■ Das Portrait: Jürgen Gramke
Neuer Wirtschaftsminister in Sachsen-Anhalt Foto: dpa
Die Berufung von Jürgen Gramke, Direktor des Kommunalverbandes Ruhr (KVR), zum Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt bringt dem frisch gekürten Ministerpräsidenten Reinhard Höppner (SPD) im Wahlkampfgetöse um seine Minderheitsregierung auf einem wichtigen Feld Entlastung: Auf verschreckte Investoren wirkt Gramke wie ein Anti-Panik-Mittel. Der langjährige KVR-Direktor, dessen „glänzende Kontakte“ zu den Vorstandsherren der deutschen Industrie selbst das Handelsblatt lobt, setzt für die Wirtschaftspolitik der neuen Regierung ein eindeutiges Signal: keine Experimente! Die Kapitalseite belastende rot-grüne Reformpolitik wird es mit dem 54jährigen promovierten Juristen gewiß nicht geben. Kooperation statt Konfrontation, lautet sein politisches Credo.
Der von ihm 1981 gegründete Verein „pro Ruhrgebiet“, eine Art Netzwerk zwischen Wirtschaft und öffentlicher Hand, zeugt davon ebenso wie seine führende Mitarbeit im von 66 Großunternehmen der Republik getragenen „Initiativkreis Ruhrgebiet“. Dieser Initiativkreis war die Antwort der deutschen Großindustrie auf die Rheinhausener Arbeiterproteste. Seht her, wir kümmern uns, lautete seinerzeit die Botschaft, und Gramke war als Koordinator sofort zur Stelle. Mit spektakulären Sport- und Kulturereignissen sollte das Image der wirtschaftlichen Krisenregion aufgewertet und die „weichen“ Standortfaktoren verbessert werden. Ohne solche Initiativen ist ein erfolgreicher Strukturwandel für Gramke undenkbar. Im Osten kamen seine Ideen nach der Wende an.
Rot-grüne Umbauvisionen sind dem designierten rot-grünen Wirtschaftsminister, der wegen der noch ausstehenden formellen Entlassung aus seinem bisherigen Dienstverhältnis erst im August seinen neuen Job antreten kann, völlig fremd. Klassische Wirtschaftsförderungspolitik, ergänzt um neue Initiativen zum Standortmarketing und zur Investorenbetreuung, viel mehr darf man von ihm nicht erwarten – vor allem keine „Grausamkeiten“ gegen die Kapitalseite.
Daß der mitunter innovative Verwaltungsfachmann überhaupt seinen sicheren Arbeitsplatz ohne Rückkehrgarantie zugunsten des rot- grünen Experiments aufgegeben hat, kam überraschend. Vielleicht half die Erkenntnis, daß sich die Chance für einen vergleichbaren Karrieresprung in Düsseldorf nicht bot. Walter Jakobs
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen