Buchmesse in Leipzig

Der Konsens ist weg

In Leipzig treffen Leserschaft, KritikerInnen, Verlage und Buchhandel aufeinander. Zuletzt haben sie sich allerlei Kränkungen zugefügt.

Ein aufgeschlagenes Buch

Was bedeutet uns Literatur heute? In einem Buch könnte die Antwort zu finden sein Foto: imago/Westend61

„Er kann schreiben, der Herr Würger“, kommentiert kaffeeelse auf buecher.de ihre Lektüre, und julemaus94 aus Jena sowie BuchhändlerInnen aus dem ganzen Land stimmen ihr zu. Die Qualitätsfeuilletons unserer überregionalen Presse sehen das bekanntlich ganz anders, die Heftigkeit ihrer Vorwürfe gegen Takis Würgers Roman „Stella“ kam recht unerwartet und provozierte ihrerseits einen öffentlichen Brief, in dem sich der Buchhandel mit Autor und Verlag solidarisierte und sich einen „Umgang mit Literatur“ verbat, dessen Polemik nun ihrerseits polemisch als Symptom eines „zunehmenden Bedeutungsverlusts des Feuilletons“ gedeutet wurde.

Bevor Leserschaft, KritikerInnen, Verlage und Buchhandel nun auf der Leipziger Buchmesse aufeinandertreffen, scheinen die Fronten zwischen den wichtigsten Institu­tio­nen unseres Literaturbetriebs also ungewohnt verhärtet. Denn offenkundig geht es in der Debatte längst nicht mehr um Würgers kleinen Roman, vielmehr sind grundsätzliche Fragen auf dem Tisch, an deren Dringlichkeit sich einiges über den Zustand unseres Literaturbetriebs im Ganzen zeigt: Was bedeutet uns Literatur heute, was leistet sie, was darf sie (nicht), und wer darf mit welchem Recht über sie urteilen?

Die Kritikerin Antonia Baum etwa fragt in ihrem klugen Verriss in der Zeit, „warum diese Geschichte überhaupt erzählt wird“, und antwortet, der Text wolle offenbar „absolut nichts außer krass sein, und dafür nimmt er sich die krassesten Pornozutaten: Nazis, SS-Uniformen, eine schöne jüdische Frau, die Juden verrät, Drogen, das Versprechen von Sex, Grandhotels, Berlin im Krieg – geil.“

Damit ist, neutral gesprochen, eine Dimension von Literatur und anderen Künsten aufgerufen, die in Wissenschaft und Kritik oft stiefmütterlich behandelt und ja auch von Antonia Baum sofort disqualifiziert wird: die Dimension des Spektakulären.

Bei „Harry Potter“, „Game of Thrones“, dem neuen Bilderbuch-Album oder „Alita – Battle Angel“ hat niemand ein Problem damit, dass das Geilfinden (delectare, sagt Horaz dazu), die ästhetische Affiziertheit durch Schau- und Wallungswerte, uns für sie einnehmen, deutlich bevor unsere intellektuelle Auseinandersetzung mit ihnen greifen kann. Bei Literatur allerdings, zumal solcher, die schwere Geschichtszeichen verwendet, setzt in solchen Fällen sogleich der Reflex ein, hier ginge es nur darum, uns etwas zu verkaufen, und zwar ganz unmetaphorisch, im ökonomischen Sinne: Spektakuläre Kunst verkomme zur bloßen Ware.

Symbolisches versus ökonomisches Kapital

Der Literaturkritiker David Hugendick (miss-)versteht so auch das Anliegen der BuchhändlerInnen in seiner Replik auf Zeit.Online: Es sei ja klar, dass diese „einen Autor verteidigen, der ihnen offenbar gute Umsätze beschert“. Sie liefen freilich Gefahr, „den kommerziellen Erfolg zum letztgültigen Maßstab“ zu machen.

