: Das Strohballenhaus
Ein Haus, das auf allen Seiten mit Strohballen gedämmt ist, wollte Thomas Hoinka haben. So kam es, dass die Stuttgarter Architekten Florian Kaiser und Guobin Shen ein außergewöhnliches Konzept entwickelten.
Von Dietrich Heißenbüttel↓
Es ist eine Art Vorpremiere. Auf der Website des Ateliers Kaiser Shen aus Stuttgart ist das Haus Hoinka nur im Modell zu sehen: Weiß auf weiß, wie ein chinesisches Schriftzeichen, nur dreidimensional. In der Ortsmitte von Pfaffenhofen, einem 2.400-Einwohner-Dorf im Zabergäu, 40 Kilometer von der Landeshauptstadt entfernt, sieht das Haus ganz anders aus. Ein stattlicher Bau in warmen Holztönen gegenüber der Sankt-Lambertus-Kirche, der sich trotz seiner modernen Formen gut ins alte Ortsbild einfügt.
Florian Kaiser und Guobin Shen sehen ihr Werk selbst zum ersten Mal ohne Bauzaun. Es ist noch nicht ganz fertig, unter anderem fehlen noch Innentüren und Kücheneinbauten. Aber es reicht, um einen Eindruck zu gewinnen, vor allem von der räumlichen Komplexität. Denn das Haus Hoinka ist ganz anders gebaut als gewöhnliche Zweifamilienhäuser.
Stroh ist ein prima Dämmmaterial
Ausgangspunkt war der Wunsch des Bauherrn Thomas Hoinka, ein Haus zu bauen, das auf allen Seiten mit Strohballen gedämmt ist. Hoinka ist Energieberater: Passivhausplaner und Experte für Energieeffizienz. Stroh eignet sich hervorragend zum Dämmen, ist ein nachwachsender Rohstoff und zudem als Abfallprodukt in großen Mengen verfügbar.
Stroh? Ist das nicht brandgefährlich? Besteht nicht die Gefahr, dass sich Schädlinge einnisten? Weder noch, erklärt Architekt Florian Kaiser. Stroh wird seit langer Zeit zur Wärmedämmung verwendet. Die Ballen sind dicht gepresst und enthalten wenig Lufteinschlüsse, sind von Holz oder Lehmputz bedeckt, die Feuergefahr ist gering. Bei einem fünf Zentimeter dicken Lehmputz ist sogar die Brandschutzklasse F 90 möglich, das heißt, die Wand hält dem Feuer 90 Minuten stand.
Der Lehmputz oder ein eingebautes Insektengitter verhindern auch das Eindringen von Schädlingen, die im Stroh ohnehin keine Nahrung fänden. Das Problem ist eher, dass das Stroh nicht feucht werden darf, um Schimmelbildung zu verhindern. Bauherr Hoinka wollte das Haus aber auch von unten mit Strohballen dämmen. Daher durfte die Unterseite keinen Kontakt zum Boden haben. Das Haus musste aufgeständert werden.
Die Idee, das Haus nur ein kleines Stück anzuheben, so dass darunter ein toter Raum entstünde, gefiel Kaiser und Shen nicht. Sie hoben den Bau um ein ganzes Stockwerk an. Ein Kreuz aus Betonwänden teilt das Erdgeschoss in vier Teile. Darauf, und auf schlanken, sehr penibel ausgeführten Betonstützen, ruht die Holzkonstruktion der Obergeschosse. Nutzbar ist das offene Erdgeschoss etwa als Stellplatz, Ladestation für E-Autos, Werkstatt oder Wintergarten. In einem der vier Teile hat der Bauherr eine kleine Einliegerwohnung eingerichtet, die allerdings nicht mit Stroh gedämmt ist.
Auf das Büro Kaiser Shen war Hoinka aufgrund des Mikrohofhauses gekommen, das sehr viel Aufsehen erregte: 2017 hatte das Ludwigsburg Museum in der gleichnamigen Stadt nahe Stuttgart einen Wettbewerb für ein kleines, temporäres Wohnhaus auf dem mittleren Grünstreifen der Stadtautobahn B 27 ausgeschrieben. Kaiser und Shen setzten noch einen drauf und brachten sämtliche Wohnfunktionen auf nur sieben Quadratmeter unter, um Platz für einen kleinen Hofgarten zu gewinnen, der sich an chinesischen Vorbildern orientierte.
