Debatte US-Vorwahlkampf: Am Big Mac gescheitert

Post aus New York: Obama galt den Demokraten aus Pennsylvania als zu elitär. Das ist das Beste in Sachen Rassismus, was ich jemals gehört habe. Der Rest ist Kindergarten

Am Abend der US-Präsidentschaftswahlen 1948 ging Thomas Dewey, der Kandidat der Republikaner, in dem Bewusstsein zu Bett, dass er die Wahlen gewonnen habe. Immerhin waren die meisten Stimmen bereits ausgezählt. Doch als er am nächsten Morgen aufstand, musste er feststellen: Harry Truman hatte ihn besiegt. Seither wird diese Anekdote immer dann hervorgekramt, wenn wir noch einmal das Offensichtliche betonen wollen, nämlich dass es erst dann vorbei ist, wenn es vorbei ist. Auch ich krame sie nun hervor - ein weiterer Beleg für den Seifenoperfaktor des Wahlkampfs - dabei haben wir erst Anfang Mai.

Hillary Clinton lag erst vorn (2007) und dann hinten (Iowa) und dann wieder vorn und danach ziemlich lange hinten. Nun liegt sie wieder vorn, jedenfalls ein bisschen. In Pennsylvania gewann sie Wähler mit niedrigem Einkommen und geringer Bildung (58 Prozent der Wähler ohne Collegeabschluss), weiße Katholiken (71 Prozent), die über 40-Jährigen und Frauen (57 Prozent), vor allem ältere Frauen. Barak Obama gewann die gebildeten Wohlhabenden, die Jungen (61 Prozent) und Schwarze (89 Prozent) für sich.

Dies sagt uns einiges. Erstens: Wahlkampagnen haben ihren eigenen Rhythmus, wie jedes Theater. Zweitens: Die Rassenfrage ist in Amerika noch immer ein Thema. Na, so eine Überraschung! 16 Prozent der weißen Bevölkerung in Pennsylvania erklärten, dass für sie die Hautfarbe bei der Entscheidung für einen Kandidaten eine Rolle spiele. Gleichzeitig wollen 54 Prozent von ihnen bei der Präsidentschaftswahl im kommenden November für Obama stimmen. 27 Prozent geben an, sie würden lieber John McCain wählen. Drittens: Das Hauen und Stechen zwischen den Kandidaten der Demokraten schadet der Partei, weswegen bei dem ganzen Theater am Ende John McCain als einziger wahrhaft Erwachsener dastehen wird. Viertens: Als Folge von zweitens und drittens ist Obamas Vorsprung vor McCain verpufft.

Aber, wie auch Tom Dewey feststellen musste: Nicht alles, was richtig aussieht, muss auch richtig sein. Mag sein, dass Wahlkampagnen ihren Rhythmus haben und der Rassismus in Amerika weiterhin eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Doch Hillary gewann in 12 Staaten bei den männlichen Weißen; Obama schaffte dies immerhin auch in 10 Staaten. Und der Grund dafür, dass er in Pennsylvania verlor, ist das Beste, was ich jemals in Sachen Rassismus gehört habe: Obama verlor, weil die Demokraten aus Pennsylvania ihn für "elitär" und abgehoben links halten.

Ich dachte ja immer, die Weißen können die Schwarzen nicht leiden, weil sie glauben, die Schwarzen seien dumme, gewalttätige, schlurfende, primitive Junkies. Und nicht etwa, weil sie elegante, gut gekleidete, schlanke, Café Latte schlürfende, saft- und kraftlose Intellektuelle sind. Doch just der Latte hat Obama in Pennsylvania das Genick gebrochen. Das ist doch toll: Ganze 40 Jahre nach der Bürgerrechtsbewegung werden Schwarze wegen ihres vermeintlich Elitarismus angegriffen und beneidet. Gratuliere!

Da war also Obama in Pennsylvania und machte die eher zurückhaltende Bemerkung, dass Menschen, die ihre Arbeit wegen technologischer Neuerungen oder Fabriken in China verloren haben, sich an ihren Schießeisen und der Religion "festklammern". Hillary hingegen plauderte mit eben diesen Leuten bei Cheeseburgern und Bier über ihre Waffen tragenden Jagdfreunde in Arkansas. Obama hat gleichfalls versucht, in Diner zu essen, aber er ließ seine Pancakes und Pommes auf dem Teller liegen und sehnte sich nach einem Omelette aus Bio-Eiweiß und einem Latte.