Dieses Argument zieht unter der Hand die alte Trennung von high und low wieder ein, von E- und U-Literatur, von symbolischem versus ökonomischem Kapital. Dabei ist noch keineswegs ausgemacht, ob nicht „Harry Potter“, „Game of ­Thrones“ oder Bilderbuch Fragen unserer Zeit womöglich viel wesentlicher und wirkmächtiger verhandeln als der x-te Roman über die NS-Zeit.

Noch nie gab es so verschiedene Ideen davon, was gute Literatur ist

Außerdem tut Hugendick den BuchhändlerInnen auch ganz einfach unrecht. Denn selbstverständlich können die sehr gut unterscheiden zwischen einer reinen Unterhaltungsliteratur, die sich im Eingangsbereich ihrer Läden stapelt, und Literatur in einem emphatischeren Sinne. Noch so heftige Verrisse des neuen Romans von Ken Follett oder Jeffrey Archer hätten sie in ihrem Selbstverständnis niemals so verletzen können, dass es zu diesem offenen Brief gekommen wäre.

„Stella“ wildert nicht einfach nur in den schweren Zeichen, der Roman liefert von Anfang an viele historische Fakten und Details, baut echtes Aktenmaterial ein und verhandelt explizit das Problem der Schuld. Wie der Verleger Jo Lendle sehen die BuchhändlerInnen hier also „ein wichtiges Buch, ein Buch, das auch 77 Jahre nach den Ereignissen in einer Weise Geschichten aus dieser Zeit erzählt, die auch Leuten die Augen öffnet, die damals nicht dabei waren“.

Der „Midcult“

Solche Romane sind nun aber der buchhändlerische Idealfall: Sie sind einer Genusslektüre zugänglich und doch keineswegs bloß für den Urlaubsliegestuhl gedacht, nein: LeserInnen kaufen sich mit ihnen auch das gute Gefühl ein, „das Herz der Kultur schlagen gehört zu haben“, wie Umberto Eco sagt, das Gefühl, an einem kulturellen Leben und Diskurs teilzuhaben, wie es sich für ein bürgerliches Selbstverständnis glücklicherweise noch hie und da gehört. Und die gute Buchhändlerin sieht mit Recht genau darin ihren Auftrag: der Kundschaft Lektüren „mit Anspruch“ zu vermitteln, die sie trotzdem gern lesen.

Bücher von, sagen wir, Daniel Kehlmann, Bernhard Schlink, Martin Suter oder Juli Zeh, aber auch von Elena Ferrante, Ian Mc­Ewan, Karl Ove Knausgård oder Haruki Murakami bedienen diese Nachfrage. Erst dadurch, dass Würgers „Stella“ in dieser Kategorie, Eco nennt sie „Midcult“, verortet wird, erklären sich die heftigen Reaktionen auf allen Seiten.

Denn eigentlich liebt die Literaturkritik diese Art von Literatur kaum weniger als der Buchhandel. Schließlich lässt sich hier kulturelle Selbstverständigung betreiben anhand von Büchern, die man lesen kann und die auch tatsächlich gelesen werden.

Eco dagegen fand vor fünfzig Jahren den Midcult deutlich schlimmer als alle Trivialliteratur; wer ihm aufsitze, konsumiere eine ethische und strukturelle Lüge. Denn im Zeichen der Avantgarden des 20. Jahrhunderts seien Kunst und Literatur zu Spezialgebieten geworden, vergleichbar den Wissenschaften. An ihnen teilzuhaben, erfordere Bildung, Arbeit, halt Spezialistentum, und genau um die schummele sich der Midcult-Leser herum, wenn er gläubig einen süffigen Schmöker liest, der „zum Zwecke der Reizstimulierung sich mit dem Gehalt fremder Erfahrungen brüstet und sich gleichwohl vorbehaltlos für Kunst ausgibt“.