Das bis ins kleinste Detail ausgeklügelte Häuschen brachte den beiden viele Anfragen ein. Allerdings ist der Planungsaufwand für ein solches Mini-Haus kaum geringer als für ein größeres. Der Preis ist hoch, die Architekten verdienen trotzdem nicht viel, und zur Wohnungsversorgung trägt es auch nur wenig bei.
Die Aufgaben von Architekt:innen neu denken
Das Mikrohofhaus war der erste Wettbewerb, den das Büro gewann, das sich im selben Jahr erst gegründet hatte. Ohne Aufträge mit wenig Geld auf dem Konto, erzählt Guobin Shen. Fünf Jahre zuvor hatten die beiden schon ihre Diplomarbeit zusammen angefertigt: zum Wiederaufbau eines erdbebenzerstörten Hauses in L’Aquila in den Abruzzen. Mittlerweile ist das Büro der beiden Visionäre in eine schöne Altbauwohnung in der Alexanderstraße in Stuttgart umgezogen und beschäftigt vier Mitarbeiter. An Aufträgen fehlt es nicht, wenn auch bisher noch wenige Gebäude fertig gestellt sind.
Das Haus Hoinka und andere Projekte der beiden Architekten sind derzeit auch in der Architekturgalerie am Weißenhof ausgestellt. Mit dem Titel „Unfertige Häuser“ ist aber nicht gemeint, dass die Mehrzahl ihrer Bauten noch nicht fertiggestellt ist. Er bezieht sich vielmehr auf eine begleitende Publikation, in der die beiden versuchen, die Aufgabe von Architekt:innen neu zu denken. Die moderne Architektur, so die Architekten, die bis heute das Bauwesen bestimmt, war und ist dadurch charakterisiert, dass sie den Bestand geringschätzt und behauptet, bessere Bauwerke zu erschaffen. Die Architekt:innen, oft selbstverliebt, beanspruchen Urheberrecht auf ihre Bauten, an denen sich möglichst nichts mehr ändern soll. Auf der anderen Seite steht der Denkmalschutz, der eine begrenzte Anzahl alter Bauwerke ebenfalls möglichst unverändert konservieren will.
Kaiser und Shen denken anders. Historisch wurden Gebäude im Lauf der Zeit immer wieder umgebaut. Dass Bestandsbauten oft abgerissen werden und Neubauten Platz machen müssen, führt zu einem hohen Ressourcen- und Energieverbrauch und schadet dem Klima. Eigentlich hat sich das längst herumgesprochen. Die Architektenverbände plädieren für Erhalt und Weiterbauen.
Tatsächlich wird heute schon mehr im Bestand als neu gebaut. In der Ausbildung, sagt Kaiser, sei dies aber noch wenig angekommen. Die großen, bestehenden Büros arbeiten weiter wie immer. Architekt:innen wollen sich ein Denkmal setzen. Umbau macht oft mehr Mühe. Und auch die Bauherren bevorzugen schicke Neubauten als ihre Visitenkarten. Der Appell des Bunds Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA), „Bauen muss vermehrt ohne Neubau auskommen“, verhallt daher weitgehend ungehört.
Es braucht junge Architekten wie Kaiser und Shen, die noch am Anfang ihrer Berufspraxis stehen, um hier neue Ansätze zu entwickeln. Solange sie wenig gebaut haben, sind ihre Chancen bei Wettbewerben gering, wo immer nach Referenzobjekten gefragt wird. Die beauftragten Architekt:innen werden tendenziell immer älter. Kaiser und Shen waren 30 und 33 Jahre alt, als sie ihr Büro gegründet haben. Und gewannen im ersten Jahr gleich zwei Wettbewerbe.
