piwik no script img

Dackel über Bord

Der versponnene Krakenzüchter. Die etwas andere Fortsetzungs­geschichte (Teil 6). Heute: Klabautermann am Steuer

Spione geben gern so manchen Laufpass aus Foto: ap

Von Christian Bartel

Was bisher geschah: Heinz-Hermann beschäftigt sich mit seltsamen Dingen und mit Kraken und Spinnen. Und er geht Anrufen seines Vaters aus dem Weg, der ein Meisterspion war. Doch dann erscheinen Herbert Hermann und die Stimme von Freddy Quinn, die Heinz-Hermann auf die Große Freiheit nach Hamburg locken, wo er seinem mörderischen Hausarzt in die Falle geht, als ihn die beliebte Volksschauspielerin Jutta Speidel oder Susanne Uhlen rettet und in einen schweren Perserteppich einwickelt …

„Nächster Halt: Elbphilharmonie“, knarzte es aus den Lautsprechern der meuternden Nahverkehrsbarkasse, die sich längst nicht mehr an Fahrpläne oder internationales Seerecht gebunden fühlte. Das Schiff folgte einem fahnenflüchtigen Algorithmus oder stand unter dem Einfluss eines schwer depressiven Klabautermanns, das war im ewigen Nieselregen der Hansestadt nicht auszumachen. „Wir sind jedenfalls verloren!“, keckerte der abgesetzte Käpt’n Tietsch seinem einzigen Passagier ins Ohr. In seinen Augen glomm der Wahnsinn, in seinem Bart glommen Zündschnüre, wie sie auch der Pirat Edward Teach bei der Arbeit getragen hatte. Dem eiferte der brave Tietsch seit seiner Jugend nach, doch weigerte sich die britische Marine bislang, ihn wegen Piraterie zu enthaupten.

„Wenigstens kein Musical“, seufzte Heinz-Hermann, als die Hafenfähre am verfluchten Operettenpalast vorbeiglitt. Das Schiff habe ihn einmal gezwungen, einer zwölfstündigen Musical-Version der Barschel-Affäre beizuwohnen, ein anderes Mal sei das Crooks-Fluktuationstheorem von singenden Katzen erläutert worden, gickelte der irre Käpt’n Tietsch. Heinz-Hermann zögerte. In dieser Kathedrale der Hochkultur hatte er seinen geliebten neunarmigen Oktopus Putzi verloren und sich geschworen, keinen Schritt mehr in das preisgekrönt klotzige Konzertgebäude zu setzen. Doch als der Krakenzüchter den Landgang verweigerte, drohte die Fähre, die Docks von Blohm+Voss anzusteuern, in denen das Musical „Der Untergang der Gabriel“ gegeben wurde. Aus Kostengründen waren die Biografien der ungleichen Brüder Sigmar und Gunter zu einem einzigen Singspiel für zwei havarierte Dickschiffe verarbeitet worden, und dieses Event wollte Heinz-Hermann unbedingt verpassen.

Schweren Herzens sprang der Krakenzüchter an Land. Käpt’n Tietsch folgte ihm, doch war der Seebär festem Boden so entwöhnt, dass er sich zunächst kriechend fortbewegen musste.„Im kleinen Saal spielt das NDR-Gamelanorchester das Beste aus den Neunzigern und von heute“, trug er aus dem reichhaltigen Programm vor. „Während im großen Konzertsaal das geheime Zusatzprotokoll zu Schuberts Forellenquintett uraufgeführt wird. Es singt der Unterwasserchor der britischen Marine unter Leitung von Admiral Nelson.“

Heinz-Hermann erstarrte. Schuberts geheimes Zusatzprotokoll! Der sechste Satz! Technisch war er so anspruchsvoll, dass ihn der Komponist seinen Forellen nicht zugetraut und heimlich für einen „muntern Kraken“ geschrieben hatte. In der molluskenfeindlichen Wiener Musikwelt des 19. Jahrhunderts eine Unerhörtheit! Aber sogar die achtarmigen Wunderweichtiere waren an den höllischen Arpeggien gescheitert. Deswegen hatte Heinz-Hermann eigens einen neunarmigen Oktopus gezüchtet, der das Werk zur Einweihung des Musentempels hatte spielen sollen, doch war Putzi schon bei der Generalprobe vor Anstrengung implodiert.

Auch Käpt’n Tietsch erstarrte, wenn auch aus anderen Gründen. Näher war er der britischen Marine nie gekommen – und jetzt konnte er sich womöglich von Admiral Nelson persönlich enthaupten lassen.„Har, Har, Har!“, rief er nach Piratenart und zückte seinen Säbel, um das Kassenhäuschen zu entern. Doch Heinz-Hermann zeigte den QR-Code vor, den Dr. Quentin-Hinrich Salber in seine Hand geritzt hatte, und beide erhielten Einlass und ein Softgetränk ihrer Wahl.

Durch Kavernen stiegen die Besucher in den Konzertsaal hinab, den die Pfeffersäcke in den Elbschlick hatten graben lassen. An den Wänden wuchsen Entenmuscheln, knöcheltief stand das Brackwasser im Parkett. An der hydraulischen Wasserorgel auf der Empore thronte ein riesenhafter Oktopus, der nicht acht, sondern neun Arme über die Manuale gleiten ließ, um dem Instrument Musik von elysischer Schönheit zu entlocken. „Putzi“, hauchte Heinz-Herrmann. Er begann zu schluchzen, und der verrückte Kapitän kollerte wie ein Truthahn, um seiner Ergriffenheit Herr zu werden.

Spione geben gern so manchen Laufpass aus Foto: ap

„Heinz-Hermann und Captain Tietsch, nehme ich an“, riss eine befehlsgewohnte Stimme die beiden Männer aus ihrer Andacht. „Admiral Nelson“, gluckste Käpt’n Tietsch, doch Heinz-Hermann ließ sich nicht täuschen. Zwar hatte sich „Signore Krell“ einen britischen Akzent zugelegt, um seine sächsische Herkunft zu verschleiern, und sogar einen Arm und ein Bein abnehmen lassen, um dem Seehelden zu ähneln, doch vor ihm stand eindeutig sein alter Erzfeind Krell, die Nemesis von Neschwitz.

Fortsetzung demnächst

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen