Bunte Republik Neustadt: Mickymaus im Ährenkranz

Mitten in Dresden existiert ein Scheinstaat mit eigenen Pässen. Zu seiner Geburtstagsfeier kommen auch Vertreter aus anderen Mikronationen.

Archivarin der Mikronation: Anett Lentwojt mit BRN-Flagge. Bild: Amac Garbe / www.ein-satz-zentrale.de

DRESDEN taz | Mirko Sennewald sieht mit seinen langen schwarzen Haaren, dem schwarzen Samtstirnband und der immer schwarzen Kleidung nicht aus wie ein Staatsmann. Trotzdem ist er einer. Er ist „informeller Hobby-Außenminister“ der Mikronation Bunte Republik Neustadt (BRN), die Anspruch auf einen reichlichen Quadratkilometer erhebt, der in den Grenzen von Dresdens hübschem Gründerzeitviertel Äußere Neustadt liegt.

Die BRN ist ein Scheinstaat, mit eigener Verfassung, mit Reisepass, Satire-Zeitung und seit Kurzem sogar mit eigenen Briefmarken. Ihr Kennzeichen ist eine schwarz-rot-goldene Flagge mit Mickymauskopf, umrahmt von einem Ährenkranz. Sie ahmt die Struktur der Gesellschaft nach, in der sie existiert, und nimmt sie gleichzeitig auf den Arm.

Eine der bekanntesten Mikronationen der Welt ist die Freistadt Christiania in Kopenhagen, die, im Gegensatz zu so ziemlich allen anderen, von der dänischen Regierung immerhin als autonome Kommune geduldet wird. Ganz so ernst meint es die Dresdener BRN nicht. In ihrer „(Un)Verfassung“ steht, dass die Regierung „nichts verspricht, außer der Fortführung des guten und schlechten Wetters unter allen Bedingungen sowie harten Widerstand gegen Spekulation, Mietwucher, Zerstörung und Vertreibung der Bewohner der BRN.“

Die Bewohner, das sind die mehr als 17.000 Stadtteilbewohner, zumindest könnten sie es sein. Bisher haben sich allerdings weniger als ein Prozent dazu bekannt und einen entsprechenden Zweitpass beantragt. Die Bunte Republik Neustadt hat ein PR-Problem in der realen Welt, die sie umgibt. Und das eigentlich schon, seitdem sie gegründet wurde.

An 362 Tagen im Jahr führt sie ein Schattendasein, lebt im Dunkel eines kleinen Neustädter Museums, das vor allem die anarchischen Anfänge auf vielen Schwarzweißfotos konserviert. Sie überlebt, weil sie einmal im Jahr ihren Geburtstag feiert; ein dreitägiges Stadtteilfest mit geschätzten 150.000 Besuchern – offizielle Zahlen gibt es nicht, weil es keinen einzelnen Veranstalter gibt, sondern jeder seinen Stand selbst anmeldet.

Die Mickymaus weht über Dresden. Bild: Amac Garbe / www.ein-satz-zentrale.de

Nur wenige, auch von den Bewohnern der Neustadt, dürften wissen, was sie da feiern. Gerade ging der 24. Republikgeburtstag zu Ende und wie jedes Jahr errichteten auch ein paar befreundete Mikronationen ihre Botschaften auf dem Festgelände.

Zum vierten Mal angereist ist Tomasz Czepaitis, Außenminister der Unabhängigen Republik Uzupis, einer litauischen Künstlerkolonie, die sich im gleichnamigen Stadtteil Vilnius von Stadt und Land lossagte, allerdings ohne bisher von Stadt oder Land anerkannt worden zu sein. Der weitgereiste Minister bringt nicht nur seine mobile Botschaft, Aufkleber und eine Fotoausstellung mit nach Dresden, er verleiht auch dem BRN-Außenminister Sennewald für seine diplomatischen Aktivitäten den Ritterorden seiner Mikronation – eine Kette mit einer silbernen Knoblauchzehe. „Zur Abwehr von Vampiren“, wie er sagt.

Ab und zu regnet es. Das ist nicht nur durch die „(Un)Verfassung“ legitimiert, sondern führt auch dazu, dass die Botschaft voll ist. Botschaften als letzter Unterschlupf, das kennt man aus der echten Welt. Doch hier freut man sich, wenn sich jemand einbürgern lassen möchte. Zwanzig Bunte Republikaner sind es am Sonnabend, die mit einen Mickymaus-Pass nach Hause gehen.

Staatsbesuch aus Slowenien

Gegenüber, bei der diplomatischen Vertretung des interdisziplinären Künstlerkollektivs Neue Slowenische Kunst (NSK), ist der Chefdiplomat Alexander Nym gerade nicht zugegen. Er hält eine Staatsrede in einer Dresdener Galerie. „Die NSK ist keine Mikronation, sondern der erste globale Staat des Universums“, erklärt der in Leipzig lebende Nyn den Umstand, dass er NSK-Staatsbürger werden konnte. Er vertritt hier die Dependance NSK Lipsk, sorbisch für Leipzig.

