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Christian Kreis Antischreibworkshop

Foto: Illustration:

Ich hatte mich wieder mal für einen Schreibworkshop an einer Schule beworben, weil ich es als eine wichtige Aufgabe erachte, junge Menschen für das Lesen von Büchern und für das Schreiben zu begeistern. Das ist – genau genommen – komplett gelogen, doch wenn man in der Bewerbung zugibt, dass man mit Kindern nicht so viel anfangen kann, entsteht schnell der Eindruck, für den Job gar nicht geeignet zu sein.

Ein Kanalarbeiter macht seine Arbeit schließlich auch nicht, weil er sich für Kacke begeistert. Obwohl es sicher welche geben mag, die da eine gewisse Neigung entwickelt haben, sollte zumeist Geld die primäre Motivation sein, sich mit irgendwelchen Kindern zu beschäftigen.

Kinder finde ich ja seit meiner Kindheit anstrengend. Unter anderem sind sie unangenehm ehrlich, was solche Kurse extrem kräftezehrend macht und manchmal auch angsteinflößend, wodurch sich dann Schweißränder unter den Achseln ergeben.

Einmal meldete sich ein Schüler, zeigte auf mein Hemd und rief vollkommen zu Recht: „Herr Kreis, Ihr Deo hat versagt.“ Sein Banknachbar teilte mir außerdem mit, dass der Kurs ihm überhaupt keinen Spaß machte. Immerhin hatten wir nun für unsere weitere Zusammenarbeit wenigstens etwas gemeinsam.

Das neue Projekt heißt „Kindsein in Sachsen-Anhalt.“ Eine seltsame Bezeichnung für einen Schreibworkshop. Andererseits, wenn man sich vor Augen führt, was es bedeutet, in Sangerhausen oder Dessau aufzuwachsen, kann man es auch schon wieder nachvollziehen. Wem als Kind ein solches Schicksal beschieden ist, der wird ganz sicher den Drang verspüren, dies auch literarisch zu verarbeiten.

Dabei sollen ihm Autoren aus Sachsen-Anhalt zur Seite gestellt werden. Ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee ist. Erfolglose Schriftsteller, die in diesem Bundesland kleben geblieben sind, ohne didaktische Ausbildung, die berufsbedingt psychische Probleme haben und nicht selten auch ein alkoholisches, sollen an Schulen junge Menschen für das Schreiben begeistern?

7.35 Uhr stand ich völlig kaputt vor der Klasse. Sie fragten mich, ob ich vom Schreiben leben könne. Ich berichtete wahrheitsgemäß. Eine Schülerin meldete sich daraufhin, guckte mich mit einem Blick an, der mich entfernt an den meiner Mutter erinnerte, und fragte: „Wie hält man das bloß aus?“ Ich antwortete: „Mit Bier.“

Dann lachte ich, als hätte ich einen Scherz gemacht. Schließlich saß noch die Deutschlehrerin in der letzten Reihe, weshalb ich etwas fabulierte von der Kunst, mit der Freiheit umzugehen, und von den Chancen eines kreativen Lebens. Schaden anrichten würde es nicht, es war offenkundig, dass mir die Schüler das überhaupt nicht abkauften.

Zum Abschied bedankte sich die Lehrerin. Sichtlich froh darüber, wie gut ich ihrer Klasse zeigen konnte, was passiert, wenn man keinen vernünftigen Beruf ergreift.

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