Rohstoffe & Grüne Wende: Das Gas ist da. Der Wohlstand nicht
Mosambik setzt auf Milliardeninvestitionen in Erdgas. Doch die versprochenen Jobs und Entwicklungschancen für viele Menschen bleiben aus
Samuel ComéMaputo, Mosambik
Rund 3,5 Billionen Kubikmeter förderbares Erdgas sollen im Rovuma-Becken vor der Küste der Provinz Cabo Delgado im äußersten Norden Mosambiks lagern. Die Entdeckung der riesigen Vorkommen ab 2010 galt vielen als Chance, die Wirtschaft des Landes neu aufzustellen und die Lebensbedingungen der Bevölkerung zu verbessern. Doch für junge Menschen wie den 28-jährigen Abdul Amadeu ist die Hoffnung, dass das Gas der Provinz Cabo Delgado neue Chancen bringen würde, bislang nicht mehr als eine ferne Hoffnung geblieben.
Amadeu stammt aus der Stadt Palma im äußersten Norden von Cabo Delgado, nur wenige Kilometer von den LNG-Anlagen entfernt. Um einen Job zu finden, musste er trotzdem mehr als 2.000 Kilometer bis in die Hauptstadt Maputo ziehen.
„Ich verdiene hier nicht viel, aber es ist viel besser als zu Hause“, sagt Abdul Amadeu. Doch auch in Maputo fand er lediglich Arbeit auf einem Markt am Stadtrand der Hauptstadt.
„Wenigstens sitze ich hier nicht einfach herum und tue gar nichts“, sagt Amadeu.
Sein monatliches Einkommen in Maputo von rund 200 US-Dollar reicht immerhin dafür, etwas Geld an seine Familie in Palma zu schicken. Sein größter Wunsch ist es, eines Tages das Haus zu renovieren, in dem seine Mutter im Norden des Landes lebt.
Doch angesichts der großen Bau- und Entwicklungsprojekte, die er vor fast einem Jahrzehnt in Palma beobachtete, habe er nicht damit gerechnet, so viele Jahre später noch immer in so bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen zu stecken.
Geschichten wie die von Abdul gibt es in Mosambik häufig. Viele junge Menschen verlassen die Regionen rund um die Megaprojekte auf der Suche nach besseren Chancen in der Hauptstadt oder sogar in den Nachbarländern. Einen unmittelbaren Nutzen aus den Gasprojekten sehen sie für sich nicht.
In den Gemeinden des Distrikts Palma und anderen Teilen von Cabo Delgado prallt das Versprechen von Entwicklung durch die Gasprojekte auf die Lebensrealität vieler Einwohner:innen.
Die ohnehin extreme Armut scheint sich weiter verschärft zu haben. Zahlreiche Familien verloren ihre landwirtschaftlichen Flächen, weil Platz für Baustellen und andere Infrastruktur im Zusammenhang mit den Projekten geschaffen wurde. Die Zuteilung neuer Flächen sorgt für Unmut, weil die Gemeinden nun weite Wege zurücklegen müssen, um ihre Felder zu erreichen.
Noch düsterer wurde die Lage durch die Terroranschläge, von denen die Provinz Cabo Delgado geplagt ist. Sie führten zu massenhaften Vertreibungen, zerstörten Häuser und schränkten die wirtschaftlichen Aktivitäten erheblich ein.
Insgesamt werden die Investitionen in Mosambiks Erdgasprojekte auf mehr als 50 Milliarden US-Dollar veranschlagt. Die Einnahmen aus Flüssigerdgas (LNG) seit Beginn des kommerziellen Betriebs der schwimmenden Anlage Coral Sul FLNG im November 2022 und Dezember 2025 beziffert die mosambikanische Regierung auf insgesamt 252,8 Millionen US-Dollar.
Auch bei der Schaffung von Arbeitsplätzen waren die Erwartungen groß. TotalEnergies, das das als Area 1 bekannte LNG-Projekt betreibt, kündigte 2023 an, in den folgenden beiden Jahren mindestens 10.000 direkte Arbeitsplätze zu schaffen – insbesondere für die Bevölkerung des Distrikts Palma.
Für junge Menschen mit niedrigem Bildungsniveau wie Abdul Amadeu sind das nur leere Versprechen, die sich im Alltag ihrer Gemeinden nicht widerspiegeln.
„Mosambik ist kein Land, dem es an Ressourcen mangelt“, sagt Clésio Foia, Chefökonom der Wirtschaftsstiftung Fundec. Doch der Reichtum aus den natürlichen Ressourcen „hat sich bislang nicht in wirtschaftliche Entwicklung für die Mehrheit der Bevölkerung übersetzt“. Bestimmte gesellschaftliche Gruppen würden weiter ausgegrenzt, es fehle an politischen Maßnahmen, um die Interessen aller Teile der Bevölkerung zu berücksichtigen.
Der Forscher Justino Nhare sieht die strukturelle Armut und die Marginalisierung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen in Mosambik eng mit der Abhängigkeit des Landes vom Ausland verbunden. „Fast 22 Prozent unseres Haushalts hängen von ausländischer Hilfe ab“, sagt der Forscher. Solange das Land auf externe Mittel angewiesen sei, um Bereiche zu finanzieren, die eigentlich zu den Säulen nationaler Souveränität gehören sollten, sei es schwierig, die eigene Souveränität und die Interessen der lokalen Gemeinden zu verteidigen. Nhare verweist zudem auf das Ausmaß, in dem Mosambik ausländischen Gläubigern ausgesetzt ist.
Verschuldung müsse dem Land einen „tatsächlichen Ertrag bringen“, sagt Nhare. Die finanzielle Abhängigkeit Mosambiks aber schlage sich in politischer Abhängigkeit nieder und schränke den Handlungsspielraum des Landes bei wichtigen Entscheidungen in sensiblen Bereichen wie Gesundheit, Bildung und Infrastruktur ein.
Eine Studie des Centre for Public Integrity (CIP) untersuchte die unmittelbaren finanziellen Auswirkungen der mosambikanischen Erdgasprojekte. Im Mittelpunkt steht dabei auch die Tatsache, dass der Staat Kredite von rund 1,4 Milliarden Dollar aufnehmen musste, um seine Beteiligung am Konsortium des Gasprojekts Area 4 zu sichern. Nur so konnte die staatseigene Empresa Nacional de Hidrocarbonetos (ENH) in Area 4 einsteigen.
Den Berechnungen des CIP zufolge wird die staatliche Beteiligung an Coral Sul dem Staat erst ab 2033 nennenswerte Nettoerträge bringen. Bis dahin werden die Dividenden der ENH vollständig zur Bedienung der Schulden verwendet.
„Ich hoffe einfach, dass sich die Dinge eines Tages ändern“, sagt Abdul Amadeu. Inzwischen versucht er seine Träume fernab der Gas-Megaprojekte zu verwirklichen. „Sie sagen, wir seien ein Land mit vielen Ressourcen. Aber in der Praxis sieht man davon nichts. Wenn wir wenigstens Arbeitsplätze hätten, könnten wir den Rest selbst in die Hand nehmen“, sagt er.
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