Bücher schreiben und Geld verdienen: Schwerstarbeit Literatur

Wie viel verdienen Schrift­stel­le­r:in­nen eigentlich? Können sie von ihren Büchern leben? Darüber ist gerade eine Debatte entbrannt.

Der Autor Dincer Gücyeter als Gabelstaplerfahrer

Wenn der Dichter Dinçer Güçyeter nicht gerade am Schreibtisch sitzt, fährt er einen Gabelstapler Foto: privat

Ein Foto auf Facebook brachte alles ins Rollen. Darauf zu sehen: Dinçer Güçyeter, wie er auf einem Gabelstapler sitzt, hinter ihm sind ein paar voll bepackte Euro-Paletten und das Werktor einer Spedition zu erkennen. Dieses Bild postete Güçyeter im Oktober 2020, und es entfachte schnell eine lebhafte Diskussion. Denn der 43-Jährige ist Lyriker und Verleger des Elif Verlags. In der Spedition arbeitet er werktags von 6 Uhr bis 10 Uhr – sozusagen: nebenberuflich. Während der Coronazeit hatte er den Stapler-Job angenommen, als das ohnehin unsichere Dasein im Literaturbetrieb schlagartig noch unsicherer wurde.

Weit über 150 Kommentare folgten, Schrift­stel­ler­kol­le­g:in­nen erzählten einander von ihren Jobs, diskutierten über ihre Arbeitsverhältnisse. Es entstand die Idee, ein Buch zum Thema zu machen – und ein Jahr darauf erschien dann ein solcher Sammelband, unter dem Titel „Brotjobs & Literatur“. Darin machen Au­to­r:in­nen das, was sie sonst selten tun: Sie reden (schreiben) übers Geld. Wie hoch ihre Honorare und Einnahmen sind, welche Nebentätigkeiten sie ausüben, um im Hauptberuf Schriftsteller sein zu können. Oder umgekehrt?

Die Debatte rührt an einem Tabu. Iuditha Balint, Direktorin des Fritz-Hüser-Instituts für Literatur und Kultur der Arbeitswelt und Mitherausgeberin von „Brotjobs & Literatur“, sagt im Gespräch mit der taz am wochenende: „Alle Au­to­r:in­nen erzählten uns, dass im Literaturbetrieb über Geld und über Honorare wenig bis gar nicht gesprochen werde. Und wenn, dann nur verschleiert.“

Offenbar gibt es einerseits eine Scham, über Honorare zu sprechen, andererseits eine Hemmung, sich selbstbewusst als Schrift­stel­le­r:in zu bezeichnen. Die Autorin Isabelle Lehn beschreibt dies in ihrem Beitrag für das Buch so: „Als Schriftstellerin leben zu wollen scheint ein unverschämter Wunsch zu sein. Ich fühle mich schamlos, wenn ich mich zu meinem Beruf äußere und erst einmal erklären muss, wie viel ich verdiene, um mich so nennen zu dürfen. Wenn ich heute davon leben kann, dann auch, weil ich die Scham überwunden habe, meinen Beruf als Beruf ernst zu nehmen, meine Arbeit als Arbeit anzuerkennen und ihr einen Preis beizumessen.“

Ist das Schreiben überhaupt ein „richtiger Beruf“?

Kunst und Arbeit, Literatur und Arbeit sind dabei insgesamt – auch aufgrund der Pandemie – größere Themen geworden. So hat kürzlich auch die Soziologin Carolin Amlinger eine umfassende Analyse zum „Schreiben“ veröffentlicht, zu den Produktionsbedingungen von Literatur. Die grundsätzliche Frage, die beide Bücher stellen: Was zeichnet ein:e Schrift­stel­le­r:in eigentlich aus? Welches Verständnis haben Gesellschaft und Politik, welches Selbstverständnis haben Schrift­stel­le­r:in­nen von ihrem Schreiben? Handelt es sich überhaupt um einen ‚richtigen‘ Beruf?

Carolin Amlinger: „Schreiben. Eine Soziologie literarischer Arbeit“, Suhrkamp Verlag, Berlin 2021, 800 S., 32 Euro

Iuditha Balint, Julia Dathe, Kathrin Schadt und Christoph Wenzel (Hrsg.): „Brotjobs & Literatur“, Verbrecher Verlag, Berlin 2021, 234 S., 19 Euro

Dinçer Güçyeter glaubt, ein überkommener Geniemythos verhindere, dass die Gesellschaft den Begriff „Arbeit“ mit dem Künstlerdasein assoziiere. „Der Beruf des Künstlers wird romantisiert“, sagt er im Videotelefonat. „Es gibt noch immer die Vorstellung, dass der Schriftsteller von der Muse geküsst wird und dann etwas zu Papier bringt. Ich sitze aber nicht zuhause und warte auf die Muse! Dafür sitze ich jeden Tag am Schreibtisch und schreibe etwas. Ob es ein Gedicht ist oder eine Strophe oder nur ein Satz.“

