piwik no script img

■ Das PortraitMina

Das Phantom des Schlagers Foto: Cover

Das neue Mina-Album ist raus: Was hierzulande nur ein paar Hardcore-Fans interessiert, ist in der italienischen Heimat der Sängerin ein Medienereignis. Die Zeitungen rezensieren rauf und runter, und die TV-Abendnachrichten machen einen Beitrag daraus. Nur um das Cover vorzustellen und die Musik, denn die Interpretin fehlt. Und das schon seit fast zwanzig Jahren.

So lange ist es her, daß sich die Diva aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, und kaum einer hat sie seitdem zu Gesicht bekommen. Nach einer aufregenden Karriere, die sie in den sechziger Jahren durch die ganze Welt führte – Platten von ihr erschienen in ganz Europa, in Asien, in Nord- und Südamerika, selbst Pressungen aus Burundi sind bekannt – schwor die Sängerin Mitte der siebziger Jahre: „Nie wieder öffentlich.“ Seitdem lebt sie – so sagt man – in der Schweiz und produziert im eigenen Studio auf eigenem Label jedes Jahr für den Gabentisch ein neues Doppelalbum – that's it!

Und für keinen Betrag der Welt läßt die 54jährige sich aus ihrem Exil locken. Selbst als Fernsehzar Berlusconi ihr einst einen Blankoscheck für einen TV-Auftritt zukommen ließ, soll sie – so die Legende – das Papier verächtlich vom Tisch gewischt haben. Um so mehr richtet sich das Interesse alljährlich auf die neue Platte, einen Platz in den Charts hat sie regelmäßig sicher, und die sorgfältig gestalteten Cover werden inzwischen als Kunst ausgestellt: eine immer gleiche Mina-Maske in den abgründigsten Variationen, mal als Lolly, mal mit Vollbart, als Filmprojektor oder wie aktuell als Marie Antoinette mit nacktem Mann im Haarputz. Die Fans bleiben ihr treu, handeln alte Aufnahmen zu horrenden Preisen, geben alle drei Monate ein Magazin mit Mina-News heraus und treffen sich jährlich, um mit alten TV-Ausschnitten und neuen Platten dem Phantom zu huldigen.

Da gibt es viel zu tun, denn Mina singt alles: Jazz und Beatles-Songs, Rock und Schlager, Dramatisches und Schrilles. Nichts ist sicher vor ihr, und keinen Deut schert sie sich um Trends und Moden. Selbst als sie in den sechziger Jahren das deutsche Publikum mit Titeln wie „Tabu“ und „Heißer Sand“ heimsuchte, stieß sie nur auf Begeisterung, obwohl den Sinn dieser Texte bis heute niemand verstanden hat. Ein Mysterium war schon immer um sie, sogar in den Niederungen des deutschen Schlagers. Die Frau setzt immer wieder ihre eigenen Maßstäbe. Elmar Kraushaar

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen