„Carol & the End of the World“: Kurz vor knapp
Ein Netflix-Cartoon zeigt unterschiedliche Wege, mit dem Ende der Welt umzugehen. Und das lohnt sich verdammt nochmal sehr.
Was würden Sie tun, wenn Sie wüssten, dass in sieben Monaten und dreizehn Tagen die Welt untergeht? Ein halbes Jahr harmonisches Heititei feiern mit den Eltern? Oder doch lieber mit Wildfremden von einer Orgie in die nächste stolpern? Eine Weltreise? Oder all die Drogen testen, die Sie bisher aus Angst nicht probiert haben?
Der Weltuntergang bringt Menschen – dafür sind diese Erzählungen ja da – dazu, zu tun, was sie wollen. Nur Carol, die weiß leider gar nicht, was sie will. Leider! Denn ständig wird sie von den besorgten Eltern, die nudistisch mit einem jungen Pfleger in einer WG und Dreierbeziehung leben, mit der Frage genervt, was sie eigentlich den ganzen Tag so macht.
„Nichts“, wäre eine ehrliche Antwort. Aber Carol traut sich nicht, auch wegen der abenteuerlichen Erzählungen ihrer Schwester. Stattdessen erfindet sie ein edgy Hobby: Surfen. Und schon sind alle erleichtert und zufrieden: Carol geht es gut!
Dabei hadert sie, sitzt rum, denkt nach und geht gelegentlich im vom Militär betriebenen Supermarkt (Wer will schon das letzte halbe Jahr der Welt unterbezahlt an einer Kasse sitzen?) einkaufen. Nicht mal die kurze Beziehung zu einem Mann kann sie aus dem Loch ziehen. Der entpuppt sich rasch als toxischer Klammerer.
Getackert und gelocht
Erst in einem ansonsten verlassenen Gebäude findet Carol Linderung: die Buchhaltung. Hier machen die Leute weiter! Hier wird getackert und gelocht, abgeheftet und kopiert. Über Bürokram die eigene Vergänglichkeit verdrängt – ein Traum. Zumindest vorerst.
zehn Folgen bei Netflix
Wäre „Carol & the End of the World“ eine Serie mit echten Schauspieler*innen oder ein schick-nieschiger nordischer Film, die Geschichte würde Preise abräumen. Aber sie ist ein Cartoon. Für Erwachsene. Die haben leider, fast schon traditionell, zu viel Angst davor, bei Animationsserien Lächerlichkeiten bezeugen zu müssen und sich dann doch dabei berührt zu fühlen.
Diese Serie aber sollten sie verdammt noch mal wirklich schauen. Gefühl- und humorvoll öffnet sie Welten, erzählt von Verlustangst, Depression und dem Schutz vermeintlicher Normalität.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert