“, kann sie es beim abendlichen Telefonat vom Rand des Kneippbecken ihres Hotels im Bayrischen Wald noch immer kaum fassen. Sie ist gerade mit Dreharbeiten beschäftigt, Riedel arbeitet als Beleuchterin – aber nur an 80 Tagen im Jahr, so ist es ihre Regel. „Ich bin keine Musikerin, ich mache Musik, ich bin keine Künstlerin, ich mache Kunst, ich bin keine Arbeitnehmerin, aber ich gehe manchmal für Geld arbeiten“, erklärt sie.

Das Filmumfeld ermöglicht ihr, so zu leben, wie sie möchte. Trotzdem hat sie vor Jahren auf einer Schweizer Alm und einem brandenburgischen Ziegenhof das Käsemachen gelernt. „Viele fragen mich: Wie lebst du denn? Ich weiß es auch nicht, aber es funktioniert. Ich kann nicht sagen, was ich bin. Vielleicht wachse ich noch mal irgendwo rein.“

Zurzeit studiert sie Kunst in München. Mit fast 40 im Grundstudium, das hat sie skeptisch werden lassen, erzählt sie, skeptisch auch, was das sein soll: Kunst. „Ich bin mit einem Arschtritt von einer Freundin da reingetreten worden“, beschreibt sie es, ihre Bewerbungsmappe entstand durch Improvisation: „Na, ich habe eh Zeit, also mache ich so eine Mappe, mit Fotos, was ich eben so mit dem Telefon fotografiert habe – und habe gemerkt: Das ist vielleicht Kunst – und das auch!“

Pophymnen und Songwriter-Stücke

Ähnlich auf Anhieb funktionierte vielleicht auch ihr Debüt. Eingespielt hat sie für „Tears and Teeth“ nichts mehr, lediglich neu gemischt wurde, was bisher auf Festplatten und einer privaten Vinylpressung in einer Auflage von 20 für das engste Umfeld lag: Musik mit Sample-Basteleien und Pop-Appeal wie bei Soap & Skin, kleine Pophymnen wie von Andreas Dorau und Jens Friebe, Songwriter-Stücke wie von Bill Callahan, Chansons wie von Serge Gainsbourg. Drei Sprachen – deutsch, französisch, englisch – und zwölf Stile. Die Unlust Riedels auf Einordnung spiegelt sich in Ingas wunderbarer Kraut-und-Rüben-Musik.

Inga: „Tears and Teeth“ (Trikont/Indigo)

„Tears and Teeth“ steht auch für eine neue Ära bei ihrem Münchner Label. In den späten 1960ern gegründet, ist Trikont Anlaufstation für Musik aus der bayerischen Szene, veröffentlichte das erste deutschsprachige Rockalbum der Schwulenbewegung und die ersten explizit feministischen Werke. Acts wie die HipHop-Crew Kinderzimmer Productions und der Liedermacher Georg Ringsgwandl spannten später den Bogen, dazu gab es hochwertige Musikarchäologie in Form von Samplern, die nicht weniger vielfältig aufgestellt waren – die Palette reichte von finnischem Tango zu den „Future Sounds of Ukraine“. Heute, in Zeiten von Spotify, sind Auskopplungen kaum noch rentabel. Label-Urgestein Hans Söllner wiederum wurde zuletzt engagiert von Trikont outgecallt für seine Verschwörungstheorien zu Corona. Eine Zeitenwende, auch für das Label.

„Wir haben ganz lange drauf bestanden, nur deutschsprachigen Pop zu machen – wir wollten schauen: Was passiert in unserer Sprache? Das haben wir total durchbrochen. Das ist nicht im Ansatz mehr ein Kriterium“, erklärt Label-Chefin Eva Mair-Holmes. Sichtbar wird das bei Acts wie der Songwriterin Gudrun Mittermeier, die auf eine Popkarriere unter dem Namen Somersault zurückblickt und nun auf dem aktuellen Album „Seeheim“ unter ihrem eigenen das Bayrische mit dem Englischen verbindet. Oder bei Angela Aux, die wiederum bürgerlich Florian Kreier heißt und dem außerbayrischen Publikum am ehesten durch das Projekt Aloa Input bekannt ist, seit 2012 ein Flaggschiff des New Weird Bavaria.

Randständiges in München

Angela Aux ist Kreier in Drag, die Lieder des 2019 erschienenen Albums „In Love With the Demons“, seines vierten und ersten für Trikont, sind durchweg blitzende Weird-Pop-Kleinodien zwischen Notwist und Jim Jarmusch, die zwar charmant nach Landluft klingen, aber sicher nicht nach deutscher. Im Herbst erschien außerdem Angela Aux’ erster Gedichtband mit sogenannten „Textografien“ bei Trikont, Fotografien aus Texten. Der Titel könnte angesichts des neuen Trikont-Selbstverständnisses kaum greifender sein: „Utopien sind meine Heimatae“ heißt das Buch.

Heimat ist München für Inga Riedel wiederum seit Langem – auch und gerade weil sich in der Stadt selten etwas verändert, sagt sie. Man verpasst nie etwas, egal, wie lange man fernbleibt. Den blühenden musikalischen Underground der Stadt lernte sie dennoch erst über den Umweg Montreal kennen, über eine Bekannte, die sich von Kanada aus intensiv damit auseinandersetzt. „Es hat mich motiviert und glücklich gemacht, dass es in München Randständiges gibt, zu sehen, was für ein schöner Kreis von Menschen das ist“, freut sich Riedel.

Teil dessen war sie schon lange. Seit jenem Bier zu viel mit den lokalen Musikheroen Pico Be und Leo Hopfinger, die den Kontakt zu Trikont herstellten, als sie vom geheimen Leben ihrer Freundin hörten, endlich auch als Musikerin.

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