Güçyeter hat den Elif Verlag in seiner Heimat Nettetal am Niederrhein 2011 gegründet, als Autor veröffentlicht er selbst Gedichtbände, und seinen Erwerbsalltag skizziert er so: Staplerfahren, Steuernachzahlungen, Stipendienbewerbungen. „Ich verstehe mich als Arbeiter. Mit Sprache konstruiere ich Texte. Diese Arbeit möchte ich gut machen, allein aus Respekt vor den Menschen, die 20 Euro für ein Buch ausgeben. Die Texte werden oft hundert Mal von mir umgeschrieben, bis sie fertig sind. Das kann Knochenarbeit sein.“ Wenn man Literatur als etwas Hehres betrachte, entwerte das andere, ebenfalls wichtige Tätigkeiten. „Meine Arbeit ist nicht wertvoller als die Arbeit eines Müllmanns oder einer Putzfrau“, meint der Dichter.

Dass über Künstlerberufe viel zu wenig bekannt ist, auch in der Politik, hat die Frühphase der Coronakrise gezeigt. Fast alle Schrift­stel­le­r:in­nen arbeiten, steuerrechtlich gesehen, als Soloselbstständige, die ersten aufgelegten Hilfsprogramme griffen bei ihnen nicht. „Es hat acht Jahre gedauert, bis ich dem Finanzamt überhaupt verständlich machen konnte, was mein Job und was Lyrik ist“, sagt der dichtende Gabelstaplerfahrer, der schwer schuftende Verleger Dinçer Güçyeter.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Soloselbstständige sind Sonderfälle auf dem Arbeitsmarkt, wenngleich mehr als 2,2 Millionen von ihnen existieren, doppelt so viele wie noch in den Neunzigern. Bei Ver­mie­te­r:in­nen und Banken sind sie Berufstätige zweiter Klasse. Auch Güçyeter gilt bei seiner Hausbank als nicht kreditwürdig: „Ich habe in den zehn Jahren, die ich jetzt als Verleger und Lyriker arbeite, vier oder fünf Mal bei meiner Bank gefragt, ob ich mein Konto um tausend Euro überziehen kann. Ein einziges Mal haben sie es zugelassen, weil ich fast auf die Knie ging. Ich bin seit dreißig Jahren dort Kunde.“

Die meisten Schrift­stel­le­r:in­nen schöpfen aus vielen unterschiedlichen Einnahmequellen. Der Bücherverkauf ist nur eine davon, in der Regel erhält der Autor zwischen 5 und 15 Prozent des Nettoladenpreises. Vorschüsse des Verlags werden darauf angerechnet. Geht man von einem Buchpreis von 20 Euro aus und durchschnittlich 10 Prozent Beteiligung, verdient ein:e Au­to­r:in also nur 2 Euro pro verkauftem Exemplar. Lesungshonorare sind ein weiterer Einkommensbaustein, sie liegen in der Regel irgendwo zwischen 100 und 600 Euro, bei Best­sel­ler­au­to­r:in­nen oft deutlich höher. Die Empfehlung des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller liegt aktuell bei 300 Euro pro Lesung, soll aber bald auf 500 Euro angehoben werden. Finden Lesungen weniger häufig statt wie während der Coronakrise, geht die Mischkalkulation nicht mehr auf.

Außerdem erhalten Schrift­stel­le­r:in­nen jährliche Zahlungen der Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort). Die VG Wort, gegründet 1958, sammelt Tantiemen von Bibliotheken und Abgaben für Kopier- und Vervielfältigungsrechte ein und schüttet sie an die Au­to­r:in­nen wieder aus. Zu diesen Einnahmen können Preisgelder und Stipendien hinzukommen. Ein weiteres berufliches Standbein für Schrift­stel­le­r:in­nen können Dozentenjobs sein. Um als Au­to­r:in zu Geld zu kommen, sind im Netzzeitalter neue, mitunter durchaus lohnende Finanzierungsmodelle hinzugekommen: über Portale wie Patreon oder OnlyFans kann man sich direkt von den Le­se­r:in­nen unterstützen lassen.

Zugute kommt der gesamten Branche immerhin, dass es hierzulande die Buchpreisbindung gibt und kein Preiskampf um Bücher stattfinden kann. Zudem können sich Schrift­stel­le­r:in­nen über die 1983 gegründete Künstlersozialkasse kranken-, renten- und pflegeversichern.

Zu Goethes Zeiten hatten viele Au­to­r:in­nen andere Jobs

Der Begriff des „freien Schriftstellers“ wurde erst in der Frühen Neuzeit üblich, die Bezeichnung wurde als Abgrenzung verwendet zu den höfischen Dichtern der vormodernen Epochen, deren bekanntester Vertreter in unseren Breitengraden wohl Walther von der Vogelweide (ca. 1170 – 1230) war. Im Grimmschen Wörterbuch vom Ende des 19. Jahrhunderts steht: „die anwendung des wortes in dem uns gebräuchlichen sinne, dasz ein mann bezeichnet wird, der berufsmäszig eine literarische thätigkeit ausübt, wird erst im 18. jh. üblich.“ Obwohl es zu der Zeit auch schon Schriftstellerinnen gab, werden ausschließlich Männer genannt. Das liegt auch daran, dass der zu Zeiten der deutschen Klassik entstandene Begriff des Genies sehr lange männlich konnotiert war.

