: Das Erbe des Cellisten
Wolfgang Boettcher war Solo-Cellist der Berliner Philharmoniker und ein gefragter Lehrer. Vor fünf Jahren starb der Musiker. Unser Autor macht sich auf die Suche nach dem, was von ihm weiterlebt
Aus Oldenburg und Berlin Felix Zimmermann
Wie nähert man sich jemandem, der nicht mehr lebt, den man aber gerne kennengelernt hätte? Man sucht, was er hinterlassen hat.
Vor etwa anderthalb Jahren habe ich zum ersten Mal von dem Cellisten und Cellolehrer Wolfgang Boettcher gehört. Und seitdem lässt er mich nicht mehr los. Ich kam ihm durch meinen Cellolehrer auf die Spur, der einen Meisterkurs bei dem damals über 70-jährigen Professor besucht hatte. Das hat meinen Lehrer geprägt, immer wieder erzählt er davon, gibt mir im Unterricht Boettchers Anregungen für die Bogenhaltung und lässt ihn in diesem schmalen Zimmer der Musikschule Oldenburg präsent werden. Einen Menschen, der mit seinen Schülern konzentriert das Haydn D-Dur-Konzert übte und später mit ihnen Lieferpizza direkt aus der Pappschachtel aß.
Wolfgang Boettcher, 1935 in Berlin geboren, seit 1958 Cellist bei den Berliner Philharmonikern, Mitgründer der Musikgruppe 12 Cellisten und von 1976 an Professor an der damaligen Hochschule der Künste. Er trat weltweit als Solist auf, aber selbst wenn er abends nach einem langen Flug aus Japan zurückkam, wo er einmal mit der japanischen Kaiserin eine Chopin-Sonate spielte, stand er am nächsten Morgen um acht in Raum 114 der HdK an der Fasanenstraße in Charlottenburg und unterrichtete. Er hat eine ganze Generation von Cellistinnen und Cellisten geprägt. Wer in einem Konzertsaal sitzt und ein Sinfonieorchester hört, trifft ziemlich sicher auf jemanden, der bei ihm gelernt hat. Allein die Cellogruppe der Berliner Philharmoniker besteht zur Hälfte aus seinen Schülern und einer Schülerin.
Am 24. Februar 2021, einem Mittwoch vor fünf Jahren, starb Wolfgang Boettcher, 86-jährig und doch überraschend. Am Morgen hatte er noch, wie jeden Mittwoch seit einigen Wochen, einen Spaziergang mit einem engen Freund gemacht.
Was kann man finden über jemanden, der kein Bildhauer war, sondern Cellist? Töne, die er gespielt hat, sind verklungen.
Ich beginne zu forschen, finde das Buch „Jawoll!! Wolfgang Boettcher in memoriam 1935–2021“, das seine Weggefährten zusammengestellt haben, herausgegeben von seinem Schüler Claus-Ulrich Bader. „Jawoll!!“, das habe Boettcher immer in dem Moment nach dem letzten Ton eines Schülervorspiels in den Applaus hinein gesagt, erfahre ich. Das Buch umfasst 324 Seiten voller Anekdoten, voller Liebe und Sympathie.
Ich verwandle mich in einen schwärmenden Anhänger, kaufe antiquarisch das Buch „Das Violoncello. Geschichte, Bau, Technik, Repertoire“, das Boettcher mit dem Musikpädagogen Winfried Pape herausgegeben hat. Ich lese alles und werde zum Boettcherianer. Gäbe es Boettcher-Bettwäsche, ich würde sie kaufen. In besonders tief empfundenen Momenten denke ich sogar, dass etwas von der Spielkunst Wolfgang Boettchers auch auf mein Spiel abfärben müsste, sehe mich – völlig unangemessenerweise – in einer Ahnengalerie, da ja schließlich mein Lehrer mir weitergibt, was er von Boettcher gelernt hat. Dabei ist mein Spiel immer noch ein trauriges Gekratze, die Finger suchen ständig die richtigen Töne, und ich müsste Boettchers Bogenübungen noch sehr oft machen, um, wie er es formulierte, „einen schlackenlosen Ton aus dem Instrument zu ziehen“.
Ich rufe Marie Kogge an, eine Tochter Boettchers. Sie erzählt von ihrem Vater, den entbehrungsreichen Kriegsjahren, der frühen Prägung durch seinen Patenonkel, in dessen Haus er Gini, seine Frau, kennenlernte, dem Leben in der Musikerfamilie, einem offenen Haus, voller Großzügigkeit und Schülerinnen und Schülern, die ein und aus gingen.
Kogge ebnet mir den Weg zu Schülern; ich telefoniere mit Wen-Sinn Yang, Ende der 80er Jahre Schüler bei Boettcher und seit Jahren Celloprofessor in München. Sein Lehrer sei immer noch präsent, sagt Yang am Telefon, „gerade heute wieder“, da hat er mit einer Gruppe seiner Klasse eine Bearbeitung des Schumann-Konzerts von Boettchers Lehrer Richard Klemm gespielt. Da klingt dann Boettcher mit; Yang lehrt, was er von ihm gelernt hat, bewahrt es. „Es gibt ein paar Stellen, da höre ich ihn“, sagt Yang. Im Dvořák-Konzert zum Beispiel die ersten Akkorde des Solocellos. Dass man die „nicht oink, oink, oink spielt“ – so ungefähr macht Yang es vor –, sondern alle Töne gleichzeitig, den Bogen also mit viel Haar in der Nähe des Griffbretts über die Saiten zieht.
