Coronakrise im Himalaya: Bergung der Kältetoten

Aufstiege zum Mount Everest ruhen derzeit. Bergführer fordern, die Pause zu nutzen. Doch China plant schon neue Expeditionen.

Bergsteiger-Karavane unterhalb von Lager vier

Bild aus besseren Tagen: Bergsteiger-Karavane unterhalb von Lager vier Foto: dpa

Von Nepal aus finden derzeit keine Versuche statt, den Mount Everest zu besteigen. Wegen der Coronakrise hat die Regierung alle Berg- und Trekkingtouren im Himalaya untersagt, und auch China hat, zumindest für Ausländer, Aufstiege ausgesetzt. Nun fordert der unabhängige Bergführerverband Nepal Mountaineering Association, die erzwungene Auszeit zu nutzen, um Müll vom Everest hinunterzutragen – und auch, um Tote zu bergen.

Hauptleidtragende der ausgefallenen Saison sind die Sherpa in der Khumbu-Region um den Everest. Allein die Zahl der Träger, Berg- und Wanderführer beträgt etwa 10.000. „Der Frühling ist für uns die Hauptsaison, in der wir unser Geld verdienen, mit dem wir dann den Rest des Jahres überleben können“, sagte der freiberufliche Bergführer Passant Rinzee Sherpa dem Onlinedienst Rock and Ice.

Daher wollen die Bergführer nun die Auszeit sinnvoll nutzen. „Dies ist der goldene Moment für die Regierung“, sagte Kami Rita Sherpa der Tageszeitung Kathmandu Post. Rita Sherpa ist in Nepal eine Bergsteigerlegende: 24 Mal war er auf dem Everest, damit ist er Weltrekordhalter, er sagt:. „Bei der Everest-Aufräumaktion könnten mindestens 25 Prozent der Bergführer und Träger, die sonst ohne Aufträge dastehen, beschäftigt werden.“

300 Tote insgesamt

Das Problem, das Rita Sherpa und der Bergführerverband in dieser Krisenzeit lösen möchten, drängt schon seit Jahren. Everest-Besteiger berichten immer wieder von auf dem Weg liegenden Leichen, die sie passieren müssen. Wer in der sauerstoffarmen Todeszone über 7.500 Meter Höhe umkommt, wird so gut wie nie geborgen. Etwa 300 Bergsteiger sind schon am Everest zu Tode gekommen.

Gerade der Boom der vergangenen Jahrzehnte hat das Risiko steigen lassen. Agenturen bieten geführte Touren mit „Gipfelgarantie“ an, auch für weniger erfahrene Bergsteiger. Im vergangenen Jahr kamen auf der nepalesischen Seite neun, auf der chinesischen Seite zwei Bergsteiger um – so viel wie in den vergangenen vier Jahren nicht.

Ein weiteres großes Problem ist der auf dem Berg zurückgelassene Müll. Gerade leere Sauerstoffflaschen, aber auch Zelte, Seile, Essens- und Getränkedosen lassen westliche Bergsteiger oft oben. Zwar hat die nepalesische Regierung für die Sauerstoffflaschen ein teures Pfandsystem eingeführt, aber zu einer vollständigen Rückgabe führte das nicht.

Touristisches Desaster

Der Bergführerverband hat ausgerechnet, dass eine konzertierte Bergungs- und Aufräumaktion drei Monate dauern und die Regierung umgerechnet etwa acht Millionen Euro kosten würde. „Wir können nicht sagen, wie viele Leichen geborgen werden können“, sagt Rita Sherpa, „aber für die Spezialisten in diesen hohen Höhen gäbe es dann keinen Druck, auf ein günstiges Wetterfenster zu warten.“

Will sagen: Totenbergungen finden sonst nur selten und nur nach der Saison statt, denn solche Aufstiege zu Zeiten, wenn es das Wetter am besten erlaubt, kollidieren mit zu vielen Bergtouristen, die unterwegs sind, geführt von den wenigen nepalesischen Spezialisten. Nun aber ruht der Everest-Tourismus zum günstigsten Aufstiegszeitpunkt im Jahr. „So eine Möglichkeit wird es in Zukunft kaum noch geben“, sagt Rita Sherpa. Zu finanzieren sei die Aufräumaktion, wenn die Regierung das Geld für ihre derzeit auf Eis gelegte teure Tourismuskampagne „Visit Nepal 2020“ umwidme.

Schon 2015 war für Nepal ein Katastrophenjahr, bei einem ein verheerenden Erdbeben kamen 9.000 Menschen um. Auch am Everest selbst hatte eine durch das Beben ausgelöste Lawine mindestens 18 Bergsteiger getötet. Der Tourismus war völlig zum Erliegen gekommen. Seither hatte die Regierung in Kathmandu daran gearbeitet, den Ruf Nepals als Bergsteiger- und Trekkerland wiederherzustellen. 2019 kamen 1,2 Millionen Touristen, für dieses Jahr wollte man dank „Visit Nepal 2020“ zwei Millionen Touristen begrüßen, es wären Einnahmen von umgerechnet 600 Millionen Euro gewesen.

Wegfall der Einnahmequelle

Für Nepal, das zu den ärmsten Ländern der Erde zählt, ist der Ausfall der Alpintouristen ein enormes Problem. Allein durch den Verkauf der „Permits“ für den Everest-Aufstieg – eine Erlaubnis kostet 11.000 Dollar – erhält die Regierung jährliche Einnahmen von vier Millionen Dollar. Dabei ist das nur ein kleiner Batzen. In einigen Dörfern und Städten ist der Bergtourismus die einzige Einnahmequelle. 28 Millionen Einwohner hat Nepal, eine Million davon ist unmittelbar im Tourismus beschäftigt, indirekt hängen wesentlich mehr an ihm.

Santa Bir Lama, Präsident der Nepal Mountaineering Association, berichtet, dass er mit dem Vizepremierminister Ishwar Pokhrel über die Forderung seines Verbandes spricht. Wenn man die Chance jetzt ergreife, könnte man die alpinistischen Bedingungen am höchsten Berg der Erde für die nächsten Jahre verbessern, so Bir Lama. „Der Everest kann immer noch Arbeitsplätze schaffen.“

Derweil berichtete die nepalesische Tageszeitung Himalayan Times, dass die Ruhe am Mount Everest bald doch unterbrochen wird. Eine 26-köpfige Expedition aus China, 20 Männer und sechs Frauen, will über die Nordseite auf den Gipfel. In der ersten Aprilwoche geht es in der tibetischen Hauptstadt Lhasa los, im Mai will die Gruppe oben stehen.

Die Zeitung berichtet auch, dass sich einheimische Bergführer nicht mehr einer 14-tägigen Quarantäne unterziehen müssten. Mit der Forderung, für die die nepalesischen Bergführer streiten, die Krise als Chance zu nutzen, verträgt sich das kaum.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben