■ Das Portrait: Ritt Bjerregaard
In Dänemark steht kein Mensch der dreiundfünfzigjährigen Ritt Bjerregaard neutral gegenüber – entweder man haßt sie, oder man liebt sie. Als der Chef der dänischen Sozialdemokratie, Poul Nyrup Rasmussen, vor knapp zwei Jahren seine erste Regierung bildete, war der Aufmacher der Kopenhagener Tageszeitungen nicht diese oder jene Überraschung im neuen Kabinett. Was die Nation bewegte, war Ritt Bjerregaard. Sie hatte das Angebot abgelehnt, Verkehrsministerin zu werden; Begründung: Dieses Ressort interessiere sie nicht. Sie blieb außen vor.
Gleiches wiederholte sich bei der Regierungsbildung nach den Wahlen im September diesen Jahres. Auch diesmal wurde Ritt Bjerregaard nicht Ministerin, und wohl um die schillernde Figur loszuwerden, entsandte der blasse Rasmussen sie in die EU-Kommission. In Brüssel ist sie nun zuständig für Umweltfragen.
Als EG-Gegnerin und linke Sozialdemokratin mit einem Faible für feministische Themen war Bjerregaard 1971 zum ersten Mal ins Kopenhagener Folketing gewählt worden. Und schon im Herbst 1973 wurde sie als Bildungsministerin ins Kabinett berufen. Fünf Jahre später erreichte ihre Karriere den ersten Tiefpunkt: Angeblich war sie während eines Paris-Aufenthaltes im Hotel Ritz zu großzügig mit Steuermitteln umgegangen – der Rücktritt folgte. Aber schon 1979 kam Bjerregaard als Sozialministerin wieder. Und als die dänische Sozialdemokratie 1982 für zehn Jahre in die Opposition mußte, avancierte sie zur Fraktionsvorsitzenden. Schon Anfang der Achtziger galt sie als kommende Regierungschefin.
EU-Kommissarin für Umweltfragen Foto: Reuter
Aber im Herbst 1991 stolperte Bjerregaard erneut über ihre Extravaganz. Obwohl sie in der Provinzidylle Odense mit ihrem Mann eine Villa bewohnt, unterhielt sie in Kopenhagen eine Zweitwohnung mit acht Zimmern – ein Verstoß gegen eine Regel über die Wohnungsverteilung in Kopenhagen. Und ein willkommener Anlaß für biedere Parteifreunde und Boulevardpresse, sich erneut über den Lebensstil Bjerregaards aufzuregen. Ihre Abwahl als Fraktionsvorsitzende folgte prompt.
Linke oder EG-kritische Ansichten hat Bjerregaard längst abgestreift. Als EU- Kommissarin wird sie jede Gelegenheit zur Profilierung nutzen. Wenn sie dabei das betont grüne dänische EU- Profil zu ihrer persönlichen Imagegestaltung ausnutzt, wäre das für die EU-Umwelt vielleicht nicht das Schlechteste. Niels Rohleder
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