Ich erzähle, dass ich gerade die e-Moll-Sonate von Brahms lerne, Yang hat sofort eine Geschichte von Boettcher parat: Dass der für die ersten drei Noten den Bogen hin und her gestrichen habe – so bekomme das wichtige Achtel, ein H, den Charakter, den es braucht. „Ich war von den Socken, als ich das sah“, sagt Yang. Es war neu, „aber es war wunderbar“. Yang war dabei, ein Kammerkonzert in der Zehlendorfer Kirche, in der Boettcher oft mit seinen Schwestern im Trio auftrat. Boettcher spielte den Brahms mit frisch gebrochenem Schlüsselbein. Als ich meinem Lehrer davon erzähle, sagt er: „Der konnte einfach alles.“ Und ich probiere, die ersten drei Noten in der Sonate boettchersch zu spielen.
Ich rufe Daniel Kogge an, Marie Kogges Ehemann, Boettchers Schwiegersohn und Geigenbauer. Er hat Boettchers Instrumente gepflegt, gerichtet, betreut. Ich frage ihn, ob nicht in den Celli, die Boettcher spielte, sein Klang eingeschrieben sein müsste und mitschwingt, wenn heute andere auf diesen Instrumenten spielen.
Kogge findet das nicht abwegig. Ein Instrument müsse ja gespielt werden, sonst verliere es seinen Klang. Folglich müsste der Klang dessen, der es lange gespielt hat, darin sein. Vielleicht schwebt er wie eine Wolke über dem Instrument. Daniel Kogge erzählt, dass Boettcher früh bei ihm eine Kopie eines seiner Celli in Auftrag gegeben habe. Dieses Cello wird inzwischen von einer kubanischen Cellostudentin gespielt, Boettchers Familie hat es ihr geliehen, damit sie für die Ausbildung ein gutes Instrument hat.
Wie schön, dass auch so sein Geist fortlebt. „Das wäre in seinem Sinne gewesen“, sagt Kogge, der Schwiegersohn und Geigenbauer, „er glaubte an die Jugend und wollte sie fördern.“ Vielleicht, denke ich, tritt sie mal irgendwo auf, dann kann ich Boettchers Töne hören.
Mit Knut Weber, Boettcher-Schüler und Cellist der Berliner Philharmoniker, telefoniere ich ebenfalls. Er spricht voller Wärme über seinen Lehrer, der ihn für das Vorspiel bei den Philharmonikern vorbereitet hat und bis zum Diplom führte. Weber hat einige der Zettel aufgehoben, auf die Boettcher Notizen schrieb, während seine Schüler vorspielten. Manchmal nur ein paar Noten, eine umkringelt, über die es etwas zu sagen gab. „Das ist sein Erbe“, sagt Weber. Wenn sie mit den 12 Cellisten unterwegs sind und einer spielt etwas so, wie Boettcher es gespielt hätte, dann denken sie an ihn, unwillkürlich.
„Er hat uns bestärkt und nicht verformt“, sagt Weber, weshalb es den einen Boettcher-Klang in der Philharmonie nicht geben kann. Die, die dort spielen und bei ihm studiert haben, sind eigene Charaktere. „Es ist ein subversiver Ton, der uns verbindet. Sein Geist, nichts Ausgesprochenes.“ Durch diesen schönen Satz mildert Weber einen leichten Anflug von Enttäuschung, den ich verspüre. Boettchers Töne mögen in seinen Instrumenten gespeichert sein, in der Philharmonie selbst aber klingen sie nicht.
Knut Weber, Boettcher-Schüler und Cellist
Elke Funk-Hoever schickt mir Notizzettel, von denen Knut Weber sprach. Sie ist Cellistin der Münchner Philharmoniker, zwischen 1987 und 1994 war sie Boettchers Studentin. Sehr freundlich ist sie am Telefon, wie alle, die über Boettcher reden wollen. Sie sagt: „Tja, das färbt ab.“ Es ist eine Gemeinschaft entstanden, viele wissen voneinander, leben die Art ihres Lehrers fort, verstehen sich aber nicht als elitärer Zirkel, sondern sind glücklich, das erlebt zu haben und davon berichten zu können. „Er schwirrt immer rum“, sagt Funk-Hoever, auch fünf Jahre nach seinem Tod. Zu einer Stelle im Schumann-Konzert schrieb er ihr „langes As zu flach/Allegro As-Dur Dreiklang c zu kurz!/rasch + feurig: bravo! Ja!!!“ Und sie weiß genau, was er meinte, heute noch.
Etwas Greifbares, findet sich das? Marie Kogge hatte mir noch empfohlen, ins Archiv der Universität der Künste zu gehen, dort lagert Wolfgang Boettchers Nachlass. Noten mit Fingersätzen, Notizen, Kadenzen. Leider ist das Archiv wegen Umbaus bis auf Weiteres geschlossen. Es kann also noch dauern, ehe ich etwas in die Hände bekomme.
So lange verfeinere ich meine Bogentechnik, probiere die ersten drei Noten in der e-Moll-Sonate von Brahms, wie der Meister sie spielte. Auch wenn mein Lehrer einen anderen Fingersatz besser findet.
Und ich hoffe, dass mir jemand das Video von Boettchers letztem öffentlichen Auftritt in der Zehlendorfer Kirche schickt. Eine Bach-Suite spielte er dort. Ich hätte hingehen können. Ich wohnte damals in derselben Stadt wie er. Am 7. Februar 2001 war das.
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