: Chaos für den Umweltschutz
In der indischen Hauptstadt Delhi müssen Busse, Taxis und Lastwagen jetzt mit Gas betrieben werden. Die Folge: Der öffentliche Verkehr bricht völlig zusammen
DEHLI taz ■ In den Straßen der indischen Hauptstadt Delhi herrscht in diesen Tagen ein Verkehrschaos – nicht wegen zu vielen, sondern zu wenigen Fahrzeugen. Am 1. April trat eine Order des Obersten Gerichts in Kraft, wonach Busse, Drei- und Vierradtaxis sowie Lastwagen nur dann auf die Straße dürfen, wenn sie einen gasbetriebenen Motor unter der Haube haben.
Doch von den 12.000 Bussen haben nur 2.200 den vorgeschriebenen Erdgas-Tank und nur ein Viertel der 130.000 Taxis. Das Resultat waren Menschenansammlungen an den Haltestellen und Busse, die wie Bienenwaben aussahen. Viele Passagiere fanden auf dem Dach Platz, andere klammerten sich mit einer Hand und einem Fuß an den Türrahmen, während sich die Letzten auf die Stoßstangen schwangen und an Fenstergittern festhielten.
Delhi mit seinen 14 Millionen Einwohnern ist eine der Weltstädte mit der stärksten Luftverschmutzung, weil beinahe der gesamte Transport auf den Straßen läuft. Mit 3 Millionen Motorfahrzeugen hat die Hauptstadt mehr Autos als die Großstädte Kalkutta, Bombay und Chennai zusammen.
Erst vor zwei Jahren begann die Stadt mit dem Bau einer Hoch- und U-Bahn, nachdem sie 20 Jahre Pläne gewälzt hatte. Die bürokratische Untätigkeit wird dadurch kompliziert, dass Delhi drei verschiedene Behörden hat, eine städtische, jene eines Bundesstaats und die Zentralregierung. Wenn diese – wie heute der Fall – von verschiedenen Parteien kontrolliert werden, bieten sich prächtige Gelegenheiten, den Gegner zu blockieren.
Angesichts der dramatischen Zunahme von Erkrankungen der Atemwege vor allem bei Kindern nahm schließlich das Oberste Gericht das Heft in die Hand. Nach Anhörung von Experten entschied es kurzerhand, dass CNG („Compressed Natural Gas“) die umweltfreundlichste Energieform darstelle. Am 28. Juli 1998 gab es den Behörden 18 Monate Zeit, um die gesamte Busflotte und die Taxis umzurüsten. Wie üblich nahm kaum jemand von der Direktive Notiz, umso mehr als das Gas damals nur an drei Tankstellen erhältlich war. Gleichzeitig lancierte die Autoindustrie eine Kampagne, die zeigen sollte, dass der Dieseltreibstoff, der den Euro-II-Normen gehorchte, sehr umweltfreundlich ist.
Doch das Gericht blieb stur, wies die Diesellobby ebenso ab wie die Regierung, die mehrmals um eine Fristverlängerung nachsuchte. Erst als sich vor einer Woche abzeichnete, dass am 1. April 80 Prozent des öffentlichen Verkehrs zum Stillstand kommen würde, lockerten die Richter die Bestimmung: Fahrzeuge, die eine feste Bestellung für eine CNG-Installation ausweisen konnten, dürfen bis Ende September auf den Straßen bleiben.
Das Resultat war ein weiteres Chaos, wie es dieses Land zu lieben scheint. Zuerst bildeten sich vor den Geschäftsstellen der einzigen staatlichen Firma, die CNG-Kits einbaut, Menschenschlangen, die sich um den Häuserblock zogen. Die Quittung für die feste Bestellung in der Tasche, mussten sich die Bus- und Taxibetreiber anschließend an vier weiteren Schaltern einreihen, bis sie die dutzendfach abgestempelten Dokumente endlich besaßen, die sie vor der Konfiszierung des Fahrzeugs schützten.
Die einzige Hilfe für die geplagten Hauptstadtbewohner kam vom Himmel. Der 1. April war ein Sonntag, und in dieser Woche feiern gleich drei Religionen wichtige Feste. Die meisten „Delhiwallahs“ begaben sich daher in eine Woche Zwangsferien, in der Gesellschaft ihrer glücklichen Kinder, die angesichts der fehlenden Busse schulfrei haben. BERNARD IMHASLY
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