■ Cash & Crash: Die Kanzler-Wette
Berlin (taz) – Börsenspekulanten spekulieren. Zur Zeit hauptsächlich über den Ausgang der Bundestagswahl. Eine Meinungsumfrage räumte am Wochenende der jetzigen Regierungskoalition Chancen auf die absolute Mehrheit ein – was auf dem Börsenparkett mit Freudentänzen beantwortet wurde. Der Deutsche Aktienindex (DAX) schoß am Montag in einem Kursfeuerwerk um über drei Prozent in die Höhe, und gestern stieg er noch einmal um 2,28 Prozent.
Die Börse ist ein Spielsalon, der den Buchmachern ernsthaft Konkurrenz macht. Die Citibank etwa bietet Wettscheine an, die sich vornehm „Capped Dax Chooser Optionsscheine“ nennen. Am Freitag vor der Wahl wird der Basiskurs für diese Scheine festgelegt, am Montag danach entscheidet sich, je nach Wahlausgang, ob mit diesen Anrechtsscheinen auf steigende oder sinkende Kurse spekuliert wird. Genau ein Jahr danach erfährt der Spieler – Verzeihung, Anleger natürlich –, ob er gewonnen hat.
Die Präferenz der Börsianer ist klar: Kohl for Chancellor. Da weiß man, was man hat. Das Spiel würde jedoch keinen Spaß machen, wenn nicht auch Spannung dabei wäre, und zwar in Form des „Rot-grünen Horrorszenarios“, von dem Investmentbanker sprechen. Zwar gibt die Anlagefirma Merryl Lynch dem nur eine zehnprozentige Chance. Aber die Folgen wären zweifellos schrecklich. Eine höhere Mineralölsteuer würde die Inflation entfesseln, die Währungshüter der Bundesbank müßten mit drastischen Zinserhöhungen das Schlimmste verhindern, doch das Unheil nähme seinen Lauf: Hohe Zinsen lassen die Aktienkurse einbrechen.
Auch eine große Koalition (20prozentige Wahrscheinlichkeit nach Merryl Lynch) wäre schlimm, ganz schlimm. „Politische Unsicherheit als Ergebnis eines nicht entscheidungsfähigen Parlaments dürfte die Finanzmärkte erheblich schwächen“, orakelt düster die Londoner Investmentfirma Lehman Brothers.
Wir sollten also am Sonntag in uns gehen und Kohl wählen. Nur dann könnten die in- und noch mehr die ausländischen Investoren, die sich in der Unsicherheit des Wahljahres zum Schaden der deutschen Börse zurückhielten, endlich wieder die Geldsäcke aufschnüren und die deutschen Aktienkurse zu neuen Höhepunkten treiben. Nicola Liebert
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