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Das Buch als Räuberhöhle

Eric Ehrhardt nimmt die Sprache gehörig in die Mangel: Sein Band „Im Klauhof“ setzt auf die erkenntnisstiftende Kraft von Albernheit

Von Michael Wolf

Ein Dieb ist mit einem Falschspieler zu vergleichen, nicht aber mit einem Spielverderber. Letzterer stößt das Brett frustriert vom Tisch. Der Falschspieler dagegen nimmt das Spiel, ebenso wie der Dieb die Eigentumsverhältnisse, maximal ernst, indem er gegen die Regeln verstößt. Ihr Bruch ist geradezu konstitutiv für die Norm, das Gesetz hat die Verbrecher nötiger als die Polizei. Und die Literatur braucht jene, die Sprache kaputtmachen, umformen, in die Mangel nehmen. Für beides, den Diebstahl und die artifizielle Verhunzung der Sprache, bietet sich nun Eric Ehrhardt als Experte an. Der 1989 in Magdeburg geborene Autor studierte Philosophie, Germanistik und Gräzistik in Leipzig, Basel und New York und lebt mittlerweile in Zürich.

In seinem Band mit dem schon ganz lustigen Titel „Im Klauhof“ und dem noch lustigeren Untertitel „Nach einer Warenbegebenheit“ schickt er einen ebenso professionellen wie leidenschaftlichen Ladendieb mit seinem besten Freund, dem Rucksack Schlucki, durch ein „Einkaufsparadies“. Es kommen gleichwohl eher Assoziationen zu Dantes Schilderung der Hölle auf, wenn Ehrhardt seinen langfingernden Helden über Konsum, Eigentumsverhältnisse und „Werbekrieg“ sinnieren lässt. Das Militärische ist eines der hauptsächlichen Motivfelder, auf denen Ehrhardt seine Wortneuschöpfungen weidet, denn: „Kaufen ist Krieg, Klauen ist Kampf“. Sein Erzähler blättert im Handbuch der „Infamterietaktik“ und zitiert den Klassiker „Vom Kriegen“ des „Crall von Clauewitz“. Das diebische Verfahren spiegelt sich im poetologischen. Da fehlt der ein oder andere Buchstabe oder er wurde ersetzt durch einen, der irgendwo anders mal vom Laster gefallen war.

Eric Ehrhardt: „Im Klauhof“. Ritter Verlag, Klagenfurt 2026. 152 Seiten, 21 Euro

Dieses Buch ist eine Räuberhöhle, in der viel gelacht wird, doch in deren Zwielicht man sich auch leicht verirrt. Mit seiner Verstiegenheit passt der Band bestens ins Programm des Klagenfurter Ritter Verlags, eines der vornehmsten Häuser für Abseitiges und Experimentelles. Das Verlegen von Avantgarde hat am Wörthersee Tradition und man hat hier noch nie ein großes Gewese drum gemacht. Ehrhardts Stil, der schulterzuckend zwischen Lyrik und Prosa herumlungert, setzt auf die erkenntnisstiftende Kraft von Albernheit, ja Impertinenz. Man denkt bei der Lektüre an Elfriede Jelinek, die dem Kalauer zu Nobelpreisehren verhalf, oder auch an den frühen Ernst Jandl. Beide Vorbilder stehen für eine produktive Delinquenz. Die Irritation über das Falsch- und Schiefklingende macht bei ihnen den Blick frei auf die Verfahren, mit denen sich Sprache über die Wirklichkeit legt, mit denen sie Grauen und Unrecht verschleiert, leugnet, beschönigt.

An diese Tradition anschließend gibt sich „Im Klauhof“ als aufklärerisches Werk zu erkennen, doch um zu bestimmen, was denn hier nun beleuchtet wird, fehlt die notwendige Klarsicht. Der Text ist dermaßen dicht und dabei so verliebt in die eigene Motivik, dass er der Leserschaft seine höhergehenden Wahrheiten kaum offenbart. Das ist jedoch nur ein Mangel für jene, die glauben, man müsse alle Bücher von vorne bis hinten oder überhaupt lesen. Im Falle von „Im Klauhof“ ist ein anderes Verfahren angeraten, auf das auch die kryptografischen Illustrationen von Handzeichen hinweisen, mit denen der Autor sein Buch versehen hat. Nein, nicht notwendigerweise zum Durchlesen ist dieses Buch gedruckt worden, wohl aber zum Aufschlagen, zum Bestaunen all der Wortmonster und Satzungetüme – oder sogar, ins Performative strebend: zum Mitgehenlassen. Wer dieses Buch klaut, beweist Bildung und guten Geschmack!