Debatte Hegemonie in Nahost: Die neue starke Rolle der Türkei

Der Konflikt um die Gaza-Hilfsflotte zeigt: Mit ihrer klaren, aber besonnenen Haltung gewinnt die Türkei an Strahlkraft im Nahen Osten. Und drängt den Iran an den Rand.

Neues Idol in Nahost: Erdogan-Transparent mit türkischer und palestinensischer Fahne auf einer Demonstration in Gaza. Bild: rtr

Die arabische Welt hat einen neuen Politstar. Den türkischen Ministerpräsidenten Tayyib Erdogan. Seit dem israelischen Angriff auf den Gaza-Hilfskonvoi im Mittelmeer, bei dem es vor allem türkische Opfer gab, sind die politischen Aktien der Türkei bei den Arabern hoch im Kurs. Die Araber haben die eigenen ineffektiven Regime längst abgeschrieben und richten ihren Blick heute hoffnungsvoll auf die Nachbarmächte in der Region. Hier konkurieren der Iran und die Türkei um das Wohlwollen der arabischen öffentlichen Meinung.

Sowohl der Iran als auch die Türkei suchen das Machtvakuum zu füllen, das entstanden ist, nachdem sich die arabischen Staaten von der Regionalpolitik praktisch zurückgezogen haben. Im Moment lässt Erdogan dabei Ahmadinedschad klar hinter sich.

Beide haben dabei ein Grundprinzip verstanden: Wer den arabischen Ärger über den Israel-Palästina-Konflikt kanalisieren kann, der hat die öffentliche Meinung der arabischen Welt für sich gewonnen. Nach dem gleichen Prinzip hatten bereits zuvor Bin Laden, Saddam Hussein und Hassan Nasrallah gepunktet.

Doch die beiden heutigen Konkurrenten könnten unterschiedlicher nicht sein. Der Iraner Ahmadinedschad spricht das radikale arabische Lager an, der Türke Erdogan das moderate. Iran versucht nun seit Jahren das israelische Abschreckungspotenzial herauszufordern, indem er allen Israelis zeigt, dass sie in der Reichweite der Raketen Hisbollahs und der Hamas liegen.

Dagegen hat Israel bisher kein probates militärisches Gegenmittel gefunden. Doch was Israel auf der einen Seite schadet, nützt dem Land auf der anderen. Die iranische Bedrohung lenkt vom Problem der israelischen Besatzung ab und bringt Israel internationale Sympathien ein.

Erdogan dagegen hat keine einzige Rakete abschießen lassen. Er fordert Israel in der Sprache des internationalen Rechts und der Diplomatie heraus. Sicherlich schlägt er innenpolitisch schärfere Töne an, um auch die islamistische Klientel und den türkischen Nationalismus zu bedienen. Aber nach außen hin agiert die türkische Diplomatie besonnen und fordert vor allem eine internationale Untersuchung des Vorfalls im Mittelmeers. Das unterscheidet Anakara von Teheran.

Am deutlichsten wird die Konkurrenz, wenn es um den Gazastreifen geht. Der Iran bietet den Palästinensern Raketen und militärisches Training an, die Türkei schickt Hilfslieferungen und politische Unterstützung für ein Ende der Blockade und versucht die palästinensische Hamas vom militärischen auf das politische Feld zu ziehen. Die Ereignisse im Mittelmeer zeigen, wie schwer es Israel fällt, mit dieser neuen Herausforderung umzugehen. Dank der israelischen Marine steht jetzt nicht nur die Diskussion um ein Ende der Gazablockade ganz oben auf der internationalen Agenda, sondern Erdogan hatte auch binnen weniger Stunden Ahmadinedschad den Rang abgelaufen.

Für viele Araber hatte das iranische Modell schon vor einem Jahr viele Kratzer abbekommen. Viele träumen von einer grünen Revolution, wie sie die Iraner versucht haben. Das türkische Modell dagegen hat für viele Vorbildcharakter: es ist demokratisch, säkular und modern und trotzdem gibt ihm Erdogan einen islamischen Anstrich.