Eine Aufgabe von Religion ist es immer gewesen, dass sie Trost spendet - beispielsweise wenn man den Arbeitsplatz verliert. Obama aber traf bei den Arbeitern in Pennsylvania den falschen Ton - zu abgehoben. Da fällt es nicht weiter ins Gewicht, dass Hillary eine bourgeoise WASP aus einem vornehmen Suburb in Illinois ist, in ihrer Collegezeit aktive Republikanerin war, danach ihr Jurastudium in Yale absolvierte und 35 Jahre in der exklusiven Welt der Politik zubrachte, um schließlich Vorstandsmitglied von Wal-Mart, dem ausbeuterischsten Arbeitgeber in ganz Amerika, zu werden. Es macht auch nichts, dass Hillary am renommierten Wellesley College studiert hat, und Obamas Mutter von Sozialhilfe lebte. Es macht auch überhaupt nichts, dass Obama nun das linke Gedankengut der 68er vorgeworfen wird - damals, als Bill Gras rauchte, aber ohne zu inhalieren, war er übrigens acht Jahre alt. Er ist einfach mit dem Big Mac nicht klargekommen. Weil er elitär ist. Deswegen hat er verloren. Dies ist ein großer Schritt auf die Schwarzen zu.

Natürlich müssen diejenigen, die Obama vorwerfen, er sei allzu abgehoben, ihre Kritik irgendwie damit in Einklang bringen, dass er seine Politik mithilfe der armen, schwarzen Community in Chicago aufgebaut hat. Sie werden auch den Vorwurf, er sei religionsfeindlich, mit der Kritik in Einklang bringen müssen, dass er sich von dem umstrittenen Reverend Jeremiah Wright habe beeinflussen lassen. Oder damit, dass er Muslim sei, weil er eine Koranschule besucht hat. Ich bin jedoch überzeugt, dass sie das schon irgendwie hinkriegen werden - Sie nicht?

Zu McCain: Es ist erst dann vorbei, wenn es vorbei ist. Noch nicht einmal jetzt, da die Demokraten ihre Sandkastenkämpfe austragen, hat er es geschafft, über 45 Prozent zu kommen. So haben in Pennsylvania, obwohl bekannt war, dass die Nominierung des Kandidaten der Republikaner längst gelaufen ist, 220.000 Republikaner für Huckabee und Ron Paul (die sich aus dem Rennen für die Nominierung zurückgezogen haben) und gegen McCain gestimmt. Vielleicht wählen ja einige davon im November die Demokraten.

McCain seinerseits versuchte in seiner jüngsten Rede in Alabama die Mehrheit der Schwarzen für sich zu gewinnen. Und er erklärte, dass er die verlorenen Arbeitsplätze, verlorenen Löhne oder verlorenen Häuser keinesfalls zurückbringen werde. Was er ohnehin nicht kann, weil kein Geld dafür da sein wird, wenn er seine Steuersenkungspläne durchziehen will. Na, das ist doch mal ein Wahlkampfversprechen, mit dem man die Herzen der Massen erwärmen kann.

Ich habe mir immer Sorgen gemacht, dass wegen der ständigen Nabelschau der Demokraten auf Hillary und Obama am Ende keiner der beiden Kandidaten auf nationaler Ebene wählbar sein wird. Nun mache ich mir Sorgen, dass die Demokraten, die Obama hassen, weil er zu elitär ist - oder zu "schwarz" oder zu muslimisch -, schließlich für McCain stimmen. Und die Republikaner, die McCains Wirtschaftspolitik nicht mögen, für Obama votieren. Sie werden sich gegenseitig aufheben; und Hillary wird aus keiner Ecke genügend Stimmen zusammenkratzen können. Dann wird am Ende niemand gewählt. Und wir können Wahlbeobachter aus Kenia und Simbabwe zu Hilfe holen, damit sie das Durcheinander in Amerika wieder in Ordnung bringen.

Übersetzung: Beate Staib

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