„Gedankenlos und obszön“

Das trifft, wie mir scheint, den Kern der Vorwürfe gegen Würgers Roman präzise. Indem die Kritik den Konsens aufkündigt, hier handle es sich um einen relevanten oder zumindest akzeptablen Beitrag zu unserer Kultur, macht sie unterschwellig die Struktur von unser aller Midcult-Konsum sichtbar. Und wer wie Hugendick die Kritik im selben Zuge dafür feiert, „nicht der opportunistischen Verblödungsbereitschaft“ durch kommerzielle Literatur anheimzufallen, verortet sich selbst zugleich in einer Elite von kulturellen Gatekeepern, aus der sich die BuchhändlerInnen nun plötzlich ausgeschlossen sehen.

In Deutschland spielt dabei stets noch eine im engeren Sinne ethische Dimension hinein: Unsere schweren Geschichtszeichen sind ja bis heute ganz überwiegend solche mit NS-Bezug. Baum wirft Würger eben nicht einfach vor, sich gehobene Literarizität etwa durch den Gebrauch eines pseudo­hemingwayschen Stils zu erschleichen, sondern explizit „die Simulation von Bedeutung durch Nazi-Namedropping“.

Sprich: „gedankenlos und obszön“ erscheint sein Projekt erst und vor allem durch die Aneignung eines jüdischen Frauenschicksals im „Dritten Reich“ zu Bestsellerzwecken. Denn Auschwitz , so Patrick Bahners in der FAZ in einem anderen Zusammenhang, sei „in den Theorien des historischen Wissens und der literarischen Fiktion wie im öffentlichen moralischen Bewusstsein der Inbegriff der Tatsache, mit der man nicht spielt“.

Das ist nun freilich ein frommer Wunsch: Vom Trash der frühen Jahre („Ilsa, She-Wolf of the SS“) bis Achternbuschs „Das letzte Loch“ und „X-Men: Apocalypse“, von den Nazi-Zombies in „Call of Duty“ bis „Inglourious Basterds“ und „Er ist wieder da“ wurde und wird dauernd mit den Schrecken der NS-Zeit gespielt. Und so verständlich der Wunsch ist, will man sich ihm wirklich anschließen? Wenn der Mensch nur da ganz Mensch ist, wo er spielt (Schiller), und wenn fiktionales Erzählen ein Medium dieses Spiels ist, dann kann es womöglich auch in diesem ernsten Falle nicht mehr darum gehen, ob, sondern allein darum, wie gespielt wird.

Kränkung oder Herausforderung?

Was der Streit über „Stella“ sichtbar macht, liegt also tiefer: Im breiten, marktförmigen Feld medialer Angebote, in dem unsere Erzählliteratur um Aufmerksamkeit und KäuferInnen konkurriert, muss ein Roman vielleicht ganz andere Eigenschaften mitbringen als noch vor dreißig Jahren. Jedenfalls kann ich nach einigen Erfahrungen mit und in Jurys sagen: Es gab noch nie so divergierende Vorstellungen von dem, was eigentlich gute Literatur ist, wie derzeit. Spektakel oder nicht, schwere Zeichen, Lesbarkeit, Pop? Wir haben einfach keinen konsensfähigen Wertungsmaßstab mehr dafür, und damit gerät auch die Gatekeeperfunktion ins Wanken, die Verlegern, Kritikerinnen und Professoren so lange eigen war.

Das kann man kulturkritisch beklagen, aber es ist womöglich einfach nur der folgerichtige Effekt von Demokratisierung, allgemeiner Bildung und Zugang zum Leitmedium Web 2.0: Kaffeeelse und Julemaus können sich inzwischen bestens selbst darüber verständigen, was gute Lektüre ist.

Für die Leseprofis in Buchhandel, Kritik und Universität mag das eine Kränkung sein – oder aber eine Herausforderung. Die keinesfalls darin bestehen sollte, eine neue Einheitlichkeit herzustellen, sondern darin, unsere ästhetischen Maßstäbe besser zu begründen, sie den tatsächlichen medialen und sozialen Bedingungen der Lektüre anzupassen und sie dennoch unbeirrt zu vertreten.

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