Immer schön lächeln! Ahmadinedschad und Erdogan ringen um die Hegemonie über Nahost. Bild: dpa

Und dann steckt da noch die nicht unerheblich türkische Wirtschaftsmacht dahinter. Das Handelsvolumen zwischen der Türkei und den 22 Mitgliedern der Arabischen Liga ist von 13 Milliarden US-Dollar 2004 auf letztes Jahr 29 Milliarden angestiegen. Da kann der Iran nicht mithalten.

Doch das strategische Gleichgewicht in der Region verschiebt sich womöglich noch mehr, als es der erste Blick auf das türkische oder iranische Konkurrenzmodell in Richtung Araber vermuten lässt. Die Nahostpolitik von George W. Bush stand auf drei Säulen: der direkten militärischen Intervention im Irak, der strategischen Partnerschaft mit Israel, dem es nach dem 11. September gelang, seine Besatzung als Teil des Antiterrorkampfes zu vermarkten, und drittens der US-Doktrin, mit Ausnahme Israels alle Regionalmächte einzudämmen.

Unter Barack Obama findet in der amerikanischen Nahostpolitik ein Umdenken statt. Die US-Truppen ziehen sich aus dem Irak zurück und Washington ist auf der Suche nach dem besten strategischen Partner in der Region. Die arabischen Regime sind zu schwach, um irgendeine nennenswerte Rolle zu spielen, der Iran ist zu radikal und auf erklärtem Gegenkurs zu Washington. Israel ist bei sämtlichen Nachbarn vollkommen diskreditiert und sogar Obamas Generalität spricht inzwischen offen aus, dass Israel für die USA zu einer strategischen Belastung geworden ist.

Bleibt der Nato-Partner Türkei: Er ist politisch und religiös moderat und demokratisch. Ankara hat gute Beziehungen zu seinen arabischen Nachbarn, hält die Kanäle nach Teheran offen und ist klug genug, seine Beziehungen zu Israel, selbst bei der neuesten Belastungsprobe, nicht abzubrechen.

Noch ist in Washington nicht ausdiskutiert, ob das türkische Angebot angenommen wird. Die Diskussion zwischen US-Verteidigungsminister Robert Gates und der EU, wer das "Abdriften der Türkei Richtung Osten zu verantworten hat", zeigt, wie sehr man nicht nur in Washington noch im alten Denken verhaftet ist. Auch die Tatsache, dass die Türkei im UN-Sicherheitsrat gegen die neuesten Iran-Sanktionen gestimmt hat, hat bei einigen in der US-Regierung zu Unmut geführt, obgleich manche dort hoffen, die Türkei könne zwischen dem Westen und dem Iran als Vermittler auftreten.

Misstraut man Erdogan also und baut ihn gar als Feindbild auf, oder benutzt man ihn als Brücke, um endlich das in der arabischen Welt schwer angeschlagene amerikanische Image aufzupolieren und die Kommunikationskanäle nach Teheran offen zu halten? Und die Europäer? Die sehen die Türkei immer noch hauptsächlich als ein innenpolitisches Problem. Sie täten gut daran, die Türkei nicht nur als europäisches Problem, sondern als strategischen Partner im Nahen Osten wahr- und ernst zu nehmen.

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Karim El-Gawhary arbeitet seit fast drei Jahrzehnten als Nahost-Korrespondent der taz mit Sitz in Kairo und bereist von dort regelmäßig die gesamte Arabische Welt. Daneben leitet er seit 2004 das ORF-Fernseh- und Radiostudio in Kairo. 2011 erhielt er den Concordia-Journalistenpreis für seine Berichterstattung über die Revolutionen in Tunesien und Ägypten, 2013 wurde er von den österreichischen Chefredakteuren zum Journalisten des Jahres gewählt. 2018 erhielt er den österreichischen Axel-Corti-Preis für Erwachensenenbildung: Er hat vier Bücher beim Verlag Kremayr&Scheriau veröffentlicht. Alltag auf Arabisch (Wien 2008) Tagebuch der Arabischen Revolution (Wien 2011) Frauenpower auf Arabisch (Wien 2013) Auf der Flucht (Wien 2015)

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