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Das massenwirksame Faszinosum

■ Diskussionsveranstaltung in der TU zur sozialen und historischen Funktion der Olympischen Spiele/ Miteinbeziehung der geschichtlichen Rolle der Spiele von 1936 bei Olympia 2000 gefordert

Berlin. Olympische Spiele 2000 in Berlin, die sich weder mit der Rolle des Spitzensports, seiner gesellschaftlichen Funktion und Vermarktung sowie der eigenen Geschichte von 1936 auseinandersetzten, wären, nach Ansicht von Harald Bodenschatz, ein einziger Anachronismus. Die Olympiaden der Neuzeit, referierte der Soziologe am Donnerstag im Architekturgebäude der Technischen Universität auf einer Diskussionsveranstaltung zum historischen und sozialen Kontext der Spiele, seien zu Beginn, 1896, ein Sinnbild der bürgerlich-industriellen Gesellschaft gewesen. Deren ökonomische Chiffren waren identisch mit den »wachstumsorientierten« Losungen der Spiele. Eine Atomisierung auf »immer höher, schneller, weiter« und das scheinbar zeitlos-ideale Konzept sogenannter Jugend- und Friedensspiele (man gedenke hierbei Josef Neckermann, der im zarten Alter von 62 noch für Deutschland Gold einritt) entsprächen heute weder unserer zeitgemäßen differenzierten nachindustriellen Produktionsweise, noch seien die Spiele frei von nationalen Chauvinismen. Zugleich seien die Spiele nur mehr »eine Ware wie jede andere auch geworden«, meinte Bodenschatz, deren »massenmediale Inszenierung den Zuschauer zum gleichgeschalteten Enthusiasten« degradiere.

Unterstützung erhielt Bodenschatz von Gunter Gebauer, Sportsoziologe an der Technischen Universität Berlin. Die Medien, so Gebauer, machten aus den Spielen eine Inszenierung mit eigener Dramaturgie, die zur »Entwirklichung der sportlichen Leistung« führe. Zeitlupen, endlose Wiederholungen und gespenstische Nahaufnahmen der Wettkämpfe, brächten den Zuschauer um das unmittelbare Erleben. Authentizität sei nicht einmal mehr im Stadion erlebbar. Dort flimmern von Videowänden die Läufe und Sprünge bunt auf die Besucher herunter — der Sport bleibe Restposten zwischen showmäßiger Werbung und Videoclips. Der Leistungssport, so Gebauer weiter, sei ohnhin nur möglich, wenn sich die Sportler einer extremen »Selbstdressur unterzögen«. Davon merke der Zuschauer am Schirm nichts mehr.

Die Spiele von 1936 in Berlin, erinnerte Gebauer, waren die ersten »Medienspiele«. Es gab Rundfunk- und Fernsehübertragungen. Für die Kameras wurden spezielle Teleobjektive entwickelt — zum Zwecke der Medialisierung des Sports und der Selbstdarstellung des Naziregimes, unter dessen Regie die Olympiade zum massenwirksamen Faszinosum verkam, wie der Architekturhistoriker, Wolfgang Schäche hinzufügte.

Überlegungen, die Spiele 2000 ohne Miteinbeziehung ihrer geschichtlichen Rolle im deutschen Faschismus, der Architektur des Olympiastadions von Werner March oder den »blutrünstigen Sprüchen« (Schäche) in der Langemarckhalle am Maifeld, kämen einer Verdrängung gleich. Die Olympiabewerbung, so wie sie derzeit in der hochglänzenden Broschüre »verkauft« wird, berge die Gefahr, wie Ernst Mittig, Professor für Kunstgeschichte anmerkte, daß die »alten Werte unreflektiert zur Wirkung« kommen könnten. Statt dessen sei eine Auseinandersetzung zu führen mit den historischen, sozialen und ästhetischen »Hinterlassenschaften«, sei ein »Nachdenken über einen neuen Modus der Spiele« nötig, wie Georgia Tornow, taz, forderte. Es sei Zeit, etwa mit Strategien zur Entkommerzialisierung, sich endlich in die Oplympiaplanung »einzumischen«. Rolf R. Lautenschläger

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