Vom Schreiben leben konnte auch zu Goethes und Schillers Zeiten kaum ein:e Schriftsteller:in, fast alle hatten einen Hauptberuf als Lehrer:innen, Aka­de­mi­ke­r:in­nen oder Jurist:innen. Berufsschriftsteller im heutigen Sinne gibt es wohl etwa seit der Barockzeit im 17. Jahrhundert, Philipp von Zesen und Sigmund von Birken wären als zwei Vertreter dieser Gattung zu nennen. Als eine der ersten hauptberuflichen Schriftstellerinnen gilt Sophie von La Roche (1730 – 1807), Autorin von „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“.

Grafik zu Verdienst von Schriftstellern.

Foto: Grafik: Infotext/L.N.

Die Begriffe „freier Schriftsteller“ oder „freier Autor“ werden bis heute verwendet – wie „frei“ ein:e Au­to­r:in bei gleichzeitiger (ökonomischer) Abhängigkeit von Auftraggeber:innen, Jurys, Selbstvermarktungsgeschick und dem Talent ihrer Agen­t:in­nen aber wirklich sein kann, darauf geht Carolin Amlinger in „Schreiben“ ein. Ein anonymisierter Schriftsteller, der seinen Lebensunterhalt in anderen Tätigkeitsfeldern verdient, wird bei ihr mit den Worten zitiert: „Lieber arbeite ich und bin als Schriftsteller frei, denn als freier Schriftsteller die ganze Zeit unfrei zu schreiben.“

Was der anonyme Autor damit meint, erklärt Iuditha Balint: Als Fulltime-Schreiber:in ist man in der Regel gezwungen, sehr viele Aufträge anzunehmen: „Es passiert schnell, dass man als Au­to­r:in in eine selbstausbeuterische Struktur hineinrutscht. Einerseits können Au­to­r:in­nen sehr viel Idealismus mitbringen und Angebote ‚unter Wert‘ annehmen, weil sie ihre Arbeit gerne machen. Andererseits können sie es sich oft nicht leisten, schlecht bezahlte Aufträge abzulehnen.“

Die Förderstrukturen sind dabei, so Balint, verbesserungswürdig. Literaturhäuser müssten etwa viel stärker subventioniert werden, „alle arbeiten viel mit ehrenamtlichem Personal und können nur niedrige Honorare für Au­to­r:in­nen zahlen oder – wenn sie keine niedrigen Honorare vergeben wollen – nur wenige Veranstaltungen anbieten.“ Die Förderstrukturen für Schrift­stel­le­r:in­nen sind kompliziert, die Zuständigkeiten auf Bund, Länder und Kommunen verteilt. Oft wird dabei Österreich als Vorbild für Deutschland genannt, denn im Nachbarland gibt es, anders als in Deutschland, eine direkte Verlagsförderung. Schreibstipendien existieren hierzulande allerdings zuhauf, und derzeit kommen noch Corona-Sonderprogramme dazu. Allein für „Neustart Literatur“ stellt der Bund bis zu 21 Millionen Euro bereit.

Inspirationen aus der „normalen Welt“

Die „normale Arbeitswelt“ muss indes nicht nur eine Last, sie kann auch eine wichtige Inspiration sein. Als Dinçer Güçyeter auf dem Stapler saß, stellte er fest, dass es „auch gut tut, wieder in eine fremde Welt reinzuschauen“. Manche Gesamtwerke der Literaturgeschichte wären ohne den proletarischen oder bürgerlichen Beruf der Au­to­r:in­nen kaum entstanden, etwa die Romane des Versicherungsjuristen Franz Kafka und die Gedichte des Arztes Gottfried Benn. Genauso gab und gibt es Arbeiterliteratur und Literatur von Ar­bei­te­r:in­nen (was nicht immer gleichbedeutend ist).

Doch der Schriftstellerberuf bleibt auf dem Arbeitsmarkt ein Sonderfall. Iuditha Balint fordert deshalb eine bindende, gesetzliche Grundlage für Honorare: „Wir müssen dahin kommen, dass Mindesthonorare festgeschrieben werden, auch wenn das vielleicht schwer umzusetzen ist.“

Klar ist: Auch wenn so man­che:r Schrift­stel­le­r:in prekär lebt, nimmt die Zahl derer, die sich vom Schreiben ernähren können, zu. Zu verdanken ist diese Entwicklung, neben Gründungen wie der VG Wort und der KSK in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, auch einem in Deutschland stabilen (sogar Corona trotzenden) Buchmarkt. Doch da die Zahl der selbstständigen Schrift­stel­le­r:in­nen in Deutschland stetig wächst, wird der Anteil dessen, was vom großen Kuchen zu verteilen ist, für je­de:n ein­zelne:n ständig weniger.

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