Wenn es geht, lassen sie Bestandsbauten stehen und suchen nach einem Weg, sie pragmatisch umzubauen. Eine Mehrzweckhalle in Schemmerhofen-Ingerkingen, Landkreis Biberach, erweiterten sie ausgehend von der bestehenden Tragkonstruktion. Beim Wettbewerb zum Ausbau eines Schulzentrums in Müllheim bei Freiburg ließen sie den Bestandsbau stehen. Umgekehrt versuchen sie Neubauten von vornherein so zu bauen, dass sie flexibel, veränderbar bleiben. In einem Wohnheim für Geflüchtete in Schönaich etwa sind die Räume größer als üblich, sodass sie später zu Sozialwohnungen zusammengelegt werden können.
Ähnlich verhält es sich beim Haus Hoinka. Es besteht aus zwei jeweils zweigeschossigen, 140 Quadratmeter großen Wohnungen, die sich jeweils noch einmal in zwei Wohnungen teilen lassen. Im ersten Stock ist das Haus in Längsrichtung geteilt: Eine Wohnung zeigt zur Straße, die andere nach hinten. Dazwischen befinden sich, gegenläufig, die Treppen, die in einem Zug bis ins zweite Obergeschoss führen. Dort ist das Haus in Querrichtung geteilt. Das erste und zweite Geschoss liegen also nicht deckungsgleich übereinander.
Ein Haus, das bei Bedarf teilbar ist
Im ersten OG bestehen die Wohnungen aus jeweils vier gleichgroßen Räumen ohne Flur. Dabei haben sich die Architekten an der Altbauwohnung orientiert, in der sie ihr Büro haben. Damals, zur Gründerzeit, wurde so gebaut: Die Bewohner konnten selbst entscheiden, wie sie die Räume nutzen wollten. Seit den 1930er-Jahren sind Wohnungen hingegen bis ins kleinste Detail genormt. Ein Kinderzimmer hat sechs Quadratmeter, in der Einbauküche ist alles auf engstem Raum untergebracht. Flexibel ist das nicht, wie sich heute zeigt, wo die Kleinfamilie mit zwei Kindern zum Auslaufmodell geworden ist.
Wenn im Haus Hoinka eine Familie in einer Haushälfte wohnt, befinden sich im ersten Obergeschoss Wohnzimmer, Esszimmer und Küche und im zweiten die Schlafräume. Wenn aber die Kinder erwachsen sind und ausziehen, lässt sich die Wohnung leicht teilen. Die obere Etage kann getrennt vermietet werden. Bäder und Anschlüsse für die Küche sind auf beiden Etagen vorhanden.
140 Quadratmeter: das klingt nach viel. Wenn dort aber vier Personen leben, sind das pro Kopf 35 Quadratmeter, das ist deutlich unter dem Durchschnitt, der in Deutschland mittlerweile bei fast 50 Quadratmeter liegt. Es handelt sich hier nicht um Sozialwohnungen, sondern um ein attraktives Angebot für Menschen, die sonst hinaus ins Grüne ziehen und somit weitere Flächen versiegeln würden.
Stärker verdichtet ist ein anderes Doppelhaus, das Kaiser Shen in Altbach bei Esslingen bauen. Hier bringen sie elf Wohnungen in zwei in der Mitte verbundenen Häusern unter. Als Ersatz für die geringere Wohnfläche erhalten die Bewohner großzügige Gemeinschaftsräume, und der Flächenverbrauch pro Kopf ist trotzdem geringer. Zum Konzept gehört auch Carsharing. Doch nur weil das Haus zum Netz der IBA’27 gehört, war die Gemeinde bereit, auf einen Teil der vorgeschriebenen Tiefgaragenplätze zu verzichten.
„Unfertige Häuser“, die Ausstellung des Ateliers Kaiser Shen in der Architekturgalerie am Weißenhof, läuft noch bis 3. Oktober. Am heutigen Samstag findet eine Exkursion zum Haus Hoinka mit Weinprobe statt; Kosten: 20 Euro für Busfahrt und Wein, Anmeldung unter info@weissenhofgalerie.de
Die Publikation „Unfertige Häuser“ ist im Verlag Axel Menges erschienen und kostet 19,80 Euro.
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