Während bei der BRN nur mitmachen kann, wer innerhalb der Viertelgrenzen lebt, ist bei der NSK jeder willkommen. Sie ist sowieso ein Staat ohne Territorium, es geht also eher um eine übergeordnete Zugehörigkeit. Die slowenischen Musiker von Laibach sind Gründungsmitglieder der NSK und bis heute international bekannte Vertreter, die mit ihrer brachialen Symbolik, mit ihren schwarzen Uniformen und Springerstiefeln nicht nur innerhalb ihrer Landesgrenzen provozieren.

Farblich passt Mirko Sennewald gut zur NSK. „Die Einbürgerungsdokumente liegen bei mir in der Schublade. Seit 15 Jahren.“ Er ist bereits Staatsbürger einiger Utopien. Der studierte Politikwissenschaftler und Philosoph engagiert sich mit seinem Verein Kultur Aktiv seit vielen Jahren für den Austausch, für den kleinen im Hinterhof genauso wie für den großen zwischen Dresden und Osteuropa.

Über den Dächern von Neustadt: Mirko Sennewald schaut auf sein Volk. Bild: Amac Garbe / www.ein-satz-zentrale.de

Von seinen Reisen brachte er 2010 auch die Idee der Mikronation mit. Bis dahin galt die BRN als alternativer Staatsentwurf, entstanden aus Übermut in der ungewissen Wendezeit. „Ursprünglich wollten ein paar Neustädter, eine Woche bevor die Ostmark ihre Gültigkeit verliert, nur ihr DDR-Geld verprassen und ein bisschen Spaß haben“, sagt Anett Lentwojt vom BRN-Museum, die seit Jahren zusammenträgt, was an Reliquien und neuen Exponaten zum Thema zu finden ist. In ihrem Haus hängt eine Kopie der Verfassung von 1990, geschrieben von der „Ordentlichen Provisorischen Regierung“, die allerdings schon 1993 das Interesse an einer Weiterführung ihrer Utopie im von der D-Mark berauschten BRD-Staat verlor.

Dass heute trotzdem überall in der Äußeren Neustadt die BRN-Flagge weht, ist Sennewald und knapp 20 engagierten Neustädtern zu verdanken. Als „Schwafelrunde (ohne Ritter)“ tagen sie seit 2010 regelmäßig in verschiedenen Neustädter Kneipen und überlegen, wie sie ihre Mikronation sichtbar machen können. Deshalb haben sie auch dieses Jahr wieder Flaggennachschub von einem kleinen Nähladen im Viertel produzieren lassen. In ihr mikronationales Bewusstsein hineingewachsen, wollte sich eine kleine Delegation der Bunten Republik Neustadt im Juli mit anderen Mikronationen aus aller Welt treffen.

In der Freien Republik Alcatraz, einer Künstlerkolonie in Italien, sollte die Konferenz PoliNation stattfinden, an der neben den Scheinstaaten auch echte Wissenschaftler teilnehmen sollten, die sich mit dem Phänomen Mikronation auseinandersetzen wollten. Einen Tag vor Flugbuchung jedoch bekommt Sennewald in einer Mail mitgeteilt, dass aus diesem Treffen nichts wird.

Virtuelles Missverständnis

Auf eine schriftliche Nachfrage beim Organisator George Cruickshank, antwortet der Australier, dass sich trotz großer Interessensbekundung nur 23 Mikronationen verbindlich angemeldet hätten. „Ich vermute, dass viele die Veranstaltungsform als virtuell missverstanden haben, obwohl wir sie ausführlich als in der echten Welt stattfindend beschrieben.“

Für Cruickshank, selbst Herrscher über eine Mikronation namens „Empire of Atlantium“, sind viele seiner Mitstreiter komplette Fantasten. „Das diesjährige Ergebnis bringt mich zu dem Schluss, dass Veranstaltungen für Mikronationen Zeit- und Geldverschwendung sind. Deshalb wird die internationale Konferenz auf 2015 verschoben und dann hauptsächlich von Akademikern und interessierten Journalisten getragen.“

Mirko Sennewald und seine Regierungstruppe planen für 2015 ein größeres Mikronationentreffen im Hoheitsgebiet ihrer Bunten Republik Neustadt. Wenn der gerade stattgefundene Geburtstag verdaut ist, wenn alles mit dem Ordnungsamt und der Polizeibehörde des Makrostaates drumherum geklärt ist, besuchen sie ja vielleicht auch noch die Freie Republik Alcatraz in Italien. Zur informellen Pflege der informellen Beziehungen zwischen zwei informellen Staaten. Denn auch die größte Utopie braucht mal ein bisschen Zeit, um sich zu entspannen.

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