piwik no script img

CTM-Festival in BerlinWasser, Eis und Dissonanzen

In Berlin findet das CTM-Festival für abenteuerliche Musik statt. Im Fokus stehen etwa japanische Lärmbuddhisten und ein Deathmetalchor aus Kanada.

So schön wars im Mittelalter: Deathmetal-Gesangsverein Growlers Choir aus Montréal im Radialsystem Foto: Camille Blake/flickr

CTM-Festivalzeit ist eine eigene Jahreszeit, in der die ganze Welt auf Berlin blickt. Nur, dieses Mal sieht sie erst mal: wenig. Berlin ist neblig, kalt und eisglatt. Da kommt nostalgische Stimmung auf, so war’s damals, als das Festival in seinen Flegeljahren um die Jahrtausendwende noch in der Maria am Ostbahnhof stattfand und trotz einsetzendem antielektronischem Backlash (erinnert sich noch jemand an die the-Bands?) und schmalem Budget verlässlich britzelnde Höhepunkte bot.

Damals gehörte die Kälte standardmäßig zum Programm. Inzwischen ist sie klimawandelbedingt eher rar. So oder so, das strenge Winterwetter 2026 ist wie gemacht für den Hund von Baskerville. Vor dem Ungeheuer hat selbst die Berliner Stadtreinigung (BSR) Angst, und streut die Wege hin zum Treptower Festival-Stützpunkt Haus der Visionäre lieber nicht. Und so strömen die Massen nicht zum Eingang, sie straucheln, rutschen und tapern.

Wer die Boredoms kennt, weiß, dass Lärm nie Selbstzweck ist, sondern Ausdruck zenmeditativer Entladung

Drinnen bietet sich das vertraute Bild, jung, alt, international und vielfältig ist das Publikum. Basecaps, Schals, Hoodies mit Slogans sind zu sehen, oft in Signalfarbe Schwarz. Das CTM-Festival ist eine Lernwerkstatt, in der zugeschaut <i>und</i> mitgebaut wird. Es ist eh besser in Bewegung bleiben, denn die Raumtemperatur im Haus der Visionäre ist unwesentlich höher als vor der Tür.

Ein echter Headcleaner

Lautstärke spendet Trost. Besonders, als Eye & C.O.L.O. aus Osaka die Halle in einen Ballerspiel-Soundscape tunken: Darmwinde von Gött:innen und fiepende Sinustöne, dazu Blastbeats von 200 Bpm aufwärts und gelegentliches Geblöke. Ein Headcleaner zur trüben Weltlage. Wer Yamantaka Eye von seiner Noiserockband Boredoms kennt, weiß, dass Lärm hier nie Selbstzweck ist, sondern Ausdruck einer zenmeditativen Entladung. Out-of-Body-Music, die den Shit mit Verve zurückfloatet. Dabei stehen Eye und sein Kollege C.O.L.O. wie Buddhastatuen mit Headsets weitgehend reglos vor den Laptops. Im Publikum wird getanzt.

Direkt aus dem Mittelalter, vielleicht aber auch nur aus Montréal hat der Deathmetal-Gesangsverein Growlers Choir den Weg ins Radialsystem gefunden, einem weiteren CTM-Stützpunkt. Diesmal ist die Raumtemperatur behaglich, die wie Zisterzienser in simple Kutten gekleideten Sänger:innen, kühlen den Saal trotzdem aus. Während sie die Stufen der Zuschauertribüne röchelnd wie zur Hinrichtung hinabschreiten, taucht der Hund von Baskerville wieder vor dem inneren Auge auf.

Eye & C.O.L.O. aus Osaka tauchen das Berliner Haus der Visionäre in einen Ballerspiel-­Soundscape Foto: Oyèmi Hessou/flickr

Sodann wird gekrächzt und geräuspert, was die Stimmbänder hervorbringen. Chorleiter (und Komponist) Pierre-Luc Senécal dirigiert – auf Augenhöhe mit den Sänger:innen – und spielt die düstere Musikkulisse am Laptop ein. Wieder prasseln Blastbeats, Gitarren jaulen höllisch auf, dazwischen immer wieder abrupte Breaks, die Gesangsarrangements sitzen und passen sich ins böse Musikbett ein.

Wie man graphisch komponiert

Trotz Kühlschranktemperatur herzerwärmend ist der Workshop mit dem polnischen Komponisten Marcin Pietruszewski im Haus der Visionäre. Die Straßen sind immer noch nicht gestreut, aber dafür erklärt der in Weimar und Newcastle lehrende Künstler anschaulich, wie man grafisch komponiert. Mit dem Opensource-Programm Supercollider zeichnet Pietruszewski Klänge am Bildschirm und erschafft mit einer Koordinatenachse Musik: Schraffuren auf der X-Achse bilden Timbre (Frequenzen), die auf der Y-Achse Pitch (Tempo) ab.

Der alte Menschheitswunsch, Sound zu visualisieren ist hier Wirklichkeit geworden. Ihn habe die Frage umgetrieben, wie gut ein Algorithmus Klang beschreiben könne, erklärt der polnische Künstler und verweist auf den griechischen Elektronikpionier Iannis Xenakis und dessen Idee einer stochastischen Musik. Am Bildschirm wirkt es, als schaue man einem EKG zu, wenn es einen Herzmuskel darstellt.

Tief Leonie und die von ihr verursachte Kälte bremst nicht nur Teile des Nahverkehrs aus, auch das CTM-Programm steht auf der Kippe, als der Flug der Kanadierin Kara-Lis Coverdale ausfällt. Spontan springt die Berliner Stimmakrobatin Lyra Pramuk ein. Vorher ist noch die Britin feeo an der Reihe. Dicht an dicht schmiegen sich Besucher:innen im voll besetzten Radialsystems halbkreisförmig an die Singer-Songwriterin und ihren Gitarristen Caius Williams heran. Von Kälte ist in feeos Texten die Rede, von unmarkierten Gräbern und allerlei Düsterem, ihre Stimme aber erwärmt den Raum.

Tonlagen und Klangfolgen

An Tirzah erinnert ihr Vortrag, an Beth Gibbons auch, ziemlich harmonisch für ein Festival, das sich 2026 eigentlich dem Dissonanten verschrieben hat. „Dissonate <> resonate“ lautet das CTM-Motto. Hymnisch schließt Pramuk daran an, performt mit wehenden Ärmeln die Songs ihres neuesten Albums „Hymnal“. In diesem Gesangsbuch hat Pramuk wenig Text notiert, sie konzentriert sich auf Tonlagen und Klangfolgen.

Untermalt wird das auf großer Leinwand mit einem Film von Lucy Beech, auf dem sich glossig-glänzende Lippen in Großaufnahme öffnen und schließen, Wimpernbögen sich ineinander verheddern, Wasser gegen Kanalwände wogt und Vogelschwärme flattern. „This is the time and this is the record of the time“, zitiert Pramuk immer wieder Laurie Andersons „From the Air“, von deren Debüt „Big Science“ aus dem Jahr 1982. Die Zeiten, ja die Zeiten.

Am Ende schafft es Coverdale noch. Da haben sich die Reihen aber schon gelichtet. Die Künstlerin versteht Musik als Fürsorge, komponiert für Atemarbeit und psychedelisch unterstützte Therapien. Als Soundtrack eines ins Surreale entglittenen Märchenfilms könnte man sich das vorstellen, was sie da hervorfrickelt. Alle denkbaren Spannungsbögen kleidet sie aus, dissonant, konsonant, tatsächlich heilsam. Hunde haben da keine Chance.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare