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Das erste Jahr ohne gedruckte Tageszeitung taz-Leser:innen ziehen Bilanz nach der Seitenwende

Die taz-Seitenwende feiert einjähriges Jubiläum. Wir haben mit Abon­nen­t:in­nen gesprochen, wie ihnen das täglich digitale Lesen seither gefällt.

Aus der taz | Gisela Wunnenberg war skeptisch, als die taz die Seitenwende verkündete. Die 83-Jährige, die während des Zweiten Weltkrieges im heutigen Szczecin (Stettin) geboren wurde, ist leidenschaftliche Zeitungsleserin. Sie lebt in Hamburg, ist seit 10 Jahren taz-Abonnentin und Fan der gedruckten Tageszeitung. Jeden Tag liest sie zwei bis drei Stunden in der taz. „Das ist der Vorteil, wenn man nicht mehr arbeiten muss“, sagt sie lachend am Telefon.

Als die taz-Genossenschaftsversammlung 2024 beschloss, die Zeitung unter der Woche als E-Paper und nur noch am Wochenende gedruckt auszuliefern, konnte sich Wunnenberg den Umstieg schwer vorstellen. Sie brauche die Übersicht der ganzen Seite, wenn sie die Zeitung ausgedruckt und aufgeschlagen vor sich liegen habe, sagt sie.

Gisela Wunnenberg war nicht die Einzige, die mit Skepsis auf die Seitenwende blickte. Die taz erhielt damals zahlreiche Zuschriften von Abonnent*innen, die weiterhin täglich die gedruckte Zeitung lesen wollten. Für viele gehörte das analoge Lesen, das Rascheln der Zeitung und die Kaffeeflecken auf dem Papier fest zum Tagesablauf.

Lebensverändernde taz-Lektüre

Till Meinrenken aus Freiburg schrieb der taz 2025 eine E-Mail zur Seitenwende. Er sei noch unentschieden, ob er den Umstieg mitgehen wolle. Dabei war es die taz, die ihn und seine Frau Natascha nach Freiburg gebracht hatte. Im Jahr 2005 wohnten sie noch auf der Nordseeinsel Amrum und hatten nach mehreren stürmischen Wochen endlich eine trockene Zeitung im Briefkasten. Eine Stellenausschreibung in dieser taz-Ausgabe führte dann zum Umzug der Familie in den Breisgau.

Die taz gehört auch bei Vera Boser und Dieter Blase seit Jahrzehnten auf den Frühstückstisch. Neben den Nürnberger Nachrichten lesen die beiden die taz. Auch sie hängen am klassischen Zeitungsformat, das jahrzehntelang die Lesegewohnheiten geprägt hat.

Die beiden nahmen 2025 genau wie die Meinrenkens in Freiburg und Gisela Wunnenberg in Hamburg das Angebot der taz wahr, vor Ort ans digitale Lesen herangeführt zu werden. Mit einer Tour durch Deutschland und sogenannten Helpdesks sollte der Umstieg erleichtert werden. Ein Jahr später stellt sich die Frage: Lesen sie die taz überhaupt noch täglich?

Konzentrierteres Lesen

Vera Boser sagt am Telefon, sie sei positiv überrascht, wie schnell sie sich ans digitale Lesen gewöhnt habe. Sie lese weiter jeden Tag die taz, anders als früher aber nun von vorne nach hinten. Das Tablet sei ihr schon mal auf den Boden gefallen, das sei bei der Papierausgabe nicht so schlimm gewesen.

Zur Papierausgabe habe man außerdem häufiger mal gegriffen, einfach weil sie im Sichtfeld lag. Das passiere beim Tablet nicht mehr so häufig. Aber die taz nicht zu lesen, sei keine Option. Boser sagt, sie schätze neben anderen besonders die „Frauen- und Genderthemen“, sie sei schließlich eine alte Feministin.

Bei Till und Natascha Meinrenken in Freiburg hat die Skepsis im vergangenen Jahr nachgelassen. Till Meinrenken sagt, er lese die Zeitung jetzt konzentrierter. Durch die Textansicht würde er nun einen Artikel nach dem anderen lesen und nicht mehr die gesamte Zeitungsseite vor sich haben. Auch dass alle Lokalteile (Berlin und Nord) mit in der digitalen taz sind, sei ein großer Gewinn.

Im Bademantel zum Briefkasten

Trotz all dieser überraschend positiven Erfahrungen würden sie sich auch immer auf die gedruckte wochentaz freuen, erzählt Till Meinrenken. Allein wegen des Wahrheit-Rätsels zum Ausfüllen. Auch, wenn sie dort schon seit über 25 Jahren nicht mehr gewonnen hätten.

Für Gisela Wunnenberg in Hamburg ist das digitale Lesen nach einem Jahr auch vertrauter geworden. Wenn sie es sich aber aussuchen könnte, würde sie ebenso unter der Woche lieber eine gedruckte Zeitung auf dem Tisch liegen haben. Am Telefon erzählt sie, wie sie das Lesen der gedruckten wochentaz zelebriert. Sie fahre, mit Bademantel bekleidet, im Fahrstuhl ins Erdgeschoss, hole die Zeitung aus dem Briefkasten und freue sich auf die stundenlange Lektüre.

Auf die Frage, ob sie auch in Zukunft dabeibleiben und täglich zur Zeitung beziehungsweise dem Tablet greifen wird, hat Wunnenberg eine eindeutige Antwort: „Solange ich lebe, werde ich die taz lesen.“

🐾 Vincent Bruckmann-Levinson ist der taz-Redakteur für besondere Aufgaben und war für die taz 2025 auf Seitenwende-Tour.

🐾 Wie lief die Seitenwende wirtschaftlich für die taz? Der taz Hausblog weiß mehr.