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■ Bücher.kleinSommerzeit Pennerzeit

Es ist Sommer. Da fällt dem einen oder andern jungen Mann in deutschen Redaktionsstuben was ganz Tolles ein: einmal aussteigen, ganz unten sein, in der Gosse, auf der Straße, unterwegs, Wallraff gleich mittendrin, vogelfrei und doch wissend um das wohltuende Ende der Simulation, des „Rollenspiels“. Aber, wissen, wie das ist ganz unten, wie man sich fühlt! Ja, im Sommer, da findet man sogar das Pennerdasein irgendwie interessant. „Hinab in die Verließe der alten Welt“ lautet die Überschrift einer doppelseitigen Reportage. „Unser Autor trampte als Landstreicher durch Europa“, der spannende Untertext. Noch billiger als Interrail, hey!

Die jungen Männer und die Penner. Auch Landstreicher genannt, oder, im neuen Sozialjargon, die Obdachlosen, Nichtseßhaften. Das Abtauchen in ihre Welt hat Tradition, von Kisch über Orwell, dann kommt lange nichts, eigentlich gar nichts, kann gar nichts kommen. Bis zu Büchern à la: „Deutschland umsonst“, „Haste mal 'ne Mark“. Oder zu jenem von Autor Rüdiger Heins: „Obdachlosenreport“.

Heins zog es früher schon zu den Zigeunern am Rand der Stadt, die ihn immer gern zu Speis und Trank luden. Doch jenseits dieses Sozialkitschs kriegt er einigermaßen die Kurve in seinem facettenreichen Band. Neben den jungmännerüblichen (Initiation?!) Erfahrungsberichten (es ist kalt, das Feuer geht durch den Regen aus, er könnte heulen ...) taucht er ein in die Welt der Obdachlosen. Beschreibt die schäbigen, stinkigen Unterkünfte, den Gang zum Sozialamt, geht zu Pfarrern, porträtiert Leute, u.a. auch eine Sozialarbeiterin, die glaubte, durch Liebe einen Treber von seiner „Sucht“ erlösen zu können, schreibt aber auch gegen den Fatalismus des „einmal unten, immer unten“ an. Einige (wenige) schaffen nämlich auch den Wiedereinstieg.

Heins gelingen kurze, spannende Personenprofile, etwa das des Sozialarbeiters Jürgen Malyssek, dessen ruheloses Leben ihn wohl für diese Arbeit prädestinierte. Jenseits des Wissens um die eklatante Zunahme der Obdachlosigkeit (auch mehr und mehr Frauen und Jugendliche) erfährt die Leserin auch, daß es immer noch Obdachlose gibt, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf der Straße sind. Und da ist auch noch die Geschichte des Mannes, der nach Scheidung und beruflichem Absturz seine Kinder ab und zu noch sehen wollte und dem es einige Zeit noch gelang, sich zur Zusammenkunft ein Zimmer zu mieten. Ein Buch jedenfalls mit vielen Zwischentönen, von jemandem, der es gut meint mit den Pennern, der sie zeichnet, ohne sie zur statistischen Masse werden zu lassen. AS

Rüdiger Heins: „Obdachlosenreport. Warum immer mehr Menschen ins soziale Elend abrutschen“. Zebulon Verlag Düsseldorf, 168 S., 24